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Enter The Midi

Live 4

Mit der neuen Version #4 wollen Ableton Live endgültig zu einer vollwertigen »Real Time Music Production«-Plattform machen. Komposition und Improvisation, Harddisk-Recording, Sampling, Sounddesign sowohl im Studio als auch auf der Bühne und im Club sollen mit der neuen Version möglich sein. Zur
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Mit der neuen Version #4 wollen Ableton Live endgültig zu einer vollwertigen »Real Time Music Production«-Plattform machen. Komposition und Improvisation, Harddisk-Recording, Sampling, Sounddesign sowohl im Studio als auch auf der Bühne und im Club sollen mit der neuen Version möglich sein. Zur Erinnerung: Ableton wird 1999 gegründet, motiviert durch die Unzufriedenheit der Gründungsmitglieder Robert Henke und Gerhard Behles mit den ihnen zur Verfügung stehenden Sequencern. 2001 erscheint Version #1, sie besticht durch die starke Ausrichtung auf Improvisation und Echtzeitmanipulation. Das Grundprinzip besteht darin, dass Audiodateien beliebiger Länge in ein einheitliches Tempogefüge eingepasst und somit zueinander synchronisiert werden können. Sie können während des Spielens beliebig geladen, gestartet, gestoppt, geloopt und gewechselt werden. Es gibt zwei Betriebsmodi, einen zum Jammen, den anderen fürs Arrangement. Neuartig ist auch das durchdachte grafische Benutzer-Interface: Ein einziges Fenster genügt, um sämtliche Funktionen darzustellen. Im Laufe der Weiterentwicklung kommen zunehmend Möglichkeiten dazu, die Loops zu verändern: durch flexibles Time-Stretching, mit Hilfe von Effekten oder zuletzt in Live 3 durch Hüllkurven, die der Automatisierung von Controllern wie der Lautstärke oder einzelner Effektparameter dienen. Und die sich – sehr smart – auch vom Zeitraster des Originalsamples loslösen lassen können.
Die Software verursachte einen Begeisterungssturm. Sie ist inzwischen zu einem Standard bei der Aufführung elektronischer Musik geworden, erlaubt sie schließlich wie kaum eine andere ein wirkliches Eingreifen in das musikalische Geschehen beim Liveset. Die eigentliche Erzeugung der verwendeten Soundfiles musste bislang allerdings außerhalb des Programms stattfinden, sei es durch den Kauf von vorgefertigten Loops (pfui) oder eben in einem anderen Produktionsprogramm. Da lag es nahe, auch diesen zentralen Arbeitsschritt in Live zu ermöglichen. Per Midi werden nun virtuelle Software-Instrumente oder das externe Midi-Equipment angesteuert.
Ein weiteres wesentliches Merkmal der neuen Version ist die verstärkte Einbindung des Zufallsfaktors. Das häufig eher statische Wesen Loop-basierter Musik kann an verschiedenen Stellen mit lustigen neuen Features in Schwung gebracht werden. Midi-Daten können in Tonhöhe oder Anschlagstärke per Random-Funktion verändert werden, im Live-eigenen Drum-Sampler kann so gut wie jeder Parameter durch einen Zufallsfaktor beeinflusst werden. Mit der »Follow Action« schließlich kann definiert werden, was geschehen soll, wenn ein Clip eine bestimmte Zeit gespielt hat: Aus zwei einstellbaren Aktionen wird mit einer definierbaren Wahrscheinlichkeit eine ausgewählt.
Das Konzept der flexiblen Hüllkurven auf die neuen Midi-Spuren übertragen, ein neues Routingkonzept, ein paar andere Verbesserungen und Erweiterungen – und fertig ist der neue Mittelpunkt des Studios.
Die neue Komplexität hat aber ihren Preis: Es wird enger auf dem Bildschirm. (Und auch der Verkaufspreis steigt übrigens: um 100 Euro auf nun 399 Euro, Updates gibt’s ab 119 Euro.) Das ursprüngliche Prinzip der Software, alle Funktionen innerhalb eines Fensters zugänglich zu machen, besteht indes weitgehend fort. Wo das nicht möglich ist, wird im Forum der Ableton-Seite diskutiert, ob dies zu vertreten ist.
Das Forum spielt auch sonst eine wichtige Rolle: Es dient zum einen als Sammelkasten für die Wünsche der Anwender an zukünftige Versionen. Zum anderen greifen Ableton in einer Testphase auf die Beobachtungen der Nutzer zurück. Diese können mit einer Betaversion eine Zeit lang arbeiten und berichten rege von allerhand größeren und kleineren Programmfehlern, Ungereimtheiten oder posten Verbesserungsvorschläge.
Bei der letzten Programmversion konnten so nahezu alle Bugs schon vor dem endgültigen Release ausgemerzt werden. Traumhafte Zustände, wo sich doch sonst Programmfehler (besonders bei den Großen der Branche) auch gerne mal durch mehrere Versionen durchschleppen und Foren scheinbar lediglich dazu instrumentalisiert werden, fehlende Supportleistungen auf Kunden abzuwälzen.
Inwiefern die neue Version den etablierten Produktionsumgebungen den Rang ablaufen wird, bleibt jetzt abzuwarten. Für meinen Geschmack fehlen der neuen Version noch ausführlichere Möglichkeiten bei der Bearbeitung der Midi-Daten; auch der Ruf nach einer Freeze-Funktion wird bei dem Ressourcenhunger der meisten VST-Instrumente wohl bald erklingen. Doch das sind technische Erweiterungen, das grundlegende Konzept besticht nach wie vor.
Es ist der Software deutlich anzumerken, dass hinter jedem Detail der Wunsch steht, ein komfortables und vielseitiges Musikinstrument zu schaffen. Live setzt wieder einmal Standards, insbesondere, was die Eröffnung musikalischer Möglichkeiten betrifft. Und um die geht es ja am Ende.

Ableton
Der heutige CEO Gerhard Behles formte gemeinsam mit Robert Henke das Projekt Monolake. Behles zog sich jedoch bald aufgrund seines Engagements bei Ableton von seiner musikalischen Tätigkeit zurück. Robert Henke führt Monolake alleine fort, bleibt aber bei der Konzeption der Software bis heute beteiligt. Auf unzähligen Vorträgen und Konzerten stellt er die Software vor und sammelt dabei kontinuierlich Anregungen der Musiker, die mit Live arbeiten.

Midi
... steht für »Musical Instrument Digital Interface«. Das Prinzip dieses Protokolls entspricht etwa dem eines Lochstreifens bei einem automatischen Piano. Es überträgt keine Tondateien, sondern lediglich Informationen darüber, zu welchem Zeitpunkt ein bestimmtes Gerät einen bestimmte Ton spielen soll. Entsprechend verbraucht es eigentlich kaum Systemressourcen und Speicherplatz und war schon vor 100 Jahren erste Wahl bei der Computer-gestützten Musik.

www.ableton.de