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Interview mit Anna Vladi und Karina Papp

»Found On The Street« – die besten Outfits liegen auf der Straße

Die sozialen Netzwerke sind voll davon: trendige Instagram-Blogs, auf denen Influencer in teuren Designerklamotten posieren, die sie sich ohne Produktplatzierungen wohl gar nicht leisten könnten. Auf den ersten Blick sieht der Blog von Anna Vladi und Karina Papp ähnlich aus. Der Unterschied: Alles, was die beiden bei found_on_the_street abbilden, haben sie auf der Straße gefunden. Chiara Baluch hat nachgefragt, was es mit diesem etwas anderen »Streetstyle-Blog« auf sich hat. (Foto: Found On The Street)

Geschrieben am

Interview:
Chiara Baluch

Wie kommt man auf die Idee, auf der Straße nach Kleidung zu suchen, daraus Outfits zu kreieren und damit einen Blog zu starten?
Karina Papp: Seit ich vor knapp vier Jahren nach Berlin gezogen bin, ist mir immer wieder aufgefallen, dass viele Menschen hier einfach Dinge auf den Bürgersteig legen, damit jemand anderes sie sich nehmen kann. Wir fanden Möbelstücke oder Bilderrahmen in Hauseingängen, die mit der Notiz »zu verschenken« gekennzeichnet waren. Es gab aber auch Kleidung, teilweise sogar gewaschen und ordentlich gefaltet. Ich nahm öfter etwas mit, das mir gefiel. Anna und einige andere Freunde von uns machten das auch, und wir teilten und tauschten untereinander, wenn etwas uns nicht passte. In den letzten zwei Jahren wurde uns bewusst, dass wir ständig Kleidung auf der Straße finden.
Anna Vladi: Karina kam dann auf die Idee, daraus einen Modeblog zu machen. Sie war schon immer sehr aktiv auf Instagram und hat mir deswegen vorgeschlagen, mit anderen zu teilen, was wir mit den gefundenen Klamotten machen.
Karina: Mit Annas Talent für Fotografie und mit ihren organisatorischen Fähigkeiten haben wir dann found_on_the_street ins Leben gerufen – und damit bisher ziemlich viel Spaß!

Eure Aktion könnte man in gewisser Weise als eine Art Konsumverweigerung verstehen. Kauft ihr überhaupt noch Kleidung? 
Anna: Mein letzter Kleiderkauf liegt gut zwei Jahre zurück. Ich musste mir neue Sportschuhe kaufen. Aber das meiste, was ich brauche, Unterwäsche jetzt mal ausgenommen, finde ich wirklich auf der Straße.

Also gibt es schon eine Grenze. Ihr nehmt nicht alles von der Straße?
Karina: Unterwäsche geht halt nicht. Die kaufe ich auch im normalen Klamottenladen. Aber wenn zum Beispiel Socken noch in Ordnung aussehen ...
Anna: Socken habe ich schon mehrmals gefunden, ganz neu und verpackt. Die habe ich dann auch ohne Probleme mitgenommen.

Sucht ihr gezielt nach Kleidung, oder wartet ihr, bis ihr ein cooles Shirt oder ein paar Sneakers an der nächsten Straßenecke findet?
Anna: Ich suche nie gezielt, halte aber immer meine Augen offen. Wenn ich eine »zu verschenken«-Box auf meinem Weg finde, lohnt es sich immer, einen Blick hineinzuwerfen.
Karina: Eben, man muss gar nicht gezielt suchen. Die Kleidung fällt einem quasi vor die Füße. Wenn man an einem Sonntagnachmittag in einer ruhigen Straße mit vielen Häusern in Berlin spazieren geht, findet man mindestens eine von solchen Boxen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass Anna und ich mit der Zeit einfach Profis im Aufspüren geworden sind.

Eure Outfits auf Instagram können durchaus mit »normalen« Fashion-Blogs mithalten. Ich stelle es mir kompliziert vor, bis ein kompletter Look, der auch noch gut harmoniert, zusammengetragen ist. Wie wählerisch könnt ihr überhaupt sein?
Karina: Wir bezeichnen found_on_the_street nicht ohne Grund als einen eher ironischen Mode-Blog. Instagram ist heutzutage ein wichtiges Marketingtool und eine Plattform, um Produkte zu bewerben oder direkt zu verkaufen. Und wir haben die Tatsache immer etwas verspottet oder, sagen wir mal, belächelt, dass Leute dort stets dazu animiert werden, immer mehr und noch mehr zu kaufen. Wir zeigen mit unserem Blog eben, dass man schöne Kleidung auch umsonst haben kann. Man muss sie einfach nur aufheben und einen coolen Look daraus machen. Außerdem nehmen wir uns nicht zu ernst dabei (#whysoserious) und posieren wie coole Models, die wir in Modemagazinen sehen (#fashionisnotmyprofession). Diese Attitüde übertragen wir auch auf unsere Outfits. Und wir haben genügend Sachen zur Auswahl. Zusätzlich teilen Freunde auch gerne ihre Schätze mit uns und verleihen Kleidung für unsere Shootings. Meistens kombinieren wir aber spontan einfach das, was wir dabeihaben.

Was ist euer liebstes Fundstück?
Anna: Ich mag sehr viele meiner Fundstücke. Aber ein Favorit ist meine geliebte Indianer-Jacke aus Charlottenburg.
Karina: Ich habe in Athen einmal einen tollen blauen Kaschmirpullover gefunden. Kein Fleck, nicht einmal ein winziges Loch. Den habe ich den ganzen Winter lang getragen. Ach ja, und Anna hat im vergangenen Sommer ein altmodisches Polkadot-Kleid für mich gefunden. Ich kann den Frühling nicht erwarten, damit ich es endlich wieder tragen kann.

Ihr kommt beide gebürtig aus Russland, lebt jedoch seit einiger Zeit in Berlin. Eine Stadt, die ja bekanntlich für die unterschiedlichsten Typen, Ideen und Konzepte offen ist. Hättet ihr found_on_the_street auch in eurer Heimat gestartet?
Anna: Ich glaube ehrlich gesagt, in Russland hätte sich das etwas schwierig gestaltet. Diese lockere »zu verschenken«-Kultur gibt es dort gar nicht, soweit ich weiß. Das war auch für mich ganz neu, als ich nach Berlin gekommen bin. Ich könnte mir aber ein Projekt oder einen Blog mit Klamotten von unseren Omas vorstellen. Die haben nämlich immer gut auf ihre Kleidung geachtet und sie aufbewahrt, um sie dann weiterzugeben.
Karina: Ich glaube, Dinge auf der Straße zu verschenken, die man nicht mehr braucht, ist schon fast so ein »Berlin-Ding«. Wie Anna schon gesagt hat, habe ich in Sankt Petersburg nie Dinge oder Klamotten zum Mitnehmen auf der Straße gefunden. Somit wäre ich in Russland niemals auf die Idee für unseren Blog gekommen. In Athen zum Beispiel könnte ich mir das auch ganz gut vorstellen. Ich war sehr überrascht, als ich dort im Dezember beim Spazieren Klamotten fand. Eine riesige Tasche mit Vintage-Sachen, von denen einige sogar noch etikettiert waren. Ein anderes Mal habe ich eine kleinere Tasche vor einem Hauseingang gefunden, mit einigen eher altmodischen, aber auch sehr schönen Sachen.

Wo sind die besten Fundorte?
Anna: Eigentlich überall. Ich fahre fast jeden Tag mit meinem Rad von Neukölln nach Charlottenburg, auf dieser Strecke finde ich fast immer was.
Karina: Ich habe schon viele Dinge im Schillerkiez und in der Richardstraße gefunden. Aber das liegt auch alles in dem Viertel, in dem ich wohne. Theoretisch kann man in den meisten Straßen und Vierteln fündig werden. Gerade in einer Stadt wie Berlin.

Wie hat sich eure Sicht auf Kleidung und vor allem Mode an sich gewandelt? 
Anna: Klamotten machen nicht aus, wer wir sind. Kleidung ist lediglich eine Hülle. Darum ziehe ich einfach an, was ich mag, was bequem ist und worin ich mich hübsch finde.
Karina: Ich habe mir angewöhnt, Komplimente zu verteilen, wenn ich coole, lustige, kreative oder mutige Menschen treffe. Auch wenn es Fremde auf der Straße sind, die ich vorher noch nie getroffen habe. Solche Leute inspirieren mich einfach. Und nachdem found_on_the_street so einen tollen Start hatte und wir viel positive Resonanz bekommen haben, fühle ich mich noch befreiter in meiner Art, wie ich mich in Klamotten ausdrücken kann.

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