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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Netzphänomen: Die 15 Minuten der Susan Boyle

Web 2.0 und so...

Weniger als sechs Minuten katapultierten die 47-jährige Schottin von ihrem Auftritt in der Show Britain's Got Talent zu einem Weltstar. Nur, was hat Susan Boyle davon?
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Die Sängerin Susan Boyle gehört zu den sieben Internetwundern. Weniger als sechs Minuten katapultierten die 47-jährige Schottin von ihrem Auftritt in der Show "Britain's Got Talent"zu einem globalen Weltstar. Mehr als 100 Millionen Mal wurde ihr Video im Web abgespielt. Nur, was hat Susan Boyle davon?

Im Taxi durch Frankfurt
Während mich der junge türkische Taxifahrer durch Frankfurt befördert, plaudern wir über Musik. Mit einer Hand am Lenker und einer auf dem Touchscreen seines Mobiltelefons spielt er mir seine derzeitigen Lieblingssongs vor. Aus Neugierde heraus frage ich ihn: "Kennst Du Susan Boyle?" Die Antwort fällt kurz und knackig aus: "Nein!". "Das ist die Sängerin, die auf YouTube gerade rauf- und runterläuft, die hat so dicke Augenbrauen und ein Omakleid...", erkläre ich und werde prompt unterbrochen: "Ach die! Ja klar, Mann, die ist Hammer!" In den leuchtenden Augen strahlt die Begeisterung. Gefühlt ist der Enthusiasmus und die Bewunderung, die mein Taxifahrer versprüht, größer als die, die er seinen eigenen Stars entgegenbringt. Und das ist gut!

Zwischenspiel bei "Britain's Got Talent" 2009

Und plötzlich steht auf der Bühne eine 47-Jährige in einem unglaublich-unmöglichen Tantenkleidchen und hält ein Mikro in der Hand. Verblüfft fragen sich Jury und Publikum, wer hat die denn reingelassen?!? Mit Augenbrauen, die sich ein jedes Ich-will-Heidi-Klumm-sein-Mädchen schon längst zur Unkenntlichkeit gezupft hätte, schaut Susan Boyle pfiffig in die Runde. Nach ein paar käsigen Sprüchen auf die Fragen der Jury , in schönstem schottisch und samt komisch-lasziven Hüftschwung, schwenkt die Kamera über das Publikum. Man sieht, fühlt und hört die Gehirne denken: Ach Du Scheiße. Eine unangenehme Peinlichkeit erfüllt den großen Saal. Alle kriechen tiefer in ihre Stühle, fremdschämen sich noch bevor Susan einen Ton gesungen hat. Wer es auch miterleben will, schaut sich einfach den YouTube-Clip mit Susan Boyle an.

Hinter'm Maschendrahtzaun in Schottland

Was dann kommt ahnte weder England, Schottland noch der Rest der Welt, der dank YouTube erreicht wird. Diese Frau singt so kraftvoll und herzerweichend eine Hymne aus "Les Miserables", dass wirklich allen die totale Überraschung ins Gesicht geschrieben steht. Und wir ahnen es: Paul Pott war und ist gar nichts gegen diese Dame. Mit jeder Sekunde, die Susan Boyle singt, schwellen die Gefühle. Wir freuen uns mit Susan, dass sie so solide Augenbrauen besitzt. Die wären bei all dem Timbre und Klangvolumen davongeschmettert worden. Und als dann Susan Boyle das Mikro senkt, haben wir alle das Gefühl, dass wir an einem großen Moment teilhaben durften und uns für uns selbst schämen.

Auf der nächsten Seite: Das globale Phänomen Susan Boyle.






Das globale Phänomen Susan Boyle

Was Susan Boyle seit ihrem Auftritt am 11. April ausgelöst hat, ist unglaublich. Die Wirkungen auf uns Zuschauer brauche ich nicht noch einmal zu erwähnen, aber die Neben(d)ef(f)ekte der Musikindustrie zeigen, dass für uns alle das Internet immer noch ein unglaublich neues Medium ist und wir noch viele spannende Überraschungen und Phänomene erwarten dürfen. Vom Star-Wars-Kid bis zum Twitter-Millionär Ashton Kutcher... Trotz all der Begeisterung, die die charmante Schottin bewirkt hat, stellt sich die Frage: Und was bekommt Susan Boyle für ihr Talent und ihren Auftritt? Angeblich wurde das Video weltweit mehr als 100 Millionen mal angeschaut. Das Video ist der bisher meist angeschaute Clip. Wired.com kratzt sich auch am Kopf und hakt nach: "100 Million Hits, So where’s the money?" Bescheuert, wie die Musikindustrie ist, versäumten die Labelmacher es, den Song auf  iTunes anzubieten. Sicherlich hätten einige der Millionen Zuschauer nach dem Clip ihr Portemonaie gezückt, um noch ein Stückchen mehr von Susan Boyle mitzunehmen. Auch das Video selbst spielte keinen Cent ein - typisch für YouTube und die Industrie. Ein weiteres Phänomen sind die von Susan Boyle beflügelten Notenverkäufe. Noten zu "I Dreamed A Dream" verkaufen sich plötzlich wie geschnitten Brot. Das Lied aus dem Musical "Les Misérables" verkauft sich als Notenblattedition beim US-Onlinehändler Musicnotes.com hervorragend. Während von den Toptiteln in der Regel zwischen 200 bis 400 Einheiten innerhalb von zehn Tagen über den virtuellen Ladentisch wandern, verkauft der Händler den Musikbegeisterten plötzlich 1000 Exemplare von "I Dreamed A Dream" - wohlgemerkt: pro Tag.

Im Himmel der Unsterblichkeit

Tragisch nimmt sich dagegen der Druck der Medien und das Interesse auf Susan Boyle aus. Wenn die Gerüchte wahr sein sollen, die die "Daily Mail" verbreitet, könnten wir bald einen Film über Susan Boyle sehen. Während die Medien in England Susan Boyle als haarigen Engel betiteln, ist angeblich Catherine Zeta-Jones und Titanic-Regisseur James Cameron im Gespräch. Wie bitte soll das zusammenpassen? Ganz anders sieht das Phänomen dagegen Jury-Mitglied Simon Cowell. Simon Cowell macht sich Sorgen, um den Hype und Erfolg von Susan Boyle. Er befürchtet, dass der Rummel der schottischen Sängerin eher schadet als gut tut. Susan Boyle wäre damit keine Ausnahme. Wie all die anderen Internet-Phänomene hat sich Susan Boyle unsterblich gemacht. Ihr fünfminütiger Auftritt katapultierte sie auf den Olymp des Webs. Und weil das Web nie vergisst, leuchtet Susan Boyle noch in hundert Jahren. Zu wünschen wäre dem Gesangswunder, dass sie ihre Unsterblichkeit nicht mit der Medienhölle auf Erden bezahlen muss.



Moritz "mo." Sauer ist Musikliebhaber und Internet-Addict mit Herz und Seele. Als freier Journalist und Buchautor betreut der Kölner sein eigenes Netzkultur-MP3-Magazin Phlow. Für intro.de berichtet mo. regelmäßig über neue Web-Trends. Die gesammelten Kolumnen von mo. findet ihr unter
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