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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

An der Spitze des Fashion Mob

Vivienne Westwood

Queen of Punk mag sie nicht mehr genannt werden, und doch bekennt sich die Ikone aus England ganz klar zu folgendem Statement: »Ich bin Anti-Establishment.« Vivienne Westwood vor allem über ihre Profession zu definieren, wird ihr trotz der Augenhöhe zu Modeschöpfern wie Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld nicht gerecht. Eine Annährung und eine Begegnung.
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Als Vivienne Westwood im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Pioniere der Welt in Mönchengladbach« den Niederrhein besuchte, kamen sie alle: lokale Schickeria, Modestudenten, der Bürgermeister, Medien, Fashionistas und solche, die es nie sein werden. Etwas überrascht und enttäuscht waren viele dann, als die Modeikone lieber über Fracking als Fashion sprach, und manch ein Schlipsträger zuckte zusammen, als sie erklärte: »Politicians are criminals.« Ihre Arbeit ist eben nie unpolitisch. Selbst ein Kleid – von oben bis unten geknöpft und mit gesitteter Knielänge, bravem Kragen, einem zarten Blumenprint auf weißen Spitzenornamenten und einer feminin geschnürten Taille, das für eine Einladung zum Tee beim englischen Premierminister angemessen wäre – ist es nicht. 

Tatsächlich hatte die Designerin kurz vor der Londoner Fashion Week im September David Camerons Heim einen Besuch abgestattet: Im Panzer kam die 74-Jährige vorgefahren, um einen Anti-Fracking-Protest anzuführen. Hineingebeten wurde sie sicher nicht.  Das Kleid, isoliert von seiner Inszenierung, bildet eben nur die halbe Wahrheit ab: Zu Beginn und Ende der Spring Summer 2016 Show schickt Westwood einen lauthals gegen Fracking protestierenden Fashion Mob über den Laufsteg, die Gesichter der Models sind ölverschmiert, es finden sich bäuerliche und Working-Class-Elemente wie Schürzen und strenge Blusen.

Und auch bei der Präsentation ihrer Frühjahrskollektion im letzten Jahr nutzte sie ihre Mode als Projektionsfläche für Kritik, die sie in erster Linie an der Politik übt: Models trugen große Buttons mit der Aufschrift »Yes!« – Westwoods Antwort auf die Frage des damals bevorstehenden Referendums, ob sich Schottland vom United Kingdom unabhängig machen solle. Und das als 1991 von der Queen geadelte »Dame Commander Vivienne of the British Empire«.


Kontroversen hat Vivienne Westwood eben noch nie gescheut. Nicht als Modedesignerin, denkt man an ihre Boutique namens »Sex«, wo sie Mitte der 70er neben Mode auch Fetischwäsche und S&M-Artikel verkaufte, oder an ihre sehr dekonstruktive und exzentrische Interpretation von Haute Couture. Aber auch nicht als Frau: Sie ist zweimal geschieden, zum einen vom damaligen Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren, einer ihrer Söhne wurde unehelich geboren, und seit 1992 ist sie mit dem 25 Jahre jüngeren Tiroler Andreas Kronthaler verheiratet, über den sie liebevoll sagt: »Er ist ein Wunder.« 

Ihre unkonventionelle Art des Seins und des Arbeitens sind es auch, die in der Öffentlichkeit am stärksten wahrgenommen werden. Bei ihrem Besuch in Mönchengladbach interessiert sich das extra in fast schon kostümierte Schale geworfene Publikum vor allem für die Mode, ihr Outfit, die Beziehung. Eine große Diskrepanz wird deutlich zwischen ihrer Außenwirkung und dem, wo sie selbst ihre Prioritäten setzt: »Eigentlich spreche ich nicht so gerne über Mode, das wird oft so anmaßend aufgebauscht.« Viel lieber spricht sie eben über ihre aktuelle Kampagne »Politicians are criminals« und richtet damit ihren Unmut vor allem gegen solche, die Fracking und das Freihandelsabkommen TTIP befürworten. »Politiker, die sich für TTIP aussprechen, sind Pro-Profit und Anti-Mensch. 

Die Entscheidungsgewalt liegt bei einigen wenigen, und dem gemeinen Volk wird systematisch eingetrichtert, es wisse nicht, was gut für es sei«, sagt sie energisch und fügt hinzu: »Ich habe meine Kindheit und Jugend in der Annahme verbracht, ich sei dumm und unkultiviert. Ich bin in einem Teil Englands aufgewachsen, wo viele Maschinen für die Textilindustrie hergestellt wurden. 

Meine Mutter war Weberin. Ich wusste ja noch nicht einmal, was eine Kunstgalerie sein soll. Aber heute bin hier, um den Mund aufzumachen, mich zu engagieren und Menschen zu ermutigen, dasselbe zu tun. Denn leider ist es dringend, uns läuft die Zeit davon.«

Vivienne Westwood

Vivienne Westwood

Release: 08.10.2014