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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Bugs Attack

Eowave

Tradition ohne Retro, und noch dazu aus Frankreich. Eowave, ein cooles Kleinunternehmen, macht vor, warum weniger mehr ist. Und dass man mit cleveren Ideen und gut designtem Analog-Equipment dem Diktat der Musikinstrumente-Industrie ein Schnippchen schlagen kann. Und schlägt dabei sogar den Bogen
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Tradition ohne Retro, und noch dazu aus Frankreich. Eowave, ein cooles Kleinunternehmen, macht vor, warum weniger mehr ist. Und dass man mit cleveren Ideen und gut designtem Analog-Equipment dem Diktat der Musikinstrumente-Industrie ein Schnippchen schlagen kann. Und schlägt dabei sogar den Bogen zu Synthesizer-Pionier Maurice Martenot.

Der Cellist und Radiotechniker baute 1928, fünf Jahre, nachdem er Leon Theremin getroffen hatte, das Ondes Martenot und damit das erste elektronische Musikinstrument Frankreichs. Der einstimmige Röhren-Oszillator basierte auf einem ähnlichen Prinzip wie das Theremin, ermöglichte durch einen Sensor-Streifen ähnliche Kontrollmöglichkeiten über Glissando und Vibrato, bot aber durch ein zusätzliches Keyboard einen einfacheren Zugang für Pianisten und setzte sich dadurch selbst bei modernen Orchesterstücken von Edgard Varèse oder Olivier Messiaen durch. Eowaves Persephon ist davon deutlich beeinflusst. Der Prototyp ist eine edle Holzkiste mit einem voll-analogen Oszillator zur Klangerzeugung und bietet durch einen Sensorstreifen ein ähnliches Handling wie der Klassiker aus den Dreißigern. Über Fingerdruck lässt sich dabei die Lautstärke dynamisch variieren, ein Rutschen über den Sensorstreifen erzeugt gleitende Tonhöhen-Veränderungen. Durch einen Ausgang für Kontroll-Spannungen ist das Persephon darüber hinaus auch zur Steuerung externer Geräte benutzbar. Neben diesem Retro-Synth liegt der Produktschwerpunkt der 2002 von Chefentwickler Marc Sirguy gegründeten Firma auf dem Analog-Midi-Konverter Eobody und einer Reihe von analogen Effektgeräten. Diese liebevoll »Bugs« genannten Boxen dürften wegen ihrer einfachen Bedienbarkeit nicht nur ein Geheimtipp bei Knöpfchendrehern sein, sondern schnell auch unter klassischen Bandmusikern viele Freunde finden: »Die Bugs sind hauptsächlich für den Live-Einsatz gedacht«, erklärt Marc das Konzept. »Das Motto ist: bug your digital sound. Die Bugs sind einfach zu bedienen, haben wenig Parameter, aber effektive Sounds. Sie sind schnell einsetzbar und hauchen jeder digitalen Maschine neues Leben ein.« Alle vier Boxen präsentieren sich mit schicker farbenfroher und leicht zu bedienender Oberfläche ohne überflüssigen Schnickschnack. Über Stereo-Ein- und -Ausgänge lassen sich die Bugs in Windeseile verkabeln. Den Rest erklärt ein einziger Beipackzettel, der über die akustischen Grundlagen des jeweiligen Effekts aufklärt, kurz die Funktion der Drehknöpfe erläutert und dessen charmanter Do-It-Yourself-Look mit Raketen- und Weltraum-Motiven auch optisch das absolute Gegenteil zu bierernsten Bedienungsanleitungen der Konkurrenz darstellt. Wer das mit eigenen Augen sehen will: einfach im Download-Bereich der Eowave-Website nachschauen.

Auch ohne Anleitung begreift man schnell, wie gut sich mit den Bugs herumspielen lässt. Der »Space Bug« z. B. ist eine hervorragende Nachbildung eines analogen Delays, das man einfach selber hören muss, so gut klingt das Teil. Neben den Basisparametern Feedback, Regeneration und Delay-Zeit gibt es eine »Space«-Einstellung, die das Echo im Stereo-Panorama nach links oder rechts verschiebt. Ein LFO erlaubt weitere Variationsmöglichkeiten. Wer dagegen viel analoge Wärme in Form eines erstklassigen Filters sucht, wird vom »Filter Bug« begeistert sein. Durch Nachschalten dieses 24dB-Tiefpass-Filters bekommt jede digitale Soundquelle einen ganz eigenen analogen Klangcharakter. Neben den Basisparametern Frequenz und Resonanz gibt es ebenfalls einen LFO und einen Envelope-Follower zur Beeinflussung der Filterfrequenz. Der »Ring O’Bug« ist, wie der Name vermuten lässt, ein Ring-Modulator und damit ein eher exotischer Spezial-Effekt, der wahlweise flächige Sounds lebendig klingen lässt oder einfach genial kaputt macht. Am eigenwilligsten und originellsten ist der »Sci-Fi Bug«. Der 8-Step-Sequencer besitzt acht individuelle Tiefpass-Filter, die das Eingangssignal bei variablem Tempo filtern. Gerade Beats werden so buchstäblich im Handumdrehen unglaublich lebendig. Für Musiker und Künstler, die Sound-, Licht- oder Videoinstallationen steuern wollen, haben Eowave mit dem Eobody noch ein richtiges Profi-Tool im Angebot. Mit dem frei programmierbaren 16-fachen Analog-Midi-Wandler kann man den Output beliebiger Analog-Sensoren wie z. B. Licht-, Abstand- oder Drucksensoren in Midi-Kontrolldaten umwandeln. Eobody ist in Zusammenarbeit mit Ircam entstanden und stellt eine kostengünstige Alternative zum AtoMIC-Pro-Wandler dar, der bisher als Profi-Tool für Klangperformances oder Videoinstallationen galt.

Mit diesem Schwerpunkt auf cleveren Controllern, einem gut durchdachten User-Interface-Design und einem Gespür für gute Haptik und Spielbarkeit elektronischer Musikinstrumente können Eowave klar punkten und sind selbst für Leute interessant, die sonst eher digital arbeiten. Knöpfchendrehen ist immer cool, denn wer will schließlich Musiker auf der Bühne ständig nur auf ihren Laptop glotzen sehen?

Theremin
1918 erfand der Russe Leon Theremin das vielleicht erste elektronische Musikinstrument. Über den Handabstand zu zwei Antennen sind die Tonhöhe und die Lautstärke kontrollierbar. Wegen seines charakteristisch singenden Analog-Sounds finden Theremins auch heute nicht nur bei Retro-Sci-Fi-Soundtracks Verwendung, sondern werden von Add N To (X) bis Radiohead auch immer wieder gerne live eingesetzt.

Ircam
Das in den Siebzigern von Pierre Boulez mitbegründete Pariser Zentrum für elektronische Musik vereint auf einzigartige Weise Kunst und Forschung. Neben der Förderung zeitgenössischer Komponisten gehören seit Beginn Hard- und Software-Entwicklung zum interdisziplinären Ansatz des Instituts. Die viel verwendete grafische Audio-Programmier-Umgebung Max/MSP gehört zu einer der wichtigsten Entwicklungen der Franzosen.