×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

"Die Klamotten sind egal, ich achte auf die Person"

Türsteher dieser Welt

Anderer Club, andere Sitten, andere Türsteher - wen sie reinlassen und wie es um das eigene Styling steht. Wir fragten nach.
Geschrieben am
Anderer Club, andere Sitten, andere Türsteher - wen sie reinlassen und wie es um das eigene Styling steht - Lena Böhm fragte für uns mal in der Berliner Clubszene nach und machte auch gleich Fotos. Die einzelnen TürsteherInnen (genannt Selektoren) seht ihr in der Bildergalerie, die dazugehörigen Antworten lest ihr hier.


Ivan & Sarah - Selektoren des Tape

Wie selektiert ihr?
Wir sagen nicht: "Du siehst scheiße aus, du kommst hier nicht rein." Wir sind vielmehr so ein bisschen die Entertainer. Wenn jemand kommt und total steif dasteht und auch unpassend angezogen ist, fragen wir nach dem Namen, sagen, dass dies und das an ihm nicht so ins Tape passt, und fragen, ob er verspricht, es innen auszuziehen und sich ein bisschen zu bewegen. So checkt man, ob die Leute auch entspannt werden können, und darum geht's. Das ist ein psychologisches Spiel. Es hängt nun mal von uns ab, wie gut die Party ist, weil das Publikum die Party bestimmt. Lassen wir mal jemanden nicht rein, sind wir aber auch immer bemüht, ihn nicht dumm dastehen zu lassen.

Wie sieht's mit dem Modebewusstsein im Tape aus?
Jemand, der total toll aussieht, ist schon im Vorteil, wir sind hier aber auch nicht in Paris oder in New York. Die Leute wollen ja auch ein bisschen bequem sein.

Wie steht's um euer Styling?
Ivan: Wir müssen natürlich total aufgestylt sein, um den Vibe und den Style von dem Club zu vermitteln. Ich bin Performancekünstler und habe Kunst studiert. Ich muss ein Image von mir geben, drücke mich durch meine Kleider aus. Ich bin kein Fashion-Victim; was ich trage, muss zum Tag und meiner Stimmung passen. Ich meine, Kleidung ist einfach wichtig, um verschiedene Typen zu unterscheiden.

Habt ihr Ikonen in der Modebranche?
John Galliano! Der ist zwar das Gegenteil von uns, macht aber Kunst, und die passt einfach. Außerdem ist Bernhard Bildhams neue Sommerkollektion "Superhero" großartig. Er hat da Sachen mit einem total muskulösen, schwulen Pornostar gemacht, der wie ein Superheld angezogen ist. Das ist großartig.

Wo ist die Verbindung zwischen Mode und Musik?
An manchen Abenden kommen hier Leute her, die das mit der Musik echt ernst nehmen und auch danach aussehen. Mittlerweile ist das alles aber nicht mehr so intensiv wie früher, und es gibt nicht mehr so konkrete Richtungen. Allgemein wurde das Modebewusstsein durch Musikvideos total kommerzialisiert. Da wird einem so ein Denken vermittelt, dass man es sowieso nie schaffen wird, so auszusehen. Ich denke, deshalb kämpfen auch viele Leute dagegen und wollen bewusst nicht so aussehen.









Heinz - Selektor des White Trash

Wen lässt du rein?
Da gibt's keine festen Kriterien, an denen ich mich orientiere. Es geht um die Interaktion an der Tür und darum zu checken, ob die Leute einigermaßen nüchtern sind. Die Klamotten sind egal, ich achte auf die Person, die sich damit bekleidet.

Wie sehen die Leute im White Trash aus?
Die meisten Leute hier sind Rockabillys. Es gibt außerdem viele Langhaar-Rocker, Punks und Psychobillys. Hier hängen auch oft Leute mit Berlin-Mitte-Style rum - aber auch im Anzug ist hier jeder willkommen. Von meinen alten Jobs weiß ich, dass HipHopper oft stress machen, weshalb ich die nicht so gern im White Trash habe. Das klingt vielleicht nach einem Vorurteil, aber nicht Kleider machen Leute, sondern Leute machen Kleider. Sofern sie sich benehmen, kommen aber auch die rein.
Wie trittst du den Leuten, die hier herkommen, gegenüber?

"Füge niemals einem anderen zu, was du nicht willst, dass man es dir antut."
Das hat man mir als Kind beigebracht, und nach diesem Grundsatz behandle ich die Leute. Wenn die Menschen freundlich und respektvoll sind, geht alles. Kommt jemand zu mir und sagt: "Ich hab nur noch fünf Euro, würde aber so gerne noch zwei Bier trinken", geht das klar. Man kann hier mit mir reden, es geht nur darum, ehrlich zu sein.








Viron - Türsteher im Berghain

Was für Leute kommen ins Berghain?
Die sind extrem unterschiedlich, das passt in keine Schublade. Das ist hier eine Spielwiese, auf der jeder alles machen kann. Was ich aber verdammt oft sehe, sind Leute mit diesen goldenen und silbernen Leggins. Vor allem bei Männern. Die tragen dann auch immer Perlenketten, total bunte Shirts und sind total übertrieben geschminkt.

Auf was für einen Style fährst du ab?
Mir persönlich ist Kleidung nicht wichtig. Obwohl ich selbst Mode studiert habe, bin ich bei mir selbst sehr unleidenschaftlich.

Was für einen Zusammenhang siehst du zwischen Mode und Musik?
Da gibt es immer solche Phasen. Auf Techno bezogen, waren das vor zehn Jahren zum Beispiel Bomberjacken und Camouflagehosen, dann gab es diese punkige Zeit mit Strähnen in den Haaren und so, und jetzt tragen alle Leggins und Schals dazu.

Was, denkst du, spielt Berlin als Stadt für eine Rolle im deutschen Modegeschehen?
Berlin ist auf jeden Fall tonangebend. Trotzdem kann hier aber jeder so sein, wie er sein will, und sich aus allen Styles seinen persönlichen zusammenwürfeln.

Was ist für dich derzeit die schlimmste Geschmacksverirrung in der Mode?
Diese bunten Revivalshirts mit Schulterpolstern und ganz bunten Mustern darauf. So etwas hat meine Mutter immer getragen, und jetzt haben das auch die Typen mit den Plastikperlenketten. Das könnte ich nicht und finde es auch einfach ultra langweilig.









Steffi - Selektor der Bar 25

Wieso bist du Selektor?
Wir haben den Laden hier komplett selbst aufgebaut. Früher haben wir nie Eintritt verlangt, und jeder konnte kommen. Da kamen dann Leute, die nicht wussten, wie man sich verhält, haben zum Beispiel unser Klo in die Spree geworfen. Da dachte ich mir, ich selektier hier mal ein bisschen.

Wie wählst du die Leute aus?
Es kann eigentlich jeder kommen. Klar, manchen Leuten sieht man schon an ihrer Kleidung an, dass sie sich bei uns nicht wohlfühlen würden, und denen sag ich das auch. Zum Beispiel, wenn jemand wie in einer Eierschale herkommt. Ist er aber letztendlich cool, lass ich ihn auch rein.

Gibt's hier so was wie einen Grundstyle?
Die meisten Leute hier gehören zu dem Hippie-Zigeunertum mit Strohhüten, bunten Hemden, Glitzer und Puscheln und so. Das ist aber echt und nicht aufgesetzt. Hier leben sogar zwölf Leute 365 Tage im Jahr. Dann gibt's auch noch viele Neo-Raver, also der 80er-Leggins-Style, nur noch bunter und noch trashiger. Jeden Sonntag haben wir noch unsere Verkleidungspartys.

Klamotten sind dir wichtig?
Auf jeden! Ich sammle Klamotten, habe irgendwann sogar die Lotterkiste, meinen eigenen Klamottenverleih, aufgemacht, weil ich dachte, ich muss irgendwas mit all den Sachen anfangen. Ich fühle mich wohl, wenn ich anders aussehe als die anderen.









Sven - Türkoordinator im Maria

Was sind die absoluten "No Goes" im Maria?
Marken wie Torsteiner - von Rechts für Rechts. Ansonsten sollte es einfach nicht zu bunt und auch nicht zu prollig sein. Nicht zu viele Gold- und Silberkettchen, ... aber wir sind da total relaxt. Das Puristische gefällt uns am besten.

Auf welche Styles trifft man hier am häufigsten?
Das ist total unterschiedlich. Über Leder und Latex bei EBM-Veranstaltungen bis hin zu ganz locker-lässigen Jeans und T-Shirt. Wir haben hier keinen speziellen Trend, und die Mode ist auch nicht ausschlaggebend. Ich würde nie jemanden nach seiner Kleidung beurteilen. Es fällt aber auch hier auf, dass die 80er zurückkommen. Irgendwie wiederholt sich eben alles immer wieder und vermischt sich mit neuen Sachen. Da gibt's nicht mehr so den einen Stil.

Du siehst jeden Abend so viele verschiedene Leute, auf was für Klamotten fährst du ab?
Ich habe mich auf so ein paar Marken eingefahren, die trage ich seit zwanzig Jahren, und das wird sich auch nicht mehr ändern.