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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schon seit Ewigkeiten in Mode

Heute: Die Baseball Cap

Lars Brinkmann über ein Attribut der Jugend und eine schwierige Kopfbedeckung für Männer über 30.
Geschrieben am
Viele Männer lesen Frauenzeitschriften nicht (nur) wegen der Sex-Ratgeber, nein, besonders interessieren uns natürlich das Geläster, die Animositäten und der Spott. Ohne Frauenzeitschriften hätten wir vielleicht nie bemerkt, dass weiße Tennissocken ein Fashion-Fauxpas waren. Wir hätten auch nie gewusst, dass die Tennissocken irgendwann ihr Stigma abschütteln konnten, um ein großes Revival zu feiern. Für uns waren das lediglich ein paar praktische Socken.

Ähnlich ging es mir mit jeglicher Form von Kappen, bis ich in einer dieser unterhaltsamen Illustrierten die Zuschrift einer Frau entdeckte: Gegenüber der Kummerkastentante beklagte diese sich, dass ihr Kerl, jenseits der 30, immer noch Baseball Caps trage. Das sei hochnotpeinlich und unangemessen, und überhaupt seien diese Dinger doch nur etwas für Männer, die ihr zu kleines Hirn schützen müssten. Seitdem pflege ich eine etwas gestörte Beziehung zu meiner Kollektion von momentan 37 Kappen. Immer seltener griff ich zu einer Baseball Cap und immer häufiger zu BDU-, USMC- und Tac Gear Combat Caps sowie Filzkappen und Feldmützen - von den Jeep und Watch Caps im Winter ganz abgesehen.


Ja, ich musste früher Kappen tragen. Und die einzige Art, die trotz einer Hirnhautentzündung in frühen Kindheitstagen nie auf meinen Kopf gekommen ist und kommen wird, ist eine sogenannte Trucker Cap. In Amerika nennt man diese billige Plastik-Variante mit dem sperrigen Mesh-Gewebe, das mich immer an Spülschwämme und Apfelsinen-Netze erinnert, "Gimme Caps" - weil sie gern als Werbung umsonst verteilt werden, was ihr zu White-Trash-Ruhm verhalf.

Wichtig ist aber nicht nur, was für eine Kappe man sich aufs Haupt setzt, sondern, wie man sie trägt. Wir müssen uns in diesem Zusammenhang an Diedrich Diederichsens gern zitierten "The Kids Are Not Alright"-Artikel erinnern, in dem er von den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock 1992 schrieb und einer Beobachtung des Wiener Journalisten Robert Misik zu, hüstel, Weltruhm verhalf. Misik war es, der im österreichischen Nachrichtenmagazin Profil von dem jugendlichen Rassisten Alex berichtete, der nichts von einem Skinhead an sich hatte und "ein schickes rotes Stirnkäppchen" trug, auf dessen Stirnseite der Name des militanten schwarzen Bürgerrechtlers Malcolm X zu lesen war.

Inzwischen ist die Frage, ob man den Schirm wie früher gebogen tragen soll oder ganz gerade und steif, bestenfalls mit Originalaufkleber, allemal entscheidender als das, was vorne draufsteht. Jahrelang beschwerte sich mein Vater über die durchgeknallten "Stylistinnen", die in jedem Werbespot den minderjährigen Jungs eine Kappe aufsetzten, nicht ohne den Schirm noch als letzten Ausdruck pfiffiger Delinquenz zur Seite oder nach hinten zu schieben. Kann man heutzutage wieder tragen. Und weil Mode sich ja bekanntermaßen ständig selbst kopiert, ist auch die erbärmlichste Erfindung in Form der "Visor Cap", früher nur von Frauen beim Tennis getragen, mittlerweile eine irgendwo zwischen Neo-Nu-Rave und Post-Electropunk angesiedelte Variante der Kappe ohne Kappe - it's hip to be square.