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Schon seit Ewigkeiten in Mode

Heute: Die Lederjacke

Von der Jacke der Rebellion zu einer Jacke unter vielen und wieder zurück. Oder: wie aus Männern Frauen wurden und umgekehrt.
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Von der Jacke der Rebellion zu einer Jacke unter vielen und wieder zurück. Oder: wie aus Männern Frauen wurden und umgekehrt. Von Mario Lasar.
 
Die Lederjacke, vor allem in Form der schwarzen Motorradjacke, versinnbildlichte in den 50er-Jahren eine rebellische Einstellung zur Welt. Seit Marlon Brando sie in "The Wild One" populär machte, ist sie als Teil einer Jugendkultur, die sich von der bejahenden Erwachsenenwelt abgrenzen will, nicht mehr wegzudenken. Die Lederjacke wurde zum Ausdruck von Freiheit und offensiver Individualität. Wer sie trug, hob sich aus der Masse hervor.

Was den Rock’n’Roll als Soundtrack der 50er angeht, fällt allerdings auf, dass seine Protagonisten von Elvis über Carl Perkins bis zu Little Richard kaum Lederjacken trugen. Sie bevorzugten großzügig geschnittene Anzüge, während man die Lederjacken bei ihren Fans ausmachen konnte. Elvis beispielsweise trat erst bei seinem berüchtigten 68er-Comeback-Special in schwarzem Leder auf, also zu einer Zeit, als die Motorradjacke von braunen Wildlederjacken, gern mit Fransen versehen, abgelöst worden war; letzteres Modell kann man auch an Dennis Hopper im Hippie-Klassiker "Easy Rider" bewundern.

Der Wandel des Jackenmodells ist symptomatisch für das veränderte Selbstbild, das vor allem Männer im Zuge des Übergangs von den 50er- zu den 60er-Jahren durchliefen. Waren sie in den oft als wild titulierten 50ern darauf bedacht, besonders hart und männlich zu wirken, prägten die 60er mit ihrer Love&Peace-Ideologie die äußerliche Feminisierung des Mannes (für die der Trend zu langem Haupthaar nur das augenfälligste Beispiel darstellt). Ihre Entsprechung findet diese Entwicklung im symbolischen Gegensatz zwischen der abweisenden, robusten Oberfläche der Motorradjacke und dem empfindlichen, pflegebedürftigen Wildleder.

Nach der Weichheit der Hippie-Jahre kehren infolge der spröden Punk-Ästhetik ab 1976 schwarze Lederjacken zurück. Wieder kommt es zu einer Angleichung von Frauen und Männern, nur findet diese im Vergleich zur Hippie-Zeit unter umgekehrten Vorzeichen statt. Die Männer werden nicht weich, sondern die Frauen hart. Der Typus der unnahbaren Frau, die auf oberflächliche Freundlichkeit nichts gibt, erlebt seine Geburtsstunde. Zwei notorische Repräsentantinnen dieses Typs sind Lydia Lunch und Siouxsie. Zum ersten Mal tragen Frauen, die Musik machen, in verstärktem Maße Lederjacken, nachdem vorher höchstens die Glamrockerin Suzi Quatro mit diesem Kleidungsstück assoziiert wurde.

In den frühen 80ern bleibt die schwarze Lederjacke als Accessoire des ersten 50s-Revivals bestehen. Werbeanzeigen der damaligen Zeit werden geprägt von Typen mit Elvis-Tolle, weißem T-Shirt, Jeans und schwarzer Lederjacke. Heute hat die Lederjacke einen Klassikerstatus erlangt, der nur noch tautologische Bedeutung hervorbringt. Sie hat eine von musikalischen Trends abgekoppelte Eigendynamik entwickelt und steht tendenziell für sich selbst, statt Sinnbild von irgendwas zu sein, auch wenn sie immer Garant für eine gewisse Auffälligkeit und Präsenz bleibt.

Andererseits hat der ungebrochene Rebellen-Nimbus der Lederjacke aber doch noch seine Berechtigung, wenn man sich den alltäglichen Popbetrieb anschaut. So wird beispielsweise die fünfundsechzigjährige Katja Ebstein für einen Fernsehauftritt in eine schwarze Lederjacke gesteckt, weil es um ein Sixties-Special geht und ein rebellisches Image vermittelt werden soll. Der Gedanke dahinter: Man kann noch immer eine unangepasste Haltung qua Kleidung projizieren.


Was ist noch seit Ewigkeiten in Mode? Mehr dazu in unserer monatlichen Mode-Kolumne unter www.intro.de/spezial/seitewigkeiten.