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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das weiße Schaf der Modebranche

Zue Anna im Interview

»Einen Löwen interessiert es nicht, was Schafe über ihn denken!« heißt es in einem Sprichwort. Die meisten Menschen interessiert es leider auch nicht. Gerade bei der Verarbeitung von Schafwolle steht selten das Wohl des Tieres im Fokus. Designerin Zsuzsanna Cséber hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern. Mit ihrem Label Zue Anna gewährleistet sie eine tierfreundliche Scherung und vollste Transparenz – vom Schaf auf der Weide bis zum fertig produzierten Pullover. Mit Chiara Baluch hat sie über die Besonderheiten der Produktion hinter Zue Anna gesprochen.
Geschrieben am

Interview:
Chiara Baluch

Du hast mit Zue Anna das Thema Tierschutz in der Mode neu definiert. Wie muss man sich das genau vorstellen?
Tiere unterliegen besonders in der Textilindustrie keinem besonderen Schutz. In der Wollindustrie gibt es zwar teilweise sehr oberflächliche Standards wie beispielsweise »artgerechte Tierhaltung« oder »Mulesing-freie Wolle«. All diese Vermarktungsformen sind jedoch sehr weit davon entfernt, zum Wohle des Tieres zu handeln.

Aber diese beiden Standards klingen doch erst einmal gut, oder?

Mulesing-freie Wolle verzichtet nur auf die äußerst schmerzhafte Prozedur Mulesing (Entfernen der Haut rund um den Schwanz von Schafen ohne Betäubung), lässt aber andere schmerzhafte Behandlungen wie die Enthornung und das Kupieren außer Acht. Die Industrie spricht schon von artgerechter Tierhaltung, wenn einem Schaf ein Quadratmeter Platz zur Verfügung steht. Sobald es für den Farmer nicht mehr nützlich ist, gelten selbst die Minimalanforderungen nicht mehr. Die Tiere werden auf engstem Raum unter unwürdigen Bedingungen gehalten und dann zum Schlachter gebracht, teilweise unter extrem leidvollen Transport- und Schlachtbedingungen. Wir wissen heute mehr denn je, wie empfindsam Tiere sind. Dennoch bewegen wir uns in der Industrie immer weiter davon weg, unsere sogenannten Nutztiere würdevoll zu behandeln. Billigpreise stehen vor dem Wohl des Tieres. Konsumenten haben also zwei Möglichkeiten: komplett auf tierische Stoffe zu verzichten oder weiterhin auf teure Naturprodukte zu setzen, obwohl es keinen einheitlichen Standard zum Wohl der Tiere gibt.
Wäre es nicht einfacher, auf tierische Fasern zu verzichten? 
Der vollständige Verzicht auf tierische Fasern ist ökologisch wie ökonomisch nicht möglich. Zum einen wollen viele Konsumenten nicht auf die tollen Eigenschaften von Naturfasern verzichten, und zum anderen entstehen hohe Umweltbelastungen durch Polyester und andere synthetische Fasern. Wir brauchen also umweltfreundliche, tierfreundliche und nachhaltige Produkte, die gleichzeitig alle Wünsche an Qualität und Aussehen erfüllen. Deshalb habe ich Zue Anna gegründet. Ich habe ein Jahr lang mit Farmern daran gearbeitet, einen Standard einzuführen, der die Tiere und unsere Umwelt schützt. Unsere Schafe werden nicht enthornt, die Schwänze werden nicht abgeschnitten, es findet kein Mulesing statt, es gibt keine Pestizidbäder, wir stanzen keine Marken in die Ohren der Tiere und haben pro Schaf mehr als über 100 Quadratmeter Weidefläche. Geht es einem Tier schlecht, bekommt es medizinische Betreuung. Wir scheren nach unserem eigenen Standard, dem »Slow Shearing«, bei dem das Schaf unversehrt bleibt. Im Alter wird es nicht geschlachtet, sondern darf seine letzten Jahre weiterhin auf der Weide verbringen.

Wie schaffst du es, den Weg vom Schaf zum Pullover für den Konsumenten nachvollziehbar zu machen?  
Das ist sehr schwer und kostspielig. Auch große Marken haben diesen Ansatz bereits versucht und sind gescheitert. Da ich mein Konzept aber quasi beim ersten Schaf beginne und sehr langsam wachse, kann ich diese Transparenz leisten. Zue Anna kauft nicht einfach Wolle auf Wollauktionen oder Stoffe bei Stoffhändlern, wie es herkömmliche Modemarken tun. Wir haben zwei eigene Herden, und jeder Produktionsschritt wird von mir überwacht. Ich kenne jeden Beteiligten der Produktionskette persönlich und kann so immer nachverfolgen, wo sich meine Wolle gerade befindet. Der zweite gravierende Unterschied ist die Menge: Industriemaschinen können tonnenweise Rohwolle verarbeiten. Ein Schaf liefert jedoch maximal fünf Kilo Wolle. So kann man am Ende nicht mehr nachvollziehen, welches Schaf in welchem Pullover steckt. Zue Anna hat ein eigenes Verfahren entwickelt, das auch kleine Mengen industriell verarbeiten kann, und damit die Verfolgbarkeit gewährleistet. So lässt sich jede Wolle zu unseren Schafen zurückverfolgen.
Das Sortiment von Zue Anna ist momentan noch überschaubar. Gibt es Pläne, die Kollektion zu erweitern, und wie lässt sich das mit den Labelstandards umsetzen? 
Mein Ziel ist, dass eines Tages alle Schafe unter diesem Standard leben dürfen. Zue Anna arbeitet nicht auf Saisonbasis. Um möglichst viel Umsatz zu erzielen, wechseln die Kollektionen immer schneller, noch dazu wird die Ware immer günstiger. Unsere Kollektionen sind limitiert, wir sprechen von Slow Fashion. Sobald die Kollektion ausverkauft ist, ist sie nicht mehr erhältlich. Da ich jedes meiner Versprechen einhalten möchte und eine große Verantwortung für unsere Tiere trage, wachsen wir nur langsam und erweitern die Kollektionen nur allmählich.

Zue Anna ist also das Gegenteil von Fast Fashion. Wie schaffst du es, neben all der trendorientierten Massenmode auf dem Markt zu existieren?  
Natürlich ist das nicht leicht, besonders, wenn man sich als neues Label behaupten muss. Doch wir wollen dem Konsumenten die Wahl lassen und zeigen, dass Tiere in der Modeindustrie nicht leiden müssen. Mit Zue Anna gibt es endlich ein Produkt für alle, die einen hohen Anspruch an Qualität haben und dabei weder Umwelt noch Mensch und Tier Schaden zufügen wollen.

Was erhoffst du dir in der Zukunft von der Modebranche?  
Ich hoffe, dass alle Menschen mehr darauf achten und hinterfragen, was sie konsumieren. Wenn wir alle uns dafür interessieren, woher unsere Ware kommt und wie alle Lebewesen in der Produktionskette behandelt wurden, verdienen viele Modemarken zwar weniger Geld, aber unsere Welt wäre definitiv eine bessere!