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... und das Oberhemd, da haben sich zwei gefunden

Der V-Ausschnitt

Schon seit Ewigkeiten in Mode: Mario Lasar über die prinzipielle Überlegenheit von V-Ausschnittpullovern in Kombination mit Oberhemden.
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Schon seit Ewigkeiten in Mode: Mario Lasar über die prinzipielle Überlegenheit von V-Ausschnittpullovern in Kombination mit Oberhemden.



Ja, natürlich V-Ausschnitt! "V" wie in Victory und "We Are Far Too Young And CleVer" (Dexys Midnight Runners) - von dem gleichnamigen Pynchon-Roman gar nicht erst zu reden. Ein runder Ausschnitt verstellt den Blick auf das darunter zu tragende Oberhemd zu sehr. Was die Größe des Ausschnitts angeht, gibt es keine normativen Vorgaben, es empfiehlt sich wie so oft im Leben das mittlere Maß. Der Hemdkragen kann dabei sowohl button-down sein, als auch offen getragen werden; der oberste Hemdknopf sollte auf jeden Fall geöffnet sein, weil sich andernfalls der Eindruck eines allzu feierlichen Gestus' einstellen könnte: Eine gewisse legere Nachlässigkeit ist durchaus angebracht, sofern die Grundtendenz zu einer moderaten Eleganz nicht zu kurz kommt.

Ein wichtiges Detail: Die Hemdsärmel sollten eine Spur länger sein als die Pulloverärmel, damit man mehr vom Hemd sieht, das ja ohnehin schon ein relativ verborgenes Dasein fristet.

Was die Materialität des Pullovers angeht, ist Wolle das Ideal. Sie darf dabei mit Kaschmir durchsetzt sein, ein reiner Kaschmir-Pullover ist allerdings wegen als lächerlich und bourgeois zu nennender Protzigkeit abzulehnen. Auch Baumwolle ist nicht wirklich akzeptabel, weil ihr eine zu funktionale Oberflächenstruktur zu eigen ist, deren kardinales Merkmal eine langweilige, unglamouröse "Pflegeleichtigkeit" bildet. Außerdem leiert Baumwolle leicht aus und endet in einer schlabbrigen Unförmigkeit, die nichts mehr mit der angestrebten Eleganz zu tun hat. In Wolle vereint sich eine grundlegende Empfindlichkeit des Materials mit einer resistenten Oberflächenstruktur. Es ist ein Stoff, der zwar delikat genug ist, um mit der Hand gewaschen zu werden. Gleichzeitig aber gibt es kaum einen anderen Stoff, der so flüssigkeitsabweisend ist.

Man sollte früh genug damit anfangen, die hier zur Diskussion stehende Kombination zu tragen, denn sie bezieht ihren Reiz auch daraus, dass die Kontinuität der Kleidung zur Charakterbildung beiträgt. Ein junger Mensch in Hemd und V-Ausschnittpullover ist unangepasster als ein junger Mensch in einem Müllsack. Ich erinnere mich daran, wie ich mich zur Grungezeit darüber ärgerte, dass sich meine Generation dem Irrglauben hingab, ihr Lotterlook sei Ausdruck von rebellischem Nichteinverstandensein. Für meine Begriffe benahm sie sich eher so, wie man es von "der Jugend" erwartet, also auf einer Meta-Ebene gesehen wieder angepasst und vorhersehbar.

Natürlich haftet dem hier propagierten Look etwas Konservatives an, behält man ihn auch nach dem Ende der Jugend bei. Der Träger / die Trägerin konserviert sich selbst und tut so, als ginge ganz nach dem Vorbild Dorian Grays die Zeit an ihm/ihr vorbei. Tatsächlich wird gerade dadurch, dass man schon im jungen Alter dasselbe trägt wie im fortgeschrittenen Alter, eine Kontinuität des äußeren Erscheinungsbildes generiert, was auch John Cale erkannt hat, als er die Zeilen "When you dress older and you are not / as you really age you look the same" schrieb (aus "Faces And Names"). Ein Prinzip, das sich auch Bryan Ferry zunutze machte, indem er schon in frühen Jahren damit anfing, den für ihn typisch gewordenen Salonlöwen-Dandy-Look zu kultivieren.

Im extremen Fall mag es so aussehen, als solle hier die Kontinuität von Stil gegen die Wechselhaftigkeit von Mode ausgespielt werden, aber so viel Dogmatik muss ja nicht sein (andererseits hat ein zeitloser Look den Vorteil, dass man nicht gleich eingesperrt wird, wenn man in ein Zeitloch fällt und im Jahr 1965 landet). Um vor lauter Kompromisslosigkeit nicht starrsinnig, verbohrt und saturiert zu werden, bietet es sich an, die lieb gewonnene Oberbekleidungskombination einfach mit wechselnden Hosen- und Schuhmodellen zu variieren.

Illustration: Elisabeth Moch.