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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wüstenmäntel, Großstadt und bedeckte Knie

Mode »Made in Israel«

Die Fashionindustrie Israels ist vielseitig und will dem Land ein neues Image verleihen. Franziska Knupper lebt seit zwei Jahren in dem kleinen Staat im Nahen Osten und hat die Modeszene Tel Aviv-Jaffas genauer unter die Lupe genommen. 
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Maskit

Sharon Tal nippt an ihrem frisch gepressten Orangensaft und streift sich die weißen Turnschuhe von den Füßen. »Eine kleine Pause«, sagt sie. Am Nachmittag fliegt sie schon nach Mailand, gestern war sie in London. Als führende Designerin des israelischen Modelabels Maskit ist die 35-Jährige ständig unterwegs. Ihre Marke blüht international auf – und lockt immer wieder Kunden in die arabische Altstadt Jaffas, die auf der Suche nach langen Roben und Mänteln hierherkommen. Zwischen sandsteinfarbenen Pflastersteinen, hohen Decken und türkisfarbenen Torbögen liegt die Kollektion des letzten Jahres. Lange Kleider, fließende Stoffe und immer wieder Stickereien – das Markenzeichen der Luxusmarke. »Diese Kollektion war inspiriert vom Toten Meer und von der Wüste«, erklärt Sharon und berührt vorsichtig den dünnen Stoff.

Das Aufeinandertreffen von dem Blau und Violett des Salzsees und dem Rot der Wüste Negev sei Auslöser für die Kreationen gewesen. Israel mag zwar winzig sein, nichtsdestotrotz herrschen in dem Nahoststaat ganze drei Klimazonen, und er liegt am Knotenpunkt dreier Kontinente. Die Natur verwandelt sich hier oft in wenigen Augenblicken. »Diese Landschaft ist und bleibt immer meine erste Inspiration«, erklärt Sharon. 
Seine Hochzeit hatte das Label in den 50er- und 60er-Jahren: »Audrey Hepburn trug Maskit, es gab einen Store auf der 5th Avenue und Kollaborationen mit Givenchy, Dior oder Yves Saint Laurent«, erzählt die Israelin. Vor der Gründung 1954 war Labelbetreiberin Ruth Dayan von Dorf zu Dorf gereist und hatte eine reiche jüdisch-arabische Modekultur aus den verschiedensten Winkeln der Welt, von Osteuropa bis Nordafrika, entdeckt. »Es war einfach, an das Phänomen Maskit anzuknüpfen«, erinnert sich Sharon.
Als Absolventin der renommierten Shenkar Hochschule bei Tel Aviv habe sie nach dem Abschluss in Israel zwei Optionen gehabt: Selbstständigkeit oder Retail. Sie habe keins von beidem gewollt, also habe sie vorerst in London für Stardesigner Alexander McQueen gearbeitet, bis sie sich reif fühlte, das Erbe der Ruth Dayan anzutreten. »Die meisten Absolventen müssen sich entscheiden: Gehe ich in die Fast-Fashion-Branche und arbeite bei Castro – denn sonst gibt es hier nicht viel –, oder gründe ich mein eigenes Label«, erzählt die Designerin. Die meisten müssten nach kurzer Zeit wieder aufgeben. Der israelische Markt ist klein, die Produktionskosten sind hoch.

BLTRX

Tamar Friedman, Gründerin und Designerin des Taschenlabels BLTRX, hat vor vier Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Damals kam sie gerade aus Paris, wo sie ihre Studien in Fashion und Textildesign an einer der Écoles Supérieures absolviert hatte. Die Entscheidung, nach Israel zurückzukehren, fiel ihr nicht leicht. »Es ist hier viel schwieriger als in Europa. Wir erhalten wenig staatliche Förderung im Kultursektor, und der Markt ist sehr umkämpft«, erzählt die 32-Jährige. Für die meisten Jungdesigner sind das verheerende Startkonditionen. Viele von ihnen gingen vor allem an den horrenden Produktionskosten in Israel zugrunde. Durch die politische Lage gebe es keinerlei Nachbarländer, in denen man billiger produzieren könne. Die Einfuhr von Waren – beispielsweise aus China – wird in Israel sehr hoch besteuert, und die Qualität ist gerade für unerfahrene Designer im Business schwer einzuschätzen.
Tamar fertigt ihre Taschen in Jaffa und begutachtet sie in ihrem Studio auf dem grün bewachsenen Ben Tsion Boulevard in der Innenstadt. Bald sollen Gürtel und Accessoires dazukommen. Tamar liebt die immer neue Kombination von Farben und Formen, von Geometrie und unterschiedlichen Textilien. Ihr Studio ist ein Puzzle aus rauem Leder, Stickereien, Fransen, klaren Linien, Mustern und Kanten. Manche Taschen kommen in Halbmondform daher, andere wiederum als Beutel, groß oder klein, als Box oder Clutch. Der Stil von BLTRX sei an die Boheme angelehnt, erzählt Tamar, und bleibe trotzdem modern und verspielt.

Gelada, Sorry Design und Muli

Noch jünger und urbaner geht es bei Labels wie Gelada, Sorry Design oder Muli zu. Wer es nicht nötig hat, einzig und allein von der Mode zu leben, findet in Tel Aviv eine inspirierende Atmosphäre – befeuert durch ein nie enden wollendes Nachtleben, ständig gut besuchte Restaurants, Ausstellungen, Konzerte, Pop-up-Bars. Und obwohl die Preise in der Innenstadt mit Tokio oder New York konkurrieren, findet sich im Herzen der Mittelmeer-Metropole eine lebendige Szene an jungen Kreativen. 

Der Shop von Gelada liegt am Ortseingang von Jaffa. Hier machen sich neue Galerien und kleine Bistros den Platz streitig. Der Gründer Yaron Mendelovici hat den Fokus auf Design und Illustration gelegt. Das Label bewegt sich an der Schnittstelle von kunstvoll bedruckten T-Shirts, Beuteln und Plattencovern – und tut dabei immer so, als wäre es ein Reisebüro: »Gelada Travel Agency« prangt in großen Lettern an der Eingangstür. Ein kleiner Raum zum einmal Herumdrehen und Stöbern, eine verwinkelte Holztreppe ins Lager im zweiten Stock, ein ebenso kleines Café nebenan. Die Entwürfe stammen von mehreren freien Designern; Bands arbeiten gerne mit Gelada zusammen, und Eventplaner nutzen die Designs für Clubs, Festivals und Promotion.
Die ehemalige Freelance-Designerin Danielle Weinberg hat ebenfalls für das Label gearbeitet – bis sie sich freigestrampelt und Sorry Design eröffnet hat. Damit schwimmt sie zwar im gleichen Fahrwasser wie Gelada; ihre Designs sind jedoch kühler, klarer, cooler – ganz so, als wären sie geradewegs mitsamt einem Berliner Hipster aus Minusgraden eingeflogen worden. Die Models sind blass und haben ihre Augen nur halb geöffnet – Weinbergs Kleidung ist für lange Nächte gemacht. Der weiße Schriftzug zieht sich plakativ durch alle Seidendrucke, Pullover, Hoodies, T-Shirts; kurze und meist provokante Slogans und ein einsames X-Zeichen finden sich hier und da. Sorry Design steht für Minimalismus, Coolness und Reduktion.

Marelus

Die orthodoxe Designerin Chana Marelus aus dem kleinen Vorort Bnei Brak ist weniger hip, bei ihrer Zielgruppe jedoch nicht weniger begehrt. Sie entwirft mit ihrem Label Muli hochgeschlossene Roben, Abendmode und sittsame Brautkleider. Ursprünglich gedacht für die religiöse jüdische Frau, hat der Trend der sogenannten »Modest Fashion« mittlerweile die Laufstege der Haute Couture erobert. Sogar internationale Marken wie Mango oder DKNY stellten in den letzten Jahren immer wieder sogenannte Ramadan-Kollektionen vor, und im Mai letzten Jahres wurde in Istanbul die erste »International Modest Fashion Week« abgehalten.

»Ich wollte eine Mode kreieren, die meiner Community zugutekommt. Für uns ist es oft schwierig, hochwertige und bescheidene Fashion zu finden. Ich möchte mich jedoch nicht ausschließlich an religiöse Juden wenden«, unterstreicht Marelus. Die religiösen Kleidervorschriften des Judentums sehen vor, dass die Ärmel bis zu den Ellenbogen reichen, das Dekolleté bedeckt ist und der Saum mindestens bis unters Knie reicht. Von diesen Vorgaben fühlt sich die Designerin jedoch nicht eingeengt. »Wenn ich ein Kleid entwerfe, denke ich nicht darüber nach, wie ich es ›anständig‹ gestalten könnte. Das ist Teil von mir und Teil meines Stils geworden.« Marelus möchte der jüdischen Modekultur zu einem neuen Image verhelfen. 

Auch Sharon Tal von Maskit sieht ihre Aufgabe darin, ein Image zu verbessern – nicht das der jüdischen Religion, sondern das ihres Landes. »Als ich im Ausland lebte, habe ich festgestellt, was für ein Bild die Menschen von Israel haben«, erzählt sie. »Es geht immer um Krieg und Bomben. Die meisten wissen nicht einmal, was für eine lebendige Großstadt Tel Aviv ist. Dieses Bild möchte ich mit unserer Mode verändern.«