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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Märchen vom Fortschritt

Vorstellung der Apple Watch

Am gestrigen Montag stellte Apple im Rahmen des »Spring Forward«-Events seine smarte Armbanduhr vor - wie immer begleitet von zahllosen Live-Tickern und tosendem Applaus. Die vorauseilende Hysterie konnte allerdings nicht legitimiert werden, denn mit Fortschritt hat die Apple Watch nur am Rande zu tun.
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Drei Modelle sollen es sein, die eine Akkulaufzeit von rund 20 Stunden gewährleisten und in der günstigsten Ausführung gut 350 $ kosten werden - so viel war bereits vorher klar. Nun hat Apple-CEO Tim Cook am gestrigen Abend weitere Details verraten. Ab dem 10. April werden die Uhren erhältlich sein. Neben der günstigsten Ausführung, der Apple Watch Sport für etwa 400 €, wird es eine Edelstahlvariante für 650 € und eine Luxusausführung für 1149 € geben. Für die rund 4 Milimeter breitere Variante fallen weitere 50 € an. Dass ein aktuelles iPhone-Modell der Serie 5 oder 6 Voraussetzung für die Nutzung der Uhren ist, wurde gestern Abend ebenfalls bestätigt. Das Innenleben ist mit einem speziell für die Uhren entwickelten S1-Prozessor ausgestattet. Die 38 Milimeter-Variante kommt dabei mit einer Auflösung von 340 x 272 Pixeln daher, die 42-Milimeter-Variante zeigt 390 x 312 Pixel an. Wirklich überraschend blieb so am Ende nur die Luxusvariante der Uhr, die für Apple eher ungewöhnlich ist.
Kurz: Die Apple Watch ist genau das, was man schon befürchten konnte - keine Innovation, sondern lediglich die Verlängerung einer vergangenen technologischen Entwicklung. Wie ein Cuba Libre, der aus Mangel an Rum nach der Hälfte einfach noch mal mit Cola aufgegossen wird. Damit ist die Apple Watch aber zugleich auch das bisher auffälligste Symptom eines populär-technologischen Leerlaufes, der sich seit einigen Jahren in der Branche bemerkbar macht. Denn: Smartphones und Tablets selbst begeistern schon lange niemanden mehr so richtig, Themen wie Augmented- und Virtual-Reality wiederum scheinen in weiter Ferne und brauchen hinsichtlich ihrer Massenkompatiblität vor allem eines: Zeit. Diese Zeit schlägt die Branche aktuell am liebsten damit tot, dass sie wirklich allem einen smarten Anstrich verpasst, was sich nicht wehren kann, wie auch zuletzt erst die Consumer Electronics Show in Las Vegas zeigte. 

So wie man in den Achtziger- und Neunzigerjahren jedem noch so banalen Elektronikartikel eine Digitaluhr verpasste, ist heute wirklich kein Gebrauchsgegenstand mehr vor der um sich greifenden Smartness sicher - was aber letztlich doch nur dem Verständnis von Fortschritt entspricht, nach dem auch eine im Videorekorder verbaute Digitaluhr ein echter Gewinn war. Dass nun aber ausgerechnet dieser anachronistische Fimmel rückwärts buchstabiert wird und die Uhren plötzlich allerhand technologischen Ballast mit sich führen sollen, der an anderer Stelle (Siehe Hosentasche) ohnehin längst vorhanden ist - pure Ironie.

Der größte Witz ist allerdings, dass sich die Smartwatches im Allgemeinen und Apples Modell im Speziellen, von der Smartness selbst einmal abgesehen, vor allem über ein Attribut definieren, das Sie vom Smartphone abgrenzen soll: Diskretion. Also genau das, was es gemeinhin umsonst gibt, wenn man das Telefon einfach mal fünf Minuten in der Hosentasche lässt. Wer dafür gerne 350 $ zahlt - geschenkt. Nur nennt es bitte nicht Fortschritt.