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... bleibt

Das Band-T-Shirt

Schon seit Ewigkeiten in Mode. Karolina Burbach über das musikalischste aller Kleidungsstücke.
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Schon seit Ewigkeiten in Mode. Karolina Burbach über das musikalischste aller Kleidungsstücke.

Nach einem Konzertbesuch ein Band-T-Shirt als Erinnerung mit nach Hause zu nehmen, das ist schön. Die eigene Erinnerung wird, am Körper getragen, für andere sichtbar und damit auch teilbar. In Konzerthallen schafft es ein Gemeinschaftsgefühl, auf der Straße oder in der Bar taugt es auch schon mal zum Gesprächseinstieg.

Wer seine Lieblingsband stolz auf der Brust trägt, gibt der Welt etwas von sich preis. Mit kaum einem Kleidungsstück kann man so unmissverständlich zeigen, in welches musikalische Lager man gehört. Das Band-Shirt ist das Wappen der Pop-Ära: Nach außen dient es der Abgrenzung, nach innen bekundet es Stammeszugehörigkeit.

Solche klaren Codes werden bedroht, wenn das Teil in Mode kommt und einer breiteren Masse zugänglich wird. Alle paar Jahre entdecken Prominente wie Kate Moss oder Jessica Simpson den Authentizitäts-Faktor der Klamotte und machen die T-Shirts damit auch für Mode-interessierte Musik-Outsider begehrlich. H&M griff den Trend 2004 auf und verkaufte Shirts mit Sex-Pistols-, Iron-Maiden- und Motörhead-Prints. Plötzlich liefen Leute in Metaller-Shirts herum, die keinen einzigen Song der Band kannten, mit der sie sich schmückten. Das Rock-T-Shirt wurde vom Mainstream vereinnahmt und zum bloßen Fashion-Item ästhetisiert. Die archaischen Erkennungszeichen unter Musikfans gerieten in Verwirrung. Wer sich vom Mainstream abgrenzen wollte, brauchte nun neue Individuationsstrategien.

Ein paar schlaue Hipster drehten daraufhin den Spieß um und trugen T-Shirts von uncoolen Mainstream-Bands. Die Gefahr bei Ironie besteht aber immer darin, dass es keine Sau kapiert. Wer zum dritten Mal auf der Straße darauf angesprochen wird, ob er die Backstreet Boys denn auch so toll fände, gibt das ironische Tragen resigniert auf.
Ein anderer Versuch, sich vor Vereinnahmung zu schützen, ist, auf die Shirts nur noch Zeilen aus Songtexten zu drucken, ohne Hinweis auf die dazugehörige Band. Im Musikvideo zu ihrem Hit "D.A.N.C.E." ließ die französische Band Justice Teile des Songtextes in bunten Neonfarben über die Shirts laufen. Das Video wurde im Zuge des New-Rave-Hypes 2007 populär, und schon im selben Jahr brachte H&M Oberteile mit dem Songtitel "It's Not Over Yet" der Rave-Band Klaxons in 80er-Großbuchstaben-Optik auf den Markt.

Vor der Mode gibt es kein Entkommen. Klar darf man Fashion-Victims dafür verachten, dass sie die Zeichen anderer klauen, um cool zu wirken. Aber auch innerhalb der Musikszene werden Statusspiele ausgetragen: Träger besonders seltener, unbekannter oder obskurer Band-Shirts tun sich als Kenner hervor und steigen damit in der Hierarchie. Wer das T-Shirt-Spiel mitspielt, dem geht es im Prinzip um dasselbe wie den H&M-Mädchen: um einen Distinktionsgewinn.

Die überzogene Anfeindung von Uneingeweihten zeigt dabei immer auch eine gewisse Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität. Sarah Kuttner fragte 2004 in ihrer Show den Schweinerocker Lemmy Kilmister, was er von den Motörhead-Shirts bei H&M halte. "Ich BIN Rock'n'Roll", antwortete der, "mir ist das scheißegal!" Das ist die richtige Einstellung! Denn letztlich gilt: Jede Mode geht irgendwann vorbei, doch das Band-T-Shirt, das bleibt.