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Klingende Räume

Carsten Nicolai

Carsten Nicolai wurde in Karl-Marx-Stadt geboren. Seine musikalische Sozialisation ist typisch für all jene, die ihre Jugend in der DDR verbracht haben: Sie beschränkte sich auf die wenigen Platten, die aus dem Westen durchsickerten. Kaum etwas war in der DDR verpönter als experimentelle elektroni
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Carsten Nicolai wurde in Karl-Marx-Stadt geboren. Seine musikalische Sozialisation ist typisch für all jene, die ihre Jugend in der DDR verbracht haben: Sie beschränkte sich auf die wenigen Platten, die aus dem Westen durchsickerten. Kaum etwas war in der DDR verpönter als experimentelle elektronische Musik. Hier galt das Dogma der handgemachten Musik, das nicht zuletzt Hanns Eisler veranlasste, Karlheinz Stockhausens elektronische Arbeiten als westlichen Irrweg zu diffamieren. Nicolai suchte derweil Zuflucht bei staatlich durchaus erlaubten Klängen, nämlich den Geräuschen des Kurzwellen-Radios, auf dem auch verschlüsselte russische Funksprüche zu empfangen waren. In den 1990ern gründete Nicolai schließlich zusammen mit Olaf Bender das Label Noton, eines der wichtigsten Labels für minimalistische Elektronik. Neben eigenen Platten unter dem Namen Noto sind unter anderem auch Arbeiten von Mika Vainio (Pan Sonic) auf Noton veröffentlicht worden.

Viele kennen Carsten Nicolai nur aus dem Zusammenhang der elektronischen Musik, wissen nicht, dass er zudem auch als bildender Künstler aktiv ist und unter anderem 1997 mit einem Beitrag auf der Documenta X vertreten war. Dort gab Nicolai 72 kurze Audio-Stücke aus Telefon-, Fax- und anderen Signalen im öffentlichen Raum wieder, spielte sie in Kaufhäusern und am Bahnhof ab und ließ sie sogar unkommentiert im lokalen Radio ausstrahlen. Neben solchen akustischen Arbeiten hat Nicolai allerdings auch zahlreiche Rauminstallationen geschaffen, die sich mit dem Verhältnis von Musik, genauer gesagt Klang, und räumlicher Struktur auseinander setzen. Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt nun erstmals unter dem Titel ›Anti Reflex‹ eine erste große Werkschau und ehrt Nicolai als einen der »wichtigsten Vertreter einer Künstlergeneration, die gezielt die Schnittstellen zwischen Kunst, Natur und Wissenschaft untersucht.«

Nicolai wundert sich selbst, dass viele, die seine Musik kennen, nichts von seinen künstlerischen Arbeiten wissen. Und umgekehrt. Vor allem das Kunstpublikum sei gegenüber Musik völlig ignorant. Die Jugend in der DDR, so wenig dies auch glorifiziert werden soll, hat womöglich dazu beigetragen, dass Nicolai so vielfältige Interessen ausbildete, sich für Kunst, Musik und Wissenschaft gleichermaßen interessierte – wo Informationen dünn gesät sind, kann Wissbegier ins Unermessliche steigen. Im Interview mit Martin Pesch erklärte Nicolai vor einigen Jahren, dass ihn schon früh die Zusammenhänge zwischen elektronischer Musik und der künstlerischen Avantgarde, etwa Dada und Bauhaus, interessiert haben. Und tatsächlich wirkt ja so manche minimalistische Elektronik wie eine akustische Umsetzung konstruktivistischer Ästhetik, sozusagen wie in Klang gefasster Mondrian.

Nicolais Kunst, aber auch seine Musik wird von Ordnung und Struktur bestimmt. Seine Arbeiten sind das Gegenteil von expressivem Ausdruck oder von Grenzüberschreitung. »Ich arbeite gern unter sehr präzisen Bedingungen«, erklärt Nicolai, »und in diesem Sinne sind wissenschaftliche Forschung und künstlerische Prozesse mehr oder weniger das Gleiche.« Entsprechend wirken die Räume in der Frankfurter Schirn eher wie ein Labor, die Exponate oft wie für ein technisches Museum bestimmt. Doch gerade diese asketische Fassade zwingt die Besucher zu gesteigerter Konzentration. Ein Großteil des ästhetischen Erlebnisses findet im Nicht-Sichtbaren statt. So stehen sich zum Beispiel mit ›Reflex‹ und ›Anti‹ ein heller und ein dunkler Raum gegenüber. In ›Reflex‹ wird hochfrequentiges weißes Rauschen aus zehn Lautsprechern übertragen, in ›Anti‹ geben Subwoofer tiefe Frequenzen von sich, die nicht gehört, sondern lediglich gespürt werden können. Im Zusammenspiel von Klang und Raum arbeitet Nicolai so an einem neuen Verständnis von Skulptur: Objekt ist auch das, was man nicht anfassen oder sehen kann. Eine andere Arbeit zeigt dagegen, wie Unsichtbares das Sichtbare beeinflussen kann: In ›Milch‹ (2000) hat Nicolai die Wirkung von tiefen Frequenzen auf Flüssigkeit untersucht und zeigt anhand von Fotografien, welche Wellenformen die verschiedenen Frequenzen erzeugen. Ein Schalk, wer da behauptet, die ›Knoff-Hoff-Show‹ sei im Museum angekommen. Carsten Nicolai war schon einmal in der Frankfurter Schirn vertreten, nämlich im Rahmen der ›Frequenzen‹-Ausstellung von 2002, einer Werkschau zeitgenössischer Klanginstallationen von Mika Vainio bis Ultra Red. Neben Publikumsmagneten wie der Yves-Klein-Retrospektive widmet sich Schirn-Leiter Max Hollein also immer wieder seinem Steckenpferd, der audiovisuellen Kunstszene. Und doch ist es nicht so, dass solche randständigen Ausstellungen vom Publikum nicht angenommen würden: ›Frequenzen‹ konnte hohe Besucherzahlen verbuchen. Vor allem Kinder waren von den fiependen, summenden und brummenden Exponaten begeistert. Vielleicht, weil sie noch keine festgefahrene Vorstellung davon haben, was als Kunst zu gelten hat, sondern uneingeschränkt das Neue mögen, das die Sinne anregt.

Frequenzen
Viele Künstler der ›Frequenzen‹-Ausstellung arbeiten auch im Bereich der elektronischen Musik. Im Gegensatz zum Club-Kontext steht bei ihren Klanginstallationen jedoch nicht funktionale Musik im Mittelpunkt, sondern Geräusch als Infragestellung von Wahrnehmung. Zugleich arbeiten sie an einer neuen, »immateriellen« Form bildender Kunst, die durch den Mangel an Sichtbarem konventionelle Vorstellungen von Kunst ähnlich radikal in Frage stellt wie einst Duchamp mit seinen ›Ready Mades‹.

Carsten Nicolai: ›Anti Reflex‹. 20. Januar – 28. März 2005. Frankfurt, Kunsthalle Schirn. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen. Er kostet 29 Euro.