×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mythos der Mitte

RAF-Ausstellung

Die RAF lässt das Establishment der Bundesrepublik nicht los. FAZ-Redakteur Lorenz Jäger, ein bemerkenswerter Pferdeflüsterer der deutschen Bourgeoisie, ließ sich kürzlich über die RAF und ihr einst recht prominent besetztes Sympathisanten-Umfeld, von Anwalt Otto Schily bis Jean-Paul Sartre, aus.
Geschrieben am

Die RAF lässt das Establishment der Bundesrepublik nicht los. FAZ-Redakteur Lorenz Jäger, ein bemerkenswerter Pferdeflüsterer der deutschen Bourgeoisie, ließ sich kürzlich über die RAF und ihr einst recht prominent besetztes Sympathisanten-Umfeld, von Anwalt Otto Schily bis Jean-Paul Sartre, aus. Anlass ist ein neues Buch (Butz Peters ›Tödlicher Irrtum. Geschichte der RAF‹), der Tenor aber der immer gleiche: Es gibt nichts zu verharmlosen! Im Gegenteil: Jäger, der Diabolische, wünscht sich ein Buch über die Rolle Schilys, ›Citizen Schily‹ sollte es genannt werden.

Man wundert sich über den Furor. Auch über den des Otto Schily, der sich im Streit über die am 29. Januar dann doch noch beginnende Berliner RAF-Ausstellung strikt gegen Bundeszuschüsse aussprach. Warum nicht endlich die ganz und gar besiegte RAF offiziell begraben, die letzten Gefangenen entlassen und z. B. eine Ausstellung durchwinken, die die Bewegung kunstgeschichtlich kontextualisiert (wie man so schön sagt)? Holt man die toten Revolutionäre ins Museum, weiß jedes Kind: Die Revolution ist unwiederbringlich vorbei. Jeder Kuba-Tourist kennt die Trostlosigkeit der dortigen Che-Guevara-Schreine. Der RAF schlug in den 70ern, bis zum »deutschen Herbst« und vielleicht auch darüber hinaus, eine Menge Sympathie entgegen. Sie stammte aus der Mitte der 68er-Revolte, faszinierte viele Künstler und Intellektuelle, und der Prozentsatz der Bevölkerung, der sich durchaus vorstellen konnte, einem Terroristen eine Nacht Unterschlupf zu gewähren, war vergleichsweise hoch (etwa fünf Prozent der Bevölkerung, ermittelten damalige Umfragen).

Alles Verblendete, Extremisten und verbohrte Kommunisten? Könnte es nicht sein, dass die Sympathie für die »Leninisten mit Knarre« (so die Kritik undogmatischer Linker an der RAF) einen handfesten Kern hatte? Dass es nämlich in der BRD keine republikanische, radikaldemokratische oder plebejische Tradition gibt, auf die sich Künstler und Intellektuelle hätten beziehen können, sondern vielmehr dumpf fortlebenden Nazismus? Dass der Hass auf die hiesigen Verhältnisse nicht nur dem Extremismus der RAF und ihrer Sympathisanten entsprang, sondern auch dem Extremismus der politischen Mitte (von der Verdrängung des NS bis zur Notstandsgesetzgebung und den Berufsverboten)?

Diese Frage wird nicht zugelassen, sie treibt vielmehr als traumatisch Verdrängtes, als eine Art Albdruck die Texte eines Lorenz Jäger oder Gerd Koenen (früher Hardcore-Stalinist, heute RAF- und 68er-Kritiker) an; sie lässt Otto Schily zum verhärmten Rechtskonservativen mutieren.

Die am 29.01. in den Berliner KW eröffnete Ausstellung heißt ›Zur Vorstellung des Terrors: die RAF‹. Ihr ursprünglicher, wohl heftig angefeindeter Name war ›Mythos RAF‹. Angefeindet vielleicht deshalb, weil der »Mythos RAF« vom »Mythos BRD« nicht zu trennen ist.