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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schnüffeln im Spind

Foot Locker

Selbst Jennifer Lopez, deren Künstlergarderobe heute gerne mal die Dimensionen und Kosten von kleinen Ferienschlössern annimmt, hat einmal so angefangen: In einer kleinen hochformatigen Blechkiste verstauen seit Urzeiten alle amerikanischen Schüler ihre Hockeyschläger, Haarspraydosen und Hefte. De
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Selbst Jennifer Lopez, deren Künstlergarderobe heute gerne mal die Dimensionen und Kosten von kleinen Ferienschlössern annimmt, hat einmal so angefangen: In einer kleinen hochformatigen Blechkiste verstauen seit Urzeiten alle amerikanischen Schüler ihre Hockeyschläger, Haarspraydosen und Hefte. Der abschließbare Spind stellt in amerikanischen Highschool-Filmen ungefähr das dar, was der Saloon in Western ist: Beide sind mit allen Mitteln zu verteidigendes Revier, hier wird der Held herausgefordert, die Beautyqueen vor marodierenden Rüpeln gerettet oder der kleine Bruder (in Highschool-Filmen: mit Brille / in Western: schon tot) gerächt. Man kommt sich näher, die Atmosphäre ist – auf die eine oder andere Art – persönlich, so persönlich wie die Dinge, die sich hinter den verschlossenen Blechtüren der Locker verbergen. Extreme Fantasien von Pin-ups, Pausenbroten oder Pumpguns könnten dahinter wahr werden, doch meist verhindert das ein kleines Zahlenschloss.

Die Turnschuhkette Foot Locker allerdings erlaubt es nun, ein bisschen in den Spinden von Musikern und Sportlern, äh, herumzuschnüffeln. Oder zumindest mal reinzulinsen. Auf der Ausstellung ›Foot Locker Unlocked‹ in Berlin nämlich. Ein Dutzend bekannte Teilnehmer schließen den Schrank auf, und da steht nicht nur Duschgel drin. Wahrscheinlich sogar nicht ein einziges. Denn die eingeladenen Prominenten, die einen leeren Schrank zu sich nach Hause geschickt bekamen, um ihn zu bestücken, wollen mit der Innenausstattung interessante Dinge von sich erzählen, oder das, was sie dafür halten. Patrice von MTV zum Beispiel soll ein ganz ausgefuchster Globetrotter sein und hat daher markante Traveller-Abenteuerziele in seinen Spind einbauen lassen. Den Eiffelturm, die Oper von Sydney, das Glockenspiel auf dem Marienplatz in München ... Halt, das Letzte war gelogen. Wahr ist aber, dass er auf Reisen immer ›Der Kleine Prinz‹ mit sich führt und das Taschenbuch nun vorübergehend in der Berliner Ausstellung in seinem Schrank deponiert hat. Der Schauspieler Oliver Korittke dagegen bleibt dicht dran am Sportstunden-Thema und stellt einen ziemlich beachtlichen Teil seiner privaten Turnschuhsammlung aus. Die besteht immerhin aus rund 400 Nike-Paaren – Respekt verdient aber auch sein Siegerpokal vom Go-Kart-Turnier, und auch das Foto von seiner Freundin fehlt nicht. Eko Fresh und Valeska nutzen ihren Spind gemeinsam, und die Berliner Bandmitglieder von Seeed beweisen feinsten Pennäler-Humor, indem sie den Schrank in eine Art Schulklo verwandelt haben. Ob auch ein paar saubere Rhymes an den Wänden stehen werden, ist noch nicht sicher. Und was hat 50 Cent im Spind? Das übliche Rapper-Zeugs halt. Der Produzent Pharrell Williams setzt auf die bereits aus den Musikstücken bekannte und bewährte N*E*R*D*-Kombination von extremer Sparsamkeit und üppigstem Luxus: Einerseits zeigt er nur ein einziges Paar Schuhe, andererseits sind sie von ihm selbst designt und entsprechend in Samt und Rosen eingebettet, was den Schrank fast wie einen Heiligenschrein aussehen lässt. Das ist beim Handballer Stefan Kretzschmar nicht anders, der an seine Haut nur Mariensymbole und Tribals lässt und deshalb auch seinen Sport-Spind damit dekoriert hat. Dass Turnschuhe eine Glaubensfrage sein können, ist keine neue Marketing-Erkenntnis von Schuhläden, sondern so alt wie die Geschichte der Brüder Dassler, von denen der eine auszog, um einen Katzensprung vom Hause Adidas entfernt die Marke Puma zu gründen. Ein paar Jahrzehnte später goss in einer Garage in Amerika ein weiterer Sportschuhlaborant flüssiges Latex in das Waffeleisen seiner Frau und entdeckte die federnden Sohlen. Seither weisen sich Jugendliche in aller Welt anhand ihrer Sneakers aus – manchmal, als ginge es um alles. Einige Modelle wurden zu Legenden, die nun ebenfalls in der Ausstellung ›Foot Locker Unlocked‹ in einer Hall of Fame einen würdigen Rahmen finden. Angefangen beim Ur-Turnschuh, dem Converse All Star, den die Ramones und die Strokes, Kurt Cobain und Avril Lavigne trugen und tragen, bis hin zum eigenwilligen Adidas Micropacer, der bei der Giorgio-Moroder-Olympiade 1984 in Los Angeles reüssierte, schrieb jedes Exponat ein kleines Stück Sport-, vor allem aber Style-Geschichte. Erinnert sich noch jemand an Nike Air Force One? 1982 herausgebracht, könnte er auch heute wieder Bodenhaftung und Standfestigkeit entwickeln. Was der Adidas Gazelle an abgespecktem Understatement bot, war bei Nike das Modell Cortez, und der Puma Clyde wurde im B-Boy-Film ›Beat Street‹ von 1984 zum unsterblichen HipHop-Schuhwerk.

An unprätentiöser Eleganz kaum zu überbieten sein dürfte allerdings der Adidas-Schuh Stan Smith, der 1965 auf den Markt kam und gerade in der Wiederauflage zu den erfolgreichsten Adidas-Originals zählt: Selbst seine drei Streifen sind nichts als Löcher im glatten weißen Leder. Diesen Klassiker zu verbessern dürfte schwer sein. So sind die Kunstwerke, die eine Auswahl von Berliner Designern im Auftrag von Foot Locker aus dem weißen Tennis-As machten, wohl vor allem als Hommage zu verstehen. Ein weiterer Teil der Ausstellung ›Foot Locker Unlocked‹ zeigt nämlich die Stan Smith als Customised-Einzelpaare – etwa von Chicks On Speed, den Designern von Die Gestalten oder der Modeklasse von Vivienne Westwood, die ihrerseits eine frühe Sneaker-Adeptin der Punkkultur war. Tragbar wird von den Paaren keines mehr sein, allerdings ist eine Verbeugung eben auch nicht immer bequem. Dass sich dabei anhand des Sneaker-Stars auch die Kreativen selbst ganz schön ins Rampenlicht katapultieren können, zeigte sich bereits in anderen Städten, in denen die Ausstellung mit ähnlichem Konzept, aber immer anderen Teilnehmern stattfand. Die lokale Anbindung zum jeweiligen Ort ist den Ausstellungsmachern nämlich ein wichtiges Anliegen. Schließlich geht es um viel mehr als nur um Schuhe, nämlich um unverkäufliche Dinge wie Stil, kulturellen Background und Identität. Was gar nicht so ein ernstes Thema sein muss, wie einer der Designer auf der Ausstellung in Amsterdam bewies: Er hatte die drei Streifen seiner Adidas Stan Smith seitlich einfach mit einem Nike-Swoosh bemalt.

Latex
Die Revolution der Sportschuhsohle mit Waffelmuster war gleichzeitig das Gründungsdatum von Nike. Später gelang es dem Hersteller aus Oregon noch einmal, die Federung maßgeblich zu verbessern: In den Nike-Air-Modellen waren Luftkammern in der Sohle eingeschlossen, und Michael »Air« Jordan wurde zum Werbe-Zugpferd.

Beat Street
Einer der frühen HipHop-Filme mit schlichter Handlung (junger DJ und sein Produzentenfreund wollen mit HipHop ins Showbusiness), aber immerhin reihenweise Gastauftritten von Afrika Bambaataa, Jazzy J, Kool Herc und allen anderen wichtigen Pionieren aus der South Bronx.