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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wenn das Hosenbein vibriert

Die Zukunft der Mode

Die Mode der Zukunft kann mehr als nur gut ausschauen – sie ist smart. Die zunehmende Digitalisierung macht auch vor der Textilindustrie nicht halt: Brillen aus dem 3D-Drucker, GPS-Schmuck und Kleider, die den Puls messen, sind nur ein paar der zahllosen Visionen. Franziska Knupper hat einen Blick in die Glaskugel geworfen.
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Claire Danes geht vorsichtig einen Schritt zur Seite, dreht sich, bleibt vor dem Spiegel stehen und glitzert in Grau, Blau und Silber. Ihr Abendkleid scheint sich wie ein leuchtender Wasserfall auf den Boden zu ergießen. Der Fashion-Designer Zac Posen hatte dem Outfit, das die US-amerikanische Schauspielerin vor einem Jahr auf der Met-Gala trug, einen Spezialeffekt eingebaut: Bei Einbruch der Dunkelheit begann der Stoff zu leuchten. Eingenähte LED-Lichter und 30 Batterien verhalfen Danes zu ihrem Cinderella-Moment. 

Zac Posen reitet damit auf dem Kamm der Trend-Welle: LED-Roben und GPS-Hosen, intelligente Oberhemden und aufmerksame Babystrampler – die Kleidung von morgen wird schlau. Unter dem Stichwort Smart Clothing oder E-Textiles arbeiten Firmen wie Google, Samsung, Panasonic, Adidas, Nike, Ralph Lauren oder Levi’s bereits an Stoffen, die interaktiv mit Geräten für die Datenübertragung verbunden sind. Laut dem US-amerikanischen IT-Giganten Intel wird unser Planet bis 2020 von rund 50 Milliarden vernetzten Geräten bevölkert sein. Downloads geschehen innerhalb von Sekunden, Roboter nähen und schneiden in Operationssälen, hochautomatisierte Fahrzeuge fahren uns in den Urlaub. Es wird eine schnelle Welt, eine ständig vernetzte Welt sein. Mit der flächendeckenden Versorgung des kommenden 5G-Internetstandards können kluge Kühlschränke und Smartwatches in einem Bruchteil von Sekunden miteinander kommunizieren. Es scheint nur logisch, dass Kleidung hierbei keine Ausnahme sein wird.

»Ich empfehle jedem Jungdesigner, sich mit diesen Themen eingehend auseinanderzusetzen«, betont Anita Tillmann. Die Fashion-Unternehmerin aus Berlin ist seit 2003 für die Premium Messe auf der Berliner Fashionweek verantwortlich; vor drei Jahren rief sie das neuartige Konferenzformat #Fashiontech ins Leben, das jedes Jahr zeitgleich mit der Modemesse stattfindet. Dort wird Schmuck diskutiert, der dank GPS nie verloren geht, oder Brillen, die dem Kunden per 3D-Druck perfekt angepasst werden. Die Stoffe der Zukunft messen unseren Puls, passen sich Wind oder Wetter an, geben Duftstoffe ab und zählen unsere Schritte. Smarte Textilien können wärmeleitend sein, Elektrizität transferieren oder Solarenergie bündeln.  

Mode könne so endlich Teil des technischen Fortschritts werden, glaubt Tillmann: »Technik und Mode waren bisher zwei Bereiche, die keine großen Überschneidungen hatten. Auf der Fashiontech versuchen wir, genau dieses Problem zu beheben und die beiden Branchen miteinander bekannt zu machen«, erklärt die gebürtige Düsseldorferin. Highlight dieses Jahres waren die intelligenten Spiegel von Oak Lab oder Ralph Lauren, die potenzielle Käufer in der Umkleidekabine vermessen und weitere passende Kleidungsstücke in anderen Größen und Farben vorschlagen. Meilenstein aus dem Vorjahr war unter anderem die GPS-gesteuerte Hose der französischen Firma Spinelli Design, die ihren Träger nie vom Kurs abkommen lässt. Biegt man einmal falsch ab, erinnert der Stoff mittels Vibrationen an die richtige Richtung. Und Panasonics Kleiderbügel, der in diesem Herbst auf den Markt kommen soll, neutralisiert Gerüche an Kleidungsstücken mittels winziger elektrostatischer Wassertröpfchen; eine Funktion, die die Firma Nanoe-Technik getauft hat und Zigarettenrauch aus Mänteln für immer verbannen soll. 
»Wichtig in diesem Jahr ist auch die sogenannte Commuter Trucker Jacke von Levi’s«, fügt Tillmann hinzu. Zwei Jahre lang kollaborierten Levi Strauss und Google bei der Entwicklung eines Kleidungsstücks, das beim SXSW in Texas im März dieses Jahres endlich vorgestellt wurde. Mithilfe elektrisch leitender Textilfäden kann der Träger alle Funktionen seines Smartphones direkt von einem interaktiven Touchscreen auf seinem Ärmel steuern. Das Kleidungsstück eignet sich damit besonders für Fahrrad- oder Motorradfahrer, die beide Hände am Lenkrad brauchen. Zum zweiten Mal befindet sich Levi’s damit auf dem Kurs der Elektro-Klamotte: Bereits Ende der 1990er-Jahre arbeitete das Label gemeinsam mit Philipps an einer Jacke, die Anschlüsse für Kopfhörer für MP3-Player und Handy eingearbeitet hatte und eine Bedienung über Tasten auf dem Ärmel ermöglichte. »Seit über 20 Jahren versuchen wir immer wieder Technik und Mode zu verbinden. Bisher sind wir jedoch gescheitert«, erklärt Prof. Dr. Tröster.

Nach zehn Jahren Forschungsarbeit im Electronics Laboratory der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich sei seine Neugier an intelligenter Kleidung gestillt. Mittlerweile hat sich der Wissenschaftler neuen Bereichen zugewandt. »Smart Clothing wird immer auf den Sport- und Gesundheitsbereich beschränkt bleiben«, schließt er. Es sei nicht wettbewerbsfähig mit dem herkömmlichen Smartphone. »So ein Display hat schon etwas Gutes.« Eine Anwendung auf dem Oberhemd sei nicht entscheidend besser und oft sehr kostspielig. Beim Tracking können außerdem jeden Tag mehrere Gigabyte an Daten zusammenkommen, für die derzeitige Speicher nicht ausreichen. Daher müsse man zusätzlich ein Smartphone mit sich tragen, das die gewonnenen Daten verarbeitet und die Ergebnisse in der Cloud speichert.

E-Textiles sind laut Tröster nur in Bereichen sinnvoll, bei denen Kontakt mit der Haut wirklich vonnöten ist. So existieren in den USA mittlerweile Sport-Shirts von Ralph Lauren, die den Herzschlag und die Atmung des Trägers messen und per App auf iPhone oder Apple-Watch übertragen. Sowohl Nike als auch Adidas stellen seit über einem Jahrzehnt immer wieder neue Modelle von intelligenten Schuhen vor, die sich dem Laufstil des Trägers anpassen. Mal werden Polster aufgepumpt, Schritte gezählt oder die Schnelligkeit des Läufers gemessen. Und am Fraunhofer Institut entwickelte man einen Babystrampler mit integriertem Sensorsystem, der die Atmung des Säuglings überwacht und so vor dem plötzlichen Kindstod schützen soll. Mittlerweile ist die Technik so weit, dass auch ein Waschgang der Elektronik nicht schadet, fügt Tröster hinzu. Alle technischen Probleme seien damit aber nicht behoben. Denn auch wenn die leitende Elektronik Waschprozesse unbeschadet übersteht, sei die Stromversorgung nur schwer zu integrieren.  

Dem widerspricht Lisa Lang aus Berlin. Laut der Unternehmerin und Gründerin des Start-ups Elektrocouture ist die Elektrizitätszufuhr kein so großes Problem wie bisher gedacht – als Menschen generierten wir genug Elektrizität, sodass man keine Batterien am Körper tragen müsse. Bei der sogenannten Fashiontechnologie-Marke werden neue Konzepte für tragbare Technik entwickelt und eigene Prototypen hergestellt. Elektrocouture ist damit Think Tank und Fashionbrand in einem. Das Start-up will nicht nur zweckorientierte, sondern auch stilsichere, kreative Smart Fashion schaffen, wie es Designer wie Alexander McQueen und Hussein Chalayan schon vor einer Dekade vorgemacht haben. 2007 zeigte Chalayan Videokleider, die mithilfe von 15.000 eingewebten LED-Lichtern Google-Earth-Aufnahmen auf die Stoffe projizierten. Auch ausfahrbare Kapuzen an Mänteln sowie Kopfbedeckungen, die ihre Farbe wechselten, oder Kleidungsstücke, die Laserstrahlen emittierten, erschienen bei Chalayan bereits um die Jahrtausendwende. Ein neues Feld für Kreativität und Schöpfung ist eröffnet, das Technik und Mode nicht nur aus Nutzzwecken, sondern auch der Ästhetik wegen miteinander verbindet. Man sei experimentierfreudig und stecke noch in den Kinderschuhen, gibt Tillmann zu. »Aber Wearable Design und Smart Textiles gehören zu den derzeit am schnellsten wachsenden Trends in der Modebranche. Bald werden sie auch in jeder Retail-Kette zu finden sein.«