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Schon seit Ewigkeiten in Mode

Heute: Das Tiermuster

In der Popkultur gilt heute: Eine Überdosis Tiermuster plus ständiges Trinken, Rauchen und Fluchen kennzeichnet die vulgäre Anti-Heldin.
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In der Popkultur gilt heute: Eine Überdosis Tiermuster plus ständiges Trinken, Rauchen und Fluchen kennzeichnet die vulgäre Anti-Heldin. Karolina Burbach über ein Muster, mit dem man garantiert gesehen wird. Illustration: Elisabeth Moch.

In "Absolutely Fabulous" schlürft die PR-Tante Edina ihren Prosecco im falschen Tiger-Pelz, Peggy Bundy quetscht sich Folge für Folge von "Eine schrecklich nette Familie" in kuscheliges Leopardenfell, und "My Name Is Earl"-Wohnwagen-Braut Joy hat ebenfalls ein ausgeprägtes Faible für schrille Animal Prints, wie es im Englischen heißt.

Die Lesart des Musters als trashiges Accessoire stimmt allerdings nicht mit der eigentlichen Setzung überein. Ursprünglich stand es für Reichtum und guten Geschmack. Anfang des 20. Jahrhunderts hängte sich die Dame von Welt bevorzugt Ozelot, eine aus Mittel- und Südamerika lebende Raubtierart, und Somali-Leopard um den Hals, um so ein bisschen Exotik, Exklusivität, ja, sogar Unsterblichkeit auszustrahlen. Rein symbolisch gesehen, so die recht eigene Logik der Reichen und Schönen, kann, wer Pelz trägt, nicht sterben - denn was er trägt, ist ja bereits tot. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum in jenen Tagen auch Athleten oft im Leopardenfell posierten: Nacktes Fleisch, pralle Muskeln, ein markanter Schnurrbart standen für ein bestimmtes Ideal von Männlichkeit, das der Leo durch seinen Beiklang von Unsterblichkeit, also unbegrenzter Macht, noch verstärkte.

In den folgenden Epochen änderte sich nicht viel an den Bedeutungen des Tiermusters. Bis Roberto Cavalli in den 60ern die revolutionäre Idee hatte, die Musterung seinem ursprünglichen Kontext, dem Pelz, zu entwenden. Er druckte Leoflecken auf Bikinis und Seidenkleider und verhalf so dem falschen Tier zu Kultstatus. Von Unsterblichkeit keine Spur mehr, die exklusive Note hingegen blieb, dem teuren Preis sei Dank. Angenehmer Nebeneffekt: Die Tiere durften weiterleben. Und noch etwas hatte sich getan: Die neuen Kollektionen zeigten sich stark erotisiert mit den eng anliegenden Tops, tiefen Décolletés und hochgeschlitzten Fummeln - das Wenige, welches bedeckt blieb, zeigte Tier.






Vor dem Hintergrund der Frauenbewegung war der Look gleich eine doppelte Provokation: Einerseits zeigte er ein neues weibliches Selbstbewusstsein - die Trägerin als wilde, Männer jagende Raubkatze -, andererseits ist die Frau als begehrenswerte Beute schlussendlich eine Männerfantasie. So viel sexuelle Aufladung schreit geradezu nach Subversion. Schon bald entdeckte die Subkultur den Stil für sich und rückte ihn bis heute nicht mehr raus. Im Punk und Glam-Rock der 70er-Jahre trugen einmal mehr auch Männer das Großkatzenmuster. Allerdings diesmal nicht, um Männlichkeit auszudrücken, sondern, um ebenjene stereotypen Geschlechterrollen zu brechen. Ähnlich sah es bei ihren weiblichen Kolleginnen aus: Die unvergleichliche Debbie Harry trieb mit einer Überdosis Blondheit, sexy Make-up und Leo-Klamotten ihre Weiblichkeits-Attribute so auf die Spitze, dass deren eigentliche Problematik wieder sichtbar wurde. Auch Annie Lennox schlüpfte immer wieder in neue Rollen und bediente sich dabei gerne der Tiermuster, wenn es darum ging, festgefahrene Frauenbilder zu persiflieren. Das war im Grunde gleich doppelte Travestie: Eine Frau, die wie ein Mann aussieht, der eine Frau darstellt. Aber damit noch nicht genug: Durch die Verwendung des Animal Prints für ihre eigenen Zwecke klauten die Glam-Rocker ganz nebenbei noch den Wohlhabenden ihr Luxussymbol. Der Leo erhielt so eine völlig neue Bedeutung von sexueller Ambiguität, Unangepasstheit und wildem, freien Leben. Das Muster selbst wurde dabei gerne farblich verfremdet und auf neue, eher leicht entflammbare Materialien gedruckt, bevorzugt wurden Latex oder Plastik.

Durch die Demokratisierung des Tiermusters, den sexuellen Unterton und nicht zuletzt die Auffälligkeit des Musters selbst haftet dem Leo heute leider auch etwas Billiges an. Die Indies von heute aber haben ihre ganz eigene Strategie, damit umzugehen: The-Kills-Sängerin Alison Mosshart etwa posiert im Video zu "Cheap And Cheerful" mit blonder Wischmob-Frisur und Leo-Bluse. Das ist nicht nur ironisch gemeint, sondern auch ein klares Bekenntnis zum Trash-Geschmack. Ob man das jetzt vulgär findet oder nicht - Geschmackssache. An Alison sieht der Leo-Look jedenfalls einfach nur anbetungswürdig aus!