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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kratzen & Beißen: Die monatliche Hass-Kolumne

Benjamin Walter gegen Fleischtunnel

»Fleischtunnel«, die extragroßen Ohrpiercings mit Loch zum Durchgucken, erobern den Mainstream und tun nicht nur in den Augen weh. »Kratzen und Beißen« diesmal zum Thema »Stinken und Reißen«.
Geschrieben am

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Das Gewohnheitsrecht der Heranwachsenden und Berufsjugendlichen auf originelle Selbstverschandlung muss in dieser Gesellschaft notfalls mit der Waffe verteidigt werden. Winzige Wollmützchen, komische Hosen und meinetwegen Halstattoos machen Bock und lockern das urbane Straßenbild auf. Und auch ich freue mich täglich über meine idiotische Frisur. Doch mit dem Durchmarsch des Fleischtunnels von der Body-Modification-Szene zum verwirrten Normalo befindet man sich nun eventuell doch auf einem ästhetischen wie medizinischen Irrweg.

Da wird gepierct und gedehnt, was das morsche Gewebe hergibt, und die angeschlossene Individualisierungsindustrie bietet den Patienten einen prallen Warenkorb von Metallsteckern bis zu Holzpflöcken. Doch anstatt damit nun Großmutter zum Weinen und die Clique zum Applaudieren zu bringen, haben Fleischtunnel-Besitzer mit ihrem schönen Hobby nichts als Scherereien. Ganze Internetforen befassen sich mit der Frage, wie das entzündete Ohrläppchen wohl am effektivsten in die Breite gezogen werden kann, denn es reißt, nässt, schuppt und riecht zu allem Überfluss auch noch erbärmlich. Zart besaiteten Gemütern wird allein bei Begriffen wie »Dehnungssichel« ganz übel. Wohl noch nie machte das Herumfummeln am eigenen Körper so wenig Vergnügen, um im Erfolgsfall wie ein Ethno-Trottel mit zwei Untertassen im Ohr auszusehen. Aber auch das ist individuelle Freiheit, man muss ja schließlich nicht hinsehen. Und – guess what? – genau das werde ich tun.