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Schon seit Ewigkeiten in Mode

Heute: Die Wayfarer

Karolina Burbach über ein Brillenmodell, das uns diesen Sommer entweder verfolgte oder verzückte.
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Karolina Burbach über ein Brillenmodell, das uns diesen Sommer entweder verfolgte oder verzückte.

The-Kills-Sängerin Alison Mosshart hat eine weiße, Róisín Murphy bevorzugt das rosa Modell, und Alexis Taylor von Hot Chip mag sie lieber quietschgrün. Die Rede ist von der Wayfarer, die jetzt wieder alle tragen. In den aktuellen Ausgaben der Musik- und Modemagazine sieht man pro Heft im Schnitt sechs Abbildungen der Sonnenbrille, Tendenz steigend.

Ein kurzlebiger Hype? Keineswegs. Eher ein popkulturelles Phänomen: Jede zweite Dekade ist der Klassiker mit dem Plastikrahmen so richtig, richtig angesagt. 1952 kam das Rockstar-Accessoire auf den Markt, wirklich bekannt wurde es aber erst in den 60ern. Nachdem Audrey Hepburn die Gläser in "Breakfast At Tiffany's" getragen hatte, musste jeder sie haben. In den 70ern verschwanden sie dann von der Bildfläche - um zehn Jahre später durch geschicktes Product Placement in Filmen und TV-Serien wie "Miami Vice", "Risky Business" oder "Blues Brothers" ihr Revival einzuleiten. In den 90ern war die Brille erneut weg vom Fenster. Bis die Macher von Ray-Ban Anfang der 2000er-Jahre entdeckten, dass Vintage Wayfarers bei eBay dank modebewusster Trüffelschweine plötzlich enorme Preise erzielten, und den Klassiker daraufhin wieder neu auflegten.

Doch warum kommt gerade dieses Gestell immer und immer wieder in Mode? "Der markante, trapezförmige Rahmen spricht eine nonverbale Sprache, bei der ein wohltemperierter Anklang von Gefahr mitschwingt", schreibt der britische Designkritiker Stephen Bayley wohl wissend. Laut seiner These ist der wahre Grund für die Popularität der Sonnenbrille aber kein optischer, sondern ein erotischer: Männer stünden einfach auf Frauen mit dunklen Gläsern. Das gilt auch andersherum: In Bret Easton Ellis' Roman "Unter Null" von 1985 holt eine Eroberung des Protagonisten während eines One-Night-Stands plötzlich eine Wayfarer aus der Nachttischschublade. Die muss er tragen, während sie gemeinsam masturbieren.

Der Augenschutz wird zum Fetisch, nicht nur bei Ellis: Auf YouTube kursiert ein Video namens "The Magical Ray-Ban Wayfarers", das einen einsamen, blassen Nerd-Jungen zeigt, dem aus heiterem Himmel eine weiße Wayfarer in den Schoß fällt. In der nächsten Einstellung sieht man ihn tipptopp New Rave gestylt und tanzend auf wilden Dorffesten. Die neu gewonnene Coolness steigt ihm jedoch schnell zu Kopf, und er verrät seine einzige wahre Freundin, weil sie ihm nicht mehr stylish genug ist.


Verderben die Shades etwa den Charakter? Wenn ja, dann sind das keine guten Aussichten für die Welt, denn auf der Straße ist die Ray-Ban-Dichte fulminant. Die Wayfarer ist die neue Indie-Uniform. Eine Art von Uniform allerdings, die individuelle Akzente zulässt: Nicht ohne Grund gibt es die New Wayfarer in so ziemlich allen Farben. Leider sieht man, wenn man versucht, mal eben nicht durch seine eigene Zeitgeist-Brille zu blicken, mit den regenbogenbunten Dingern im Gesicht eigentlich total bescheuert aus. Wir werden uns dafür gegenseitig auslachen, wenn wir in zehn Jahren Fotos aus 2008 durchklicken! Doch gut so, besser lässt sich die obligatorische Rockstar-Coolness gar nicht dekonstruieren. Und seine Wayfarer so selbstironisch zu tragen wie Alexis Taylor im Video zu "Ready For The Floor" ist absolut sympathisch. Doch wer Stil zeigen will, der setze schon jetzt auf den schwarzen Klassiker aus "Blues Brothers" oder auf Audrey Hepburns oversized Turtle Shell. Die sind auch in zwanzig Jahren noch schick - zum nächsten Comeback.