×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schon seit Ewigkeiten in Mode

Heute: Schulterpolster

Polstergarnitur oder doch lieber Schulter natur? Wenn die Wirtschaft den Bach runter geht, setzt man im Zweifelsfall am besten auf Schaumstoff obenauf.
Geschrieben am


Polstergarnitur oder doch lieber Schulter natur? Wenn die Wirtschaft den Bach runter geht, setzt man im Zweifelsfall am besten auf Schaumstoff obenauf. Arno Raffeiner gibt Bewerbungstipps.


Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst! So jammert Oberst Ollendorf im "Bettelstudent" von Carl Millöcker (Uraufführung 1882 im Theater an der Wien), als er für seine Avancen mit einem Fächerhieb ins Gesicht bezahlen muss. Hundert Jahre später wäre dieser Kuss mitsamt der folgenden Blamage bestimmt nicht passiert. Dann hätte die auf so charmante Weise attackierte Dame an der betreffenden Stelle vermutlich mit einem von Flies- oder Perlonbezug bedeckten Gewebe vorgesorgt. Etwa so wie Grace Jones im Videoclip zu "Pull Up To The Bumper" - falls sich der Oberst denn überhaupt an Jones' imposante Erscheinung herangewagt hätte.


"Dressed For Success" hieß die - bitte je nach Geschmack ankreuzen - Abschreckungs- bzw. Durchsetzungsstrategie, die von Roxette auf ihrem 88er-Album "Look Sharp!" besungen wurde, inspiriert wiederum von einem Evergreen der Ratgeberliteratur. Die Streitfragen "Wie krieg ich den Job?" und "Wie komm ich ganz nach oben?" werden darin etwas archaisch nach dem Recht der Stärkeren entschieden: mit Imponiergehabe a.k.a. mit Schulterpolstern. Die mit Schaumstoff ausstaffierte Dreieckssilhouette des sogenannten Power Dressing darf also auch heute noch als ebenso einfache wie aggressive Emanzipationsstrategie gelten. Obenrum wie ein Mann aussehen und damit auch die Sessel in den oberen Etagen besetzen. Margaret Thatcher machte es als britische Regierungschefin vor, selbst nach den Regeln femininen Dominanzgebarens eher kantig gewandet und für den Kampf gegen Gewerkschaften und radikales Rezessions-Management zuständig. Klingt irgendwie bekannt, oder?

Aber die 80er sind nur die halbe Wahrheit der Ära Schulterpolster. Die ersten Exemplare haben sich schon vor ewigen Zeiten im militärischen Bereich (siehe: Ritterrüstung, Uniform, American Football) bewährt und machten sich dann eher heimlich im Herrensakko breit und immer breiter. Mehr Schulter, mehr Charakter, lautete die Devise, die ab den 1930er-Jahren auch zunehmend mehr Frauen einleuchtete. Hollywood-Star Joan Crawford erschien mit einer in ihrer geheimen Innenarchitektur zu Kastenärmeln ausgebauten Bluse auf der Leinwand. Was eigentlich zum Kaschieren ihrer kräftigen Schulterpartie gedacht war, blieb dem Publikum nicht verborgen, sondern hatte einen Trend zur Folge. Dass man auf der anderen Seite der permanent auf Kahlschlag abonnierten Region Achselhaarrasur deutlich prominenter ansetzen und etwa mit einer fetten Polstergarnitur für Obenrum protzen kann, ist seither kein Geheimnis mehr. Und so werden Schulterpolster regelmäßig immer dann größer, wenn das Wirtschaftswachstum deutlich kleiner wird. Siehe oben: Wie krieg ich den Job?

Im Zweifelsfall - beziehungsweise, wenn gerade kein Ratgeber zur Hand ist - lässt sich die Frage immer mit einem Blazer beantworten. Unten überlang, in der Mitte doppelreihig und möglichst luftig, oben so breit, wie's irgendwie geht, also kurz bevor optischer Schrumpfkopfalarm ausgerufen wird. Dabei empfiehlt sich im Gegensatz zur fix eingenähten Schulterpolster-Variante besonders jene, die mit Klettverschluss flexibel, teamfähig und belastbar eingearbeitet ist. Je nach Situation oder gewünschtem Imponiergrad kann mit einem schnellen Ritsch-Ratsch nachjustiert und übereinandergestapelt werden. Diese Variante kommt außerdem auch der seit jeher stark aufgestellten Schulterpolster-Opposition entgegen. Die darf sich dann auch mal ein Sakko kaufen und den synthetischen Füllstoff, der häufig als Schweißfalle verschrien ist, schnellstens verschwinden lassen. Die radikale, wenn auch deutlich weniger imposante Antithese zum Schulterpolster kann schließlich genauso schmuck und reizvoll sein, davon wusste nicht nur Oberst Ollendorf ein Lied zu singen: Schulter natur.

Allerdings, so mancher Hängeschulter-Boy im Feinrippunterhemd könnte sich aktuell von den oberen Ecken der Dreieckssilhouette durchaus ein Scheibchen Schaumstoff abschneiden. Dann hätte auch der gewöhnliche Wimp etwas für die schwachen Stunden der starken Frau zu bieten: immerhin ein weiches Schulterpolster zum Anlehnen.