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So war’s: Der Reiz des Kleinen

Fashion Week Berlin 2013

Auch nach zehn Saisons muss sich die Berliner Modewoche noch immer fehlende Konkurrenzfähigkeit zu anderen Mode-Metropolen vorwerfen lassen. Berlin hat aber gelernt, aus der Not eine Art Tugend zu machen.
Geschrieben am
15.-19.01.13, Berlin, diverse Locations

Wer nach Berlin reiste, um sich wieder darüber auszulassen, dass die deutsche Fashion Week noch lange nicht konkurrenzfähig zu denen in Paris, New York und Mailand sei, sah sich schnell ermüdeten Gesichtern gegenüber. Denn während die Berliner Fashion Week seit ihrem Debüt im Jahr 2007 nicht selten belächelt und bedauert wurde, zelebriert sie 2013 gerade diese vermeintlichen Defizite: klein, nahbar, fokussiert auf junge deutsche Labels. Berlin ist eben nicht Paris, und warum sollte es das denn auch sein? Mit vielen international noch nicht etablierten Designern spiegelt die Fashion Week sowohl das deutsche Modeverständnis als auch das Dilemma der deutschen Hauptstadt wider: Die Mode ist vor allem praktisch, alltagsnah und minimalistisch. Zudem ist das Problem in Berlin nicht der Mangel an Talent, sondern der Mangel an finanziellen Mitteln – will heißen an kaufkräftigen Kunden. »Die Fashion Week in Berlin ist noch immer deutlich kleiner, ist aber gerade deswegen vor allem für lokale und nationale Designer eine wichtige Plattform«, erklärt uns Jessie Weiß, mit Journelles eine der führenden deutschen Bloggerinnen.

Im Gegensatz zu großen Häusern wie Hugo Boss oder Rena Lange können sich einige der deutschen Modeschöpfer teils nur unter großen Mühen eine Runway-Show leisten, die an die 10.000 Euro kosten kann. Neben dem »Mercedes Benz Fashion Week«-Zelt bietet Berlin aber auch in unzähligen Showrooms, auf Messen und Rahmenveranstaltungen Möglichkeiten für die Präsentation neuer Kollektionen. Dass Berlin, obwohl es sich zwischen Modehochburgen wie Paris und Mailand noch immer nicht vollständig behaupten konnte, für Designer in Europa trotzdem von großer Bedeutung ist, bestätigt auch Kir Løgstrup, internationale Vertriebsleiterin der dänischen Schmuck-Designerin Maria Black, die im Voo Store ihre neusten Schmuck-Kreationen vorstellt: »Berlin may not be as posh or prestigious as Paris, but it still is a very important market for european designers. In fact, it even presents opportunities: in Paris you never get the chance to explain yourself, here for a change you can talk to people because it’s more down to earth.«

Gerade im Bereich der nachhaltigen Mode hat Berlin die Chance, sich zu profilieren. Denn während in Paris der Green Showroom abgesagt wurde, avanciert Berlins Plattform für grüne Mode zur wichtigsten in ganz Europa, Tendenz jährlich steigend. Über 200.000 Besucher zählt die Modewoche in der Hauptstadt mittlerweile – auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, zum Beispiel für die Hotels der Stadt, und eine willkommene Möglichkeit, die peinliche Farce um den Flughafen Berlin-Brandenburg für eine knappe Woche mal links liegen zu lassen. Auch wenn Wowereit als einer der Hauptdarsteller in dieser Komödie mit seinem mittlerweile legendärem Satz Berlins Situation vor einer Weile mal treffend zusammenfasste: »Berlin – arm, aber sexy«. Im Allgemeinen zählen die Deutschen, verglichen mit Franzosen oder Italienern, nicht gerade als modebewusstes Volk, was den Stand der Berliner Fashion Week in der Bevölkerung nicht unbedingt erleichtert. Doch wer noch immer nichts Besseres zu tun hat, als sich über die fehlende Konkurrenzfähigkeit und den ganzen Zirkus zu echauffieren, hat wohl nicht gemerkt, dass Berlin dabei ist, seine eigene Version der Fashion Week zu etablieren, anstatt Paris zu spielen.

Wir haben für euch aus fünf Tagen, knapp 50 Shows und über 150 Designern und Labels eine kleine Auswahl an Highlights zusammengestellt: Shows, Musik, Publikum.


 
Die Shows
Stark vertreten waren bei den rund 50 Shows insbesondere Jungdesigner, die wie die Labels Malaika Raiss und Hien Le aus Berlin stammen. Neben alten Hasen wie Kilian Kerner feierten einige Designer ihr Debüt auf der Berliner Fashion Week, zum Beispiel Leandro Cano. Insgesamt dominierten Minimalismus und gedeckte Farben die Shows. Diese Regel bestätigten Ausnahmen: zum Beispiel Kilian Kerner, der opulente Drapierungen präsentiert, oder Dawid Tomaszewski, derfinstere Mystik mit üppigen Accessoires wie Federkrägen und voluminösen Eggshape-Mänteln verbreitet. Hier einige Eindrücke:
Bei der Studio-Show zeigt das Designer-Duo Blaenk eine elfenartige Winter-Romantik. Zarter Strick in creme und weiß, Goldfäden, kleine Kügelchen und Seide waren Hauptkomponenten der Looks. Highlight war ihre Interpretation eines Hochzeits-Looks, bestehend aus einem cremefarbenen Brautkleid und einem weißen Frauen-Smoking.
Ein Stichwort, das in Verbindung mit Vladimir Karaleev immer wieder fällt, ist »unperfekte Perfektion«. Ein in Patchwork-Arbeit zusammengefügter Material-Mix aus transparenten Stoffen und grobem Strick , ungesäumte Ränder, viel schwarz und tannengrün sowohl bei den Frauen-, als auch den Männer-Looks. Auch für Jessie Weiss eines der Fashion Week-Highlights, die nach dem Blog LesMads nun mit Journelles wohl die wichtigste deutsche Bloggerin ist.

Hugo by Hugo Boss feiert sein 20-jähriges Jubiläum mit einer klassischen geradlinigen Silhouette, die zum Beispiel durch avantgardistische Cut-Outs an der Hüfte aufgebrochen wird. Außer einem blauen Print waren die Stücke in unifarben, besonders schwarz und dem typischen Hugo-Rot, gehalten.

Leyla Piedayesh ließ sich für ihr Label Lala Berlin von der Lieblingsfarbe ihrer kleinen Tochter inspirieren, die auch beim Finale über den Laufsteg tänzelte. Ethno-inspirierte Prints, kurz geschnittene Röcke und Camouflage in Rottönen, von Rosa bis Burgund.

Die Musik
Das Gros der Shows setzte zur musikalischen Untermalung der gezeigten Kollektionen auf elektronische Beats, von dezent leise bis düster wummernd. Nichtsdestotrotz fallen einige Designer aus diesem oft monotonen Rahmen, in dieser Saison vor allem Vadimir Karallev. Der in Bulgarien geborene Designer sorgte mit »Jasmine« von Jai Paul, »I Got Five On It« von Luniz, »Hypnotize« von Notorious B.I.G. und Busta Rhymes’ »Gimme Some More« im Finale auf HipHop. Bei Hien Le, der Opening-Show der Fashion Week, bestand die Playlist aus »Who Is It« von Michael Jackson, »Wildest Moment« von Jessie Ware und »Tonight, Tonight« von den Smashing Pumpkins und Lala Berlin beschloss die Show mit »Let’s Dance« von David Bowie.

Das Publikum
Eine plötzliche, aufgeregt Akkumulierung von Kameras – ein klares Zeichen für die Präsenz von Prominenz. Gespottet wurden unter anderem Edward Norton, Renée Zellweger, Pixie Geldof und Boris Becker. Die Dichte an hochkarätigen internationalen Stars ist in Berlin jedoch noch immer deutlich geringer als bei anderen Modewochen. Daher sorgten auch Ex-Topmodel-Kandidatinnen und D-Prominenz für Blitzgewitter. Doch gerade bei Berliner Designern zeigten sich deutsche Schauspieler wie Andrea Sawatzki und Moritz Bleibtreu. Ansonsten füllen sich selbst die ersten drei Reihen mit haufenweise BloggerInnen. Das wird in den Modemetropolen vielleicht belächelt, hat aber dennoch seine Berechtigung, findet Jessie Weiss: »In Paris ist es sehr schwierig, an Einladungen für die Shows zu kommen, genauso in New York. Hier hingegen ist die Fashion Week einfach noch deutlich kleiner, und wenn die Presse irgendwann erschöpft ist, werden eben noch Blogs reingeholt. Heute gibt es kaum noch jemanden ohne Blog, aber egal wie klein der Blog ist – wenn er ein Label promotet oder darüber berichtet, kann es ja nur hilfreich sein«.