×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schon seit Ewigkeiten in Mode

Heute: Der Partyschal

Warum Schal von Schwitzen kommt und wieso man beim Clubausflug immer ein Küchenhandtuch im Gepäck haben sollte.
Geschrieben am
Warum Schal von Schwitzen kommt und wieso man beim Clubausflug immer ein Küchenhandtuch im Gepäck haben sollte. Arno Raffeiner bindet der sommerlichen Halsverhüllungsmode einen kleinen Knoten. Illustriert von Martin Karcher.
 
Für einen modischen Fetzen Stoff am rechten Fleck kann es gar nie heiß genug sein. Der Superlativ der schwitzigen Steigerungsformen „Sommerschal“ und „Partyschal“ wird etwa auf der Plattenhülle von „Knights In White Satin“ eindrucksvoll vorgeführt: der Saunaschal. Giorgio Moroder knöpft sich anno 1976 im hitzig-schwülen Disco-Dampf das Hemd zwar bis unter den Bauchnabel auf, will auf lässig um die Schultern geworfenes Tuch mit vielsagend vor der männlichen Baumelzone baumelnden Fransen aber nicht verzichten. Von seinen Jüngern ringsum, die in ihren bloßen weißen Hemden neben ihm ziemlich blass aussehen, wird er für die zwei Meter orangen Satins um seinen Hals bestaunt wie ein aus dem Olymp herabgestiegener Thermengott.
Tatsächlich ist des Hipsters liebstes Stück ein Überbleibsel des römischen Sudariums – Kaiser Nero etwa war in der Öffentlichkeit selten ohne Schweißtuch zu sehen, das über Jahrhunderte hinweg einfach da hängen geblieben ist, wo Schweiß längst nichts mehr zu suchen hat. „Wir arbeiten nicht, wir bewegen uns kaum, und wir riechen höchstens nach Cologne!“ signalisiert etwa der Ascot Tie, das Schnöseltuch, das englischen Lords aus dem Hemdkragen quillt und seinen Namen nicht zufällig vom berühmten Pferderennen in Berkshire übernahm.
Das ästhetische Prinzip ist immer noch so einfach wie Christbaumschmuck: Der Sommerschal wird überall da hingehängt, wo es einem Outfit an Farbe und Muster mangelt. Die Wirkung ist selbst in der minimalistischsten Form noch beeindruckend: als über die Schwalbenschwanzjacke gelegter weißer Kontrapunkt bei Frackpflicht etwa. Kavaliere der alten Schule von Giuseppe Verdi bis Jopi Heesters perfektionierten diesen Look des Dandyesken. Noch ikonischer wirkte nur die von Jassir Arafat über Jahrzehnte hinweg propagierte Variante des gemusterten Kopftuchs. Just nach seinem Tod vor einigen Jahren setzte ein massiver Popularitätsschub der Kufiya ein, die eine Etage tiefer getragen der Halsverhüllung dient. Einen durch Neonfarben vermeintlich politisch neutralisierten Palischal durch Berlin-Mitte spazieren zu tragen war Hipsterpflicht – natürlich auch im Sommer, natürlich gerade im Gedränge des überhitzten Nachtlebens der Stadt. Eigentlich ein durchaus löbliches Unterfangen, das Kleidungsstück wieder mit seiner Im-Schweiße-deines-Angesichts-Historie in Verbindung zu bringen. Befragt nach dem Warum sommerlicher Beschalung, werden von den TrägerInnen allerdings meist klimatische Gründe als Vorwand für ästhetische Entscheidungen angegeben. Aus welcher Richtung der so gefährliche kalte Wind auf der Tanzfläche bläst, vermögen jedoch die wenigsten zu sagen.
Wohl nicht aus jener der Zukunft. Antizyklisches Handeln ist ja wieder das Zauberwort der Saison. Trotzdem verwundert, mit welcher Hartnäckigkeit für einen Ausflug in den Club immer noch Schal getragen wird. Nach der Schwemme von Frisur-Techno plus Halskrause vor einigen Jahren war anzunehmen, der zwanghafte Griff zum Sommerschal wäre bald diskreditiert. Inzwischen trägt man in der Plattentasche lieber Beardo-House-Couture, dazu aber immer noch den Fetzen von vor ein paar Jahren um den Hals. Schal zum T-Shirt, Schal zur Basecap, am liebsten auch noch Schal zum Oben-ohne-Raven. Damit ist der Sommer- respektive der Partyschal zum Evergreen der Clubkultur avanciert. Er erzählt, ganz leise, auch noch die alte Geschichte von der Tanzfläche als Gleichmacherin: Alle vereint in ihrer individuellen Diversität, uniformiert im Der-kleine-Unterschied-Zwang: farbig leuchtende Vibskov-Stoffe hier, grüngelber New-Rave-Zwirn von H&M da, und als letzter Deep-House-Schrei gilt es, sich ein indisches Küchenhandtuch vor den Adamsapfel zu zwirbeln.
Fragt sich nur, warum sich ganze Generationen von DJs hinter ihren Plattenspielern und Laptop-Bildschirmen immer wieder auf den (hoffnungslosen) Kampf gegen die über den Reglern des Mischpults hin und her pendelnden Enden ihres Schals einlassen. Die Antwort wusste schon Giorgio: Cool ist eben nur, wer selbst unter hitzigsten Bedingungen lässig die Fransen baumeln lässt.