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Feministische Statement-Shirts

Grrrl-Power zum Anziehen?

Shirts, Sweater und Beanies mit feministischen Statements sind in dieser Saison stark angesagt. Doch wie empowernd sind die Stoffstücke, die man bei H&M, Zara und Co. kaufen kann, wenn auf dem Waschzettel hier wie da »Made in Bangladesh« steht? Julia Korbik geht dieser Frage auf den Grund. Die Shirts, die wir an dieser Stelle zeigen, sind übrigens alle fair produziert.
Geschrieben am
Feminismus ist gerade günstig zu haben: Nur knapp zehn Euro kostet ein rosafarbenes T-Shirt mit Feminist-Schriftzug bei H&M, ein Grrrl Power-Shirt ist auf dem Online-Marktplatz Etsy für 15 Euro zu haben. Das gute Gewissen gibt’s gratis dazu, schließlich bezieht man mit einer politischen Botschaft auf der Brust Stellung, man engagiert sich. Wer sagt denn, Feminismus und Fashion hätten nichts miteinander zu tun?

Tatsächlich ist Feminismus in den letzten Jahren zum modischen Trend geworden: Karl Lagerfeld schickte 2014 Models mit Parolen wie History is Her Story über den Laufsteg, das Modehaus Dior präsentierte 2016 T-Shirts mit dem Slogan We should all be feminists. Wenn es um feministische Mode geht, muss es aber nicht immer High Fashion sein: T-Shirts mit den Slogans The Future is Female, Feminist AF oder Nasty Woman (Donald Trump lässt grüßen) sind angesagt und auch für Normalsterbliche erschwinglich.

Ganz unproblematisch ist diese Symbiose aus feministischer Haltung und Konsum allerdings nicht. Denn ist es nicht ein bisschen zu einfach, das Tragen eines Kleidungsstücks automatisch mit Aktivismus gleichzusetzen? Eine politische Haltung mal eben so überzustreifen – und sie dann in der hintersten Ecke des Kleiderschranks verschwinden zu lassen, sobald etwas anderes angesagt ist? Hinzu kommt, dass feministische Klamotten zwar empowernde Botschaften transportieren – an ihrer Herstellung aber oft ganz und gar nichts ermächtigend ist. Im Gegenteil.
Sarah Farina, Djane und Veranstalterin
Shirt: Shirt: Femtastics × Black Velvet Circus
Bild: Miriam Marlene Waldner
2014 taten sich die britische Frauenvereinigung Fawcett Society, das Elle Magazin und die Kleidungsmarke Whistles zusammen, um eine neue Version des This is What a Feminist Looks Like-T-Shirts herauszubringen. Benedict Cumberbatch, Emma Watson und viele andere Berühmtheiten und Politiker ließen sich damit fotografieren. Feministischer Spirit lag in der Luft – doch dann kamen Vorwürfe auf, die Shirts würden in einem Sweatshop auf Mauritius produziert. Die Fawcett Society ordnete eine Untersuchung an und verkündete danach, alles sei in Ordnung, die Kleidung würde nach ethischen Standards produziert. Imageschaden gerade noch mal so abgewendet. Trotzdem: Wie ethisch können diese Standards sein, wenn ein paar der aktuell im Fawcett-Society-Online-Shop erhältlichen Shirts gerade einmal 15 britische Pfund (ungefähr 17 Euro) kosten?
 
Immerhin kam der Erlös aus dem T-Shirt-Verkauf einem guten Zweck zu, nämlich der Fawcett Society selbst: Wer ein This is What a Feminist Looks Like-Shirt kaufte, machte also nicht nur eine klare Ansage, sondern trug einen kleinen Teil zur Unterstützung von Frauen bei. Das sieht bei großen Modeketten naturgemäß anders aus: Von den Verkäufen profitiert einzig und allein das Unternehmen – da kann das entsprechende T-Shirt noch so fröhlich feministische Botschaften verkünden, die Kollektion noch so sehr auf Diversität und emanzipatorische Vibes setzen. So wie bei H&M und der She’s a lady-Kampagne von 2015. Das dazugehörige Video feiert Frauen in allen Formen und Lebenslagen: Selbstbewusst und achselbehaart lungern sie im Bett rum, leiten Vorstandssitzungen, sitzen breitbeinig in der Bahn oder schauen zufrieden in den Spiegel. Untermalt wird das Ganze von Lion Babes »She’s A Lady«-Cover, und die Botschaft ist klar: »Sei du selbst! Was eine Lady ist, bestimmst alleine du!« So weit, so empowernd. Für die »Ladys« in den süd- und südostasiatischen Textilfabriken, die die H&M-Mode nähen, bringt der schwedische Konzern allerdings kein Interesse auf – die gehören ja auch nicht zur Zielgruppe.
Joseph Wolfgang Ohlert, Künstler und Fotograf,
Shirt: Dorothee Schumacher
Bild: Miriam Marlene Waldner
Nach Angaben der Kampagne Labour Behind the Label stellen Frauen ungefähr 80 Prozent der Arbeiter in der globalen Textilindustrie. Viele von ihnen müssen Kinder und Familie ernähren. So gut man eben mit 5000 Taka (knapp 59 Euro) im Monat – der durchschnittliche Lohn in Bangladesch – eine Familie ernähren kann. In vielen Textilfabriken, ob in Indien, Bangladesch oder Kambodscha, sind die Arbeitsbedingungen katastrophal: mangelnder Zugang zu Wasser, stundenlange Schichten ohne feste Pausenzeiten und aggressive Chemikalien. Frauen und junge Mädchen werden von Vorgesetzten systematisch diskriminiert und sexuell belästigt. Und: Die Arbeit in einer Textilfabrik kann tödlich sein. 2012 starben bei einem Feuer in einer pakistanischen Fabrik mehr als 300 Menschen; bei einem Fabrikeinsturz 2013 in Bangladesch wurden 1127 Menschen getötet, die meisten davon Frauen. Zu den Marken, die dort ihre Kleidung produzieren ließen, gehörten Primark, Benetton und Mango – ein »Girl Gang«-Shirt kostet bei Mango übrigens aktuell 16 Euro.

All diese Tatsachen sind bekannt. Trotzdem ist uns die Bio-Qualität unserer Avocado oft wichtiger als die ethische Qualität unserer Klamotten. Dabei sollten wir uns dafür interessieren, woher unsere Klamotten kommen und wer sie produziert hat, gerade dann, wenn darauf feministische Botschaften prangen. Denn Feminismus ist eine Bewegung, die sich vor allem gegen die Diskriminierung von Frauen einsetzt. Wenn wir also T-Shirts tragen, die zwar eine politische Haltung zur Schau tragen, aber unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert worden sind, passt da was nicht richtig zusammen: Wir empowern nur uns selbst und sonst niemanden. Ein T-Shirt mit feministisch motivierender Message wiegt nicht automatisch alle negativen Aspekte seiner Herstellung auf.

Dabei kann Konsum durchaus politisch sein: Es ist eben nicht egal, wofür wir unser Geld ausgeben. Allerdings: Eine politische Haltung lässt sich nicht kaufen. Sie hängt nicht irgendwo auf einem Kleiderbügel und wartet auf Kundschaft. Wer sich Feministin oder Feminist nennt, kann nicht guten Gewissens The Future is Female-Shirts für ein paar Euro kaufen und damit eine Industrie unterstützen, in der Frauen systematisch ausgebeutet werden. Eine Industrie, die immer schneller und immer mehr produziert – bei Fast Fashion geht es nicht mehr um die Qualität, und ganz sicher geht es nicht um gute Arbeitsbedingungen für die Näherinnen.
Sarah Diehl, Autorin und Regisseurin
Shirt: KDG × Jayne Wayne
Bild: Miriam Marlene Waldner
Dass wir vermeintlich feministische Klamotten kaufen und dabei mehr auf den passenden Slogan achten als auf die Herstellung, macht uns nicht automatisch zu schlechten oder gar bösen Menschen. Aber es macht uns zu ignoranten Menschen. »You are what you wear«, heißt es. Was sagt es über uns aus, wenn uns unsere politische Haltung gerade mal ein paar Euro wert ist? Deshalb lautet die Devise: Augen auf beim Kauf vermeintlich feministischer Klamotten. Statt uns über Billigpreise zu freuen, sollten wir Fragen stellen: Wo kommen die Klamotten her? Wer hat sie gemacht? Wird ein Teil der Einnahmen vielleicht sogar für wohltätige Zwecke gespendet? Fallen die Antworten nicht befriedigend aus, muss eben nach anderen Möglichkeiten gesucht werden. Denn es gibt sie, die Alternativen zur feministischen Fast Fashion. Zwar meist etwas teurer, dafür aber tatsächlich inklusive gutem Gewissen. Ein Shirt ist eben nicht nur ein Shirt – und die positive feministische Botschaft auf der Brust trotz Billigpreis oft teuer erkauft.
Für unsere Modestrecke haben wir ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit jeweils einem Teil (fair produziert, versteht sich) ausgestattet und gefragt, was Feminismus für sie bedeutet. Tipp: Schaut euch die Fotos in der Vollbild-Ansicht an. Außerdem zeigen wir euch noch ein paar weitere fair produzierte Feminismus-Shirts. Fotos: Miriam Marlene Waldner

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