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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Jahresrückblick: Jenny Weser gegen Selfies

Kratzen & Beißen

Bevor es beim Popkolumnen-Untersuchungsausschuss ohnehin rauskommt: Ja, auch mein Datenschatten ist nicht frei von digitalen Selbstporträts. Aber dennoch: Jetzt gibt’s Ärger, ihr Handyfotografen-Honks!
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Das ist schon verdammt dünnes Eis, auf dem ich da kratze und beiße. Nach zwei Jahren passioniertem Instagrammen habe ich dort den einen oder anderen Beitrag zu den 54.286.027 Suchergebnissen geleistet, die mit #selfie zu finden sind (#selfiesaturday, #selfietime oder #selfiequeen nicht berücksichtigt). Sollte es eigentlich irgendeine Drecksau interessieren, wie andere beim Schlafen, Essen, Sporteln, Kacken oder nackt aussehen? Die brutale Wahrheit: Nein, aber ich schau mir den Müll auch an. Verdammt. Na ja, ich sehe das ja schon auch kritisch und so, und klar ist es narzisstisch, aber immerhin ist so ein Selfie ja schnell geschossen, rede ich mir ein, und überhaupt sind neue technologische Möglichkeiten wohl kaum Ursache eines Phänomens.

Um sich porträtieren zu lassen, saßen die Dudes im Mittelalter tagelang auf irgendeinem Holzpferd, bis sie unfruchtbar und ihre Ärsche wund waren. Who’s narcistic now, huh? Es gibt aber tatsächlich eine Sache, die ich nicht und niemals tolerieren kann: Wenn der Drang, den Moment via Selfie festzuhalten, wichtiger ist als der Moment selbst. Einer Situation, die man gerne in Erinnerung behalten möchte, den Rücken zuzuwenden, ist doch pietätlos. Meine persönliche Hassgeschichte: Ich stehe in Patagonien vor dem gigantischen Gletscher Perito Moreno und habe mit den anderen Anwesenden das seltene Glück, ein riesiges Stück vom Gletscher abbrechen zu sehen. Alle starren, ganz still und andächtig, sehen den Brocken ins Wasser tauchen und Wasserkreise von 20 Metern Durchmesser ziehen. Der Typ neben mir zückt sein iPhone, dreht sich um, streckt den Arm aus und ruft: »It’s selfietime.« Ich hätte reinschlagen sollen. Und zwar stundenlang.