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Zwei Antennen, die die Welt bedeuten

Theremin

Auch wenn der Anblick des schmucklosen Kastens mit den beiden Antennen den allermeisten nichts zu sagen scheint – das Theremin kennt garantiert jeder, der sich für Popkultur interessiert. Bei “Good Vibrations” von The Beach Boys singt es symbolträchtig im Hintergrund, die
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Auch wenn der Anblick des schmucklosen Kastens mit den beiden Antennen den allermeisten nichts zu sagen scheint – das Theremin kennt garantiert jeder, der sich für Popkultur interessiert. Bei “Good Vibrations” von The Beach Boys singt es symbolträchtig im Hintergrund, die Jon Spencer Blues Explosion verewigte es auf dem Cover von “Orange”, und dank etlicher Science-Fiction-Filme der 1950er-Jahre ist sein Klang auch heute noch Signal für jeden Außerirdischen, der sich der Erde auch nur nähert. Die Erfindung des Russen Lev Sergejewitsch Termen ist ein Instrument der Extreme: Es gilt als das erste elektronische Musikinstrument überhaupt, vielen zudem als das am schwierigsten zu spielende. In jedem Fall ist es aber das ungewöhnlichste, das die Musikgeschichte hervorgebracht hat – immerhin wird es beim Spielen nicht einmal berührt. Noch ungewöhnlicher ist da vielleicht nur die wirklich filmreife Vita seines Erschaffers.

Ich treffe mich mit Lydia Kavina am Tschaikowsky-Denkmal vor dem gleichnamigen Konservatorium, nur ein Dutzend Steinwürfe vom Kreml entfernt. In einem Seitenflügel im vierten Stock befindet sich die Kernzelle der Thereminpflege in Russland, dem Heimatland des Instruments. Im “Theremin Center” experimentieren Studenten täglich mit elektronischer Klangerzeugung. Hier unterrichtet auch Kavina – Großnichte Termens und eine der besten Theremin-Spielerinnen der Welt – jeden Freitag bis zu zehn Schüler an dem Instrument.

“Im sowjetischen System war elektronische Musik ja fast verboten, es gab fast feindliche Strömungen gegenüber Lev Termen”, erinnert Kavina sich an die Zeit, als sie (noch ein Kind) von dem über 80-Jährigen für sein Instrument begeistert und zu seiner letzten Schülerin wurde. “Damals hat es sich für mich zu einer Art Mission entwickelt, das Instrument zu zeigen und zu erklären. Und dieser Mission hänge ich immer noch nach, obwohl das so heute gar nicht mehr nötig wäre.”

Das ist zumindest, was Insiderkreise anbelangt, richtig: Auch dank Synthesizerlegende Bob Moog wurde das Instrument jenseits vereinzelten Auftretens in der modernen Klassik (unter anderem komponierte Schostakowitsch Stücke dafür) zum Lieblings-Sidekick der Popkultur und ist heute mit circa 15.000 Instrumenten weltweit bekannter und verbreiteter denn je. Auch wenn nur wenige Musiker professionell darauf spielen können. Kein Wunder: Ganz ohne visuelle Orientierungsmöglichkeiten wird das Theremin mit beiden Händen berührungsfrei in der Luft gespielt. Der Abstand zur jeweiligen Antenne definiert dabei die Tonhöhe beziehungsweise Lautstärke. Lydia Kavina erklärt, wie man das lernen kann.

Bei der Gitarre gibt es Bundstäbe, die die Tonhöhe definieren, beim Cello habe ich mir früher Tesafilm als Erkennung ans Griffbrett geklebt, damit ich wusste, wo der Ton ist. Beim Theremin ist es ja kein Wunder, dass es der Legende nach als schwierigstes Instrument der Welt gilt.
Ja, mit Tesa kommt man hier nicht weit, das stimmt. Man kann sich keine Abstände merken oder mit einem Zentimeterbrett oder Ähnlichem arbeiten. Man muss von Anfang an nach Gehör spielen. Man versucht zunächst, sich in diesem Ozean zu orientieren. Das ist sehr schwer, weil die Abstände zwischen den Tönen nicht linear sind. Außerdem beeinflusst alleine das menschliche Atmen den Ton schon leicht [sie führt es vor]. Man muss also zunächst lernen, mit dem Ohr die Töne zu suchen sowie die beiden Hände zu koordinieren. Erst dann kommen beispielsweise die Fingersätze.

Es lässt sich ja einerseits festhalten, dass das Theremin nicht zuletzt durch den Einsatz in der Popmusik deutlich an Bekanntheit gewonnen hat. Andererseits wurde das Instrument gerade dort bis auf ganz wenige Ausnahmen nie richtig gespielt, es ging ja mehr um einen skurrilen, oft amateurhaft vorgetragenen Soundeffekt.
Ja, richtig. In den 50er- und 60er-Jahren fing das an. Bob Moog hatte ja damals in den USA mehrere hundert Instrumente als Kit verkauft. Der Punkt ist, dass man doch damals gar nicht wusste, was man mit dem Ding machen sollte. Da kommt diese Kiste mit den zwei Antennen, und keiner wusste, was jetzt. Das ist so ähnlich, als wüsste man nicht, was eine Geige ist, was für göttliche Musik man mit ihr machen kann, und plötzlich hat man eine in der Hand. Das Erbe von Termen war damals gerade in den USA so gut wie verschüttet. Da gab es nur die Solistin Clara Rockmore, die allerdings keine Schüler hatte. Was aktuellere Pop-Musik anbelangt, muss ich übrigens sagen, dass es schon auch musikalische Beispiele gibt: Tom Waits setzte das Theremin bei der Produktion von “Alice Im Wunderland” großartig ein – als Wunderinstrument im Wunderland, wenn man so will. Oder Jean Michel Jarre. Er hat auch einiges Interessantes mit dem Instrument gemacht.

Aber als Erstes muss man ja beim Klang des Instruments immer an die Trash-Science-Fiction-Filme der 1950er-Jahre denken.
Es gab ja damals so gut wie keine anderen elektronischen Musikinstrumente. Deshalb war der Theremin-Sound so begehrt und wurde ständig benutzt. Egal, ob man wusste, wie es gespielt wird oder nicht. Und erstaunlich ist ja, dass der Klang heute immer noch so aufregend ist, obwohl es mittlerweile so viele Synthesizer gibt. Das Theremin ist eben von seiner Spielweise her so klassisch wie ein klassisches Instrument, zugleich aber so elektronisch wie ein elektronisches Instrument.

Gab es denn eigentlich in Russland eine durchgängige Tradition für das Instrument?
Ja, in Russland war das immer etwas anders als in anderen Ländern. Es gab eigentlich durchgängig eine Tradition für das Instrument, allerdings lange Zeit für die zweite Form, die Termen gebaut hatte – die mit nur einer Antenne und einem Fußpedal. Das Instrument wurde während Termens langer Abwesenheit – zuerst im Ausland und später im Gulag – von anderen weiterentwickelt. Es gab zu dieser Zeit auch einen sehr wichtigen russischen Solisten namens Konstantin Kovalsky, der auf dieser Version spielte und sie weiter populär machte.

Für mich klang das Theremin dank seines leicht melancholischen Sounds immer typisch russisch.
Das ist wahrscheinlich ein Klischee. Das Theremin gehört zu keiner bestimmten Kultur. Das wird schon dadurch bewiesen, dass heutzutage so unterschiedliche Musik damit gemacht wird. Russen, Amerikaner und viel mehr spielen Jazz, Pop, arabische Musik. Das Instrument braucht Ihre bestimmte Klangvorstellung, dann klingt es auch danach. Wenn ein Violinist das Theremin spielt, wird er das natürlich wie auf einer Violine tun, aber er wird keine indischen Tonarten darauf spielen. Jemand, der von der indischen Musik kommt, kann aber genau das tun, wenn er will: 20 Töne in einer Oktave – das lässt das Theremin ja als eines der ganz wenigen Instrumente auf der Welt zu. Das macht es so besonders.

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