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Zwischen Form und Fläche

c.neeon

Ihre Farben knallen, ihre Muster sind plakativ, mit Stoffen gehen sie so verschwenderisch um, dass man in manche Teile gleich doppelt schlüpfen könnte: Clara Leskovar und Doreen Schulz stehen mit ihrem Berliner Label c.neeon für eine Mode, die sich herausnimmt, eines als Allerletztes zu wollen: über
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Ihre Farben knallen, ihre Muster sind plakativ, mit Stoffen gehen sie so verschwenderisch um, dass man in manche Teile gleich doppelt schlüpfen könnte: Clara Leskovar und Doreen Schulz stehen mit ihrem Berliner Label c.neeon für eine Mode, die sich herausnimmt, eines als Allerletztes zu wollen: übersehen zu werden.

Unter all den Berliner Modelabels, die in den letzten Jahren hoch gehandelt wurden, hat sich c.neeon als das am meisten vom Erfolg geküsste entpuppt. Die Designerinnen, die sich auf der Kunsthochschule Weißensee kennen gelernt haben, zeigen ihre Kollektionen in Paris, London, Mailand und Tokio. Und vor allem in diesen Städten kaufen Fans ihre Teile direkt aus dem Schaufenster, ohne Anprobe. Kein Wunder: Die mal aus schwerer Baumwolle, mal aus gemustertem Strick geschneiderten c.neeon-Outfits funktionieren noch im hysterischsten Rush-Hour-Geblinke verlässlich als Eyecatcher.

Als sie c.neeon starteten, waren sich Doreen Schulz und Clara Leskovar bereits im Klaren darüber, dass das Modegeschäft “megahammerhart” ist (so Leskovar). Schulz hatte parallel zum Studium fünf Jahre bei Bernhard Willhelm in Antwerpen als Produktionsmanagerin gearbeitet, ihre Partnerin hatte Erfahrungen bei dem Berlin-Pariser Designlabel Bless gesammelt. Im April letzten Jahres wurde ihnen im südfranzösischen Hyères dann einer der wichtigsten Preise für Nachwuchsdesigner verliehen. Die Mini-Kollektion, die sie daraufhin für die britische Modekette Topshop entwarfen, war prompt ausverkauft. Interessanterweise mussten sie für diese Kooperation nicht einmal ihre Produktionsprinzipien über Bord werfen: Auch die Topshop-Teile ließen sie, wie zuvor, um die Ecke in Apolda, Reinickendorf und Pankow nähen. Weniger aus patriotischen Gründen allerdings denn aus pragmatischen: Manchmal müsse man eben schnell vor Ort sein können, erklären die beiden.

Dass internationale Modemagazine nun Kleider bejubeln, die in Ostdeutschland genäht werden, ist schon ungewöhnlich genug. Ins Bild passt dabei noch weniger, dass c.neeon in einem Atelier arbeiten, das nicht in einem der Ostberliner Szeneviertel liegt, sondern weit draußen, in der Plattenbauwüste und Nazi-Hochburg Lichtenberg. Hier, wo manche Postbeamte Pakete, die nach “UK” adressiert sind, noch in die Ukraine schicken wollen, haben c.neeon vor einem Jahr mit befreundeten Grafikern, Textern und Fotografen eine verwaiste Kindertagesstätte bezogen. Im Grunde so etwas wie eine Wiederaufnahme des alten Bauhaus-Gedankens. Wer braucht da noch ein hippes Milchschaum-Café um die Ecke?Bis vor kurzem bestanden die c.neeon-typischen großflächigen Druckmotive aus abstrakten Mustern und harten Farbkontrasten. In der letzten Sommerkollektion kombinierten Schulz und Leskovar diese erstmals mit Blumenornamenten. In Richtung einer Landhauskitschigkeit à la Laura Ashley entwickeln sie sich deshalb aber noch lange nicht. Im Gegenteil: c.neeon lassen sich mal von Sonic-Youth-Alben, mal von Cyberspace-Romanen und – immer wieder – vom Dekonstruktivismus inspirieren und erforschen wagemutig die Beziehung zwischen Form und Fläche. Da werden schon mal drei Meter Stoff zu einem Plisseerock oder – wie in der neuen Winter-Kollektion “Haschmichmädchen” – über 20 Meter Kordel zur Kapuze eines Pullovers. “Es macht natürlich Spaß, wenn man das Gefühl hat, sich nicht stundenlang etwas auszudenken, und nachher kaufen die Leute nur ein normales T-Shirt”, meint Doreen Schulz.

Mittlerweile werden c.neeon-Kollektionen sogar für museumsreif befunden: Das Berliner Kunstgewerbemuseum eröffnete jüngst seine neue Ausstellungsreihe “In Sachen” mit dem Label. Am Potsdamer Platz vermischen sich nun vor groß aufgezogenen Fotos, die Einblicke in den Atelieralltag in Lichtenberg gewähren, die Farbpaletten der verschiedenen c.neeon-Kollektionen und erzählen dabei eine besondere Erfolgsgeschichte. Im Ausstellungskatalog erinnern sich beide Designerinnen noch daran, wie man ihnen anfangs riet, ihre Entwürfe müssten konventioneller werden, “feminin” oder “sportiv”, sonst hätten sie keine Chance. Da darf man ruhig mitschmunzeln: Hätten sich Schulz und Leskovar durcheinander bringen lassen, würde ihr Label heute vielleicht schon nicht mehr in den Läden hängen. Und im Museum schon gar nicht.

“In Sachen: c.neeon”, noch bis 17. September, Kunstgewerbemuseum, Tiergartenstraße 6, Berlin. Der Katalog kostet 12 Euro. www.cneeon.de