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Schon seit Ewigkeiten in Mode

Heute: Der Schal

Mario Lasar über Seidenschals, Universitätsschals, Politschals und Beziehungsschals. Da fällt es schwer, sich nicht einwickeln zu lassen.
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Mario Lasar über Seidenschals, Universitätsschals, Politschals und Beziehungsschals. Da fällt es schwer, sich nicht einwickeln zu lassen.

In den 60ern trug Ray Davies die schönsten Seidenschals. Der Seidenschal strahlt eine Dandyhaftigkeit aus, die ein bisschen mit dem bodenständigen Image der Kinks - der Band, der Davies vorstand - kontrastierte. Deswegen hatte Nadeschda, die Assistentin des Münsteraner "Tatort"-Kommissars Frank Thiel, auch nicht ganz unrecht, als sie bezüglich des Seidenschals tragenden Verdächtigen Lott zischte: "Sieht doch total schwul aus" (in "Der doppelte Lott"). Tatsächlich markiert der Seidenschal in den 60ern die Ankunft einer androgynen Phase (selbst den Machismo-Rolling-Stones wurde 1967 ein "zwitteriges" Image unterstellt), die mit dem Durchbruch psychedelischer Tendenzen in der Musik einhergeht. Es ist bezeichnend, dass die Farben der Schals zu dieser Zeit von wilden Paisleymustern bestimmt wurden.

Ebenfalls 1967 hätte man, wenn man schon geboren gewesen wäre, in einen Plattenladen gehen können, um das erste Scott-Walker-Soloalbum zu kaufen. Auf dem Cover trägt Scott Sonnenbrille und Schal und sieht aus wie ein Mann, "dessen bester Freund gerade bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist" (Kid P. in der Zeitschrift Sounds). Es ist das beste Cover aller Zeiten. Der Schal wirkt hier tatsächlich wie Trauerflor und kommt einem Schleier gleich, hinter dem sich der Popstar wider Willen vor der Öffentlichkeit verstecken konnte. Natürlich ist ein Seidenschal höchstens dann funktional, wenn man ihn dazu benutzt, Knutschflecke zu verbergen. Ansonsten bewegt er sich auf der oberflächlichen Ebene eines Accessoires, das in Hinblick auf 60er-Jahre-Gesellschaftsnormen allerdings als weniger einengende Variante der Krawatte gelten kann, zumal der Seidenschal auch ähnlich gebunden wird.

Die schönsten "richtigen", also vor Kälte und Halsschmerzen schützenden Schals sind die der englischen Universitäten. Sie sind den Farben des Union Jack nachempfunden und in der Regel rot-weiß-blau gestreift (was schon fast in Richtung Trikolore weist, aber das dürfen die Engländer nie erfahren). Sie haben so etwas unangreifbar Klassisches an sich, dass man mit ihnen immer richtig liegt. Irgendwann erzählte mir der bekannte Hamburger Popstar Carsten Meyer (of Erobique- und International-Pony-Fame), dass er in London in der Bahn von einem Fahrgast ob seines Universitätsschals angesprochen wurde, weil dieser annahm, sie hätten dieselbe Uni besucht. Der Schal als Erkennungszeichen der Alma Mater also.

Zur Zeit des Wahlkampfs kommt dem Schal häufig die Funktion zu, die politische Einstellung des Trägers / der Trägerin zu repräsentieren. Franz Müntefering lässt es sich seit jeher nicht nehmen, seine vermeintlich linksgerichtete Politik durch einen roten Schal zu markieren (fast noch nervigeres Äquivalent dazu: Genschers ewige gelbe Pullover). Die Fraktionszugehörigkeit anzuzeigen ist natürlich auch im Sport eine Aufgabe, die man gern dem Schal überträgt.

Ein Halswärmer ist aufgrund seiner Unisex-Eigenschaft auch in Beziehungen ein wichtiges Kleidungsstück. So tragen Männer häufig die Schals, die ihre Freundinnen ausgemustert haben (der Autor hat das bereits am eigenen Leib erfahren). Der Schal ist dadurch mehr als andere Kleidungsstücke mit zwischenmenschlich aufgeladenen Erinnerungen behaftet, die auch Sentimentalität nicht ausschließen. "I wish I had your scarf still / That once embraced and kept me warm", sangen Kings Of Convenience auf ihrem Album "Riot On An Empty Street" (in "Stay Out Of Trouble"). Interessant, dass dem Schal hier die menschliche Fähigkeit zugeschrieben wird, seinen Träger umarmen zu können. Es handelt sich folglich um ein Accessoire, das Nähe und Intimität symbolisiert. Und ein Kleidungsstück, das diese positiven Merkmale in sich vereint, wird der Menschheit in Ermangelung besserer Alternativen noch eine Weile erhalten bleiben.