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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Faltungen

Ruth May

Eigentlich hatte Gilles Deleuze nur ein philosophisches Buch mit dem Titel ›Die Falte‹ über Leibniz verfasst. Doch sobald ein Text die Welt erblickt, steht er zum Gebrauch frei und geht unerwartete Verbindungen ein. So kam es, dass Deleuze mehrfach Post erhielt. Eine kleine französische Gesellscha
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Eigentlich hatte Gilles Deleuze nur ein philosophisches Buch mit dem Titel ›Die Falte‹ über Leibniz verfasst. Doch sobald ein Text die Welt erblickt, steht er zum Gebrauch frei und geht unerwartete Verbindungen ein. So kam es, dass Deleuze mehrfach Post erhielt. Eine kleine französische Gesellschaft, die Vereinigung der Papierfalter, meldete sich beispielsweise zu Wort und lobte den Philosophen dafür, ihre Tätigkeit korrekt beschrieben zu haben. Auch einige Surfer reklamierten das Sujet des Textes für sich. Schließlich seien sie diejenigen, die tagtäglich die bewegliche Falte der Welle bewohnen.

Betrachtet man die Werke von Ruth May, drängt sich förmlich der Versuch auf, ihre Arbeiten ebenfalls von der Figur der Falte aus zu begreifen. May nutzt diese Figur nämlich gleichermaßen als philosophisches Konzept und materielles Programm: Ihre Bleistiftzeichnungen zeigen menschliche Gestalten als Effekte von Faltenwürfen der sie umhüllenden Kleidung, ihre Stoffe rekonstruieren Linien von Mustern, die entstehen, wenn Stoffe in Falten liegen. Indem sie die Technik der Faltung zur Anwendung bringt, stellt sie Behauptungen über die Beschaffenheit von Körpern und Räumen auf. Die Falte verdreht, wie man mit einem Stück Papier selbst nachprüfen kann, den Raum und gibt ihm dadurch erst eine Struktur. Jede Form resultiert somit aus einer Bewegung, bei der sich ein Äußeres nach innen stülpt, sodass die Unterscheidung von innen und außen selbst prekär erscheint. Ruth May betont nicht zuletzt die politischen Implikationen dieser Logik. Sollte unser Innerstes tatsächlich nur eine Faltung des Außen sein, dann ist die Grenze zwischen dem Eigenen und Fremden alles andere als gesichert. Ihre Werke können daher als Dokumente einer brüchig werdenden Kultur aufgefasst werden. In der Bilderserie etwa, aus der die Covermotive des Albums ›Zweilicht‹ von der Band Kante stammen, sind es weiße Schatten und Aussparungen, welche die Freundlichkeit der Farben unterbrechen. Die Vertrautheit beherbergt hier eine Leere, von der sie heimgesucht wird. Umgekehrt verliert auch das Andersartige seine Eindeutigkeit, wenn Ruth May, vermittelt über die Darstellung von Kostümen, Voodoo-Ritualen oder Musikern des Art Ensembles Of Chicago, ein imaginäres Afrika entwirft. Jeweils sind es die instabilen, hybriden Zonen zwischen den Orten, an denen sie interessiert ist. »Ich weiß ja selbst nicht, wo ich herkomme«, sagt May, die zwischen Genf und Hamburg zweisprachig aufwuchs, wie zur Bekräftigung.

Eine letzte, im vorliegenden Fall entscheidende Faltung kündigt sich im bisher Gesagten bereits an: die Faltung der bildenden Kunst auf die Popkultur. May nutzt Vorlagen aus Zeitschriften, Kunstbänden oder Plattenhüllen – das Bild, von dem die jeweilige Arbeit ihren Ausgang nimmt, ist als medial gestreutes also immer schon vorhanden. Man könnte deshalb sagen, dass May Methoden des Samplings anwendet: Sie greift verfügbare Texturen auf, die sie verfremdet, anreichert oder ausdünnt. Das vorgefundene Material durchläuft einen Übersetzungsprozess, indem es produktiv wird. Von dieser Praxis irritiert, wollten einige Lehrer an der Kunsthochschule des Öfteren von ihrer ehemaligen Studentin wissen, warum sie ihre Motive nicht mal direkt der Natur entnehme. Als keineswegs polemischen, sondern vielmehr ernsthaften Kommentar zu solchen Fragen hat May gemeinsam mit Katrin Bahrs zuletzt ein Renaissance-Fresko aus Zeitungsschnipseln nachgeklebt. Während das Bild einer Schlacht aus der Entfernung auf irritierende Weise dem Original gleicht, glitzert das Geschirr der Pferde von nahem wie die Spiegel einer Diskokugel.

Auch das Covermotiv des aktuellen Albums von Kante entspringt der gleichen Technik. Ausgehend von der Schwarz-Weiß-Fotografie eines eingestürzten Hochhauses, hat Ruth May mit den Mitteln der Collage ein Fest der Farben in die Abbildung re-importiert. Ist die Collage schon eine bestimmte Art der Faltung, die ein Spiel der Kontextentnahmen und Aufpfropfungen entfacht, faltet sich auch das Haus im Augenblick der Katastrophe zu einem neuen Raum. Man sieht plötzlich Adern, Krakenarme und Gedärme hervorquellen, die einen geisterhaften Exzess der Ruine inszenieren. Die tote Materie der verwüsteten Bauträger mutiert zu einem untoten Geflecht. Welche Gewalt mag diese Transformation bewirkt haben? Sind Menschen gestorben? »Man weiß es nicht. Aber das Bild blüht!« sagt Ruth May und lacht.