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Von der Straße ins Atelier

Bei People Berlin machen Straßenkinder Mode

Lässige Streetwear ist längst en vogue. Doch was bedeutet es, wenn man den Begriff einfach mal wörtlich nimmt und Mode von denen designt wird, die auf der Straße leben? People Berlin ist das Wagnis eingegangen. Mit einem mutigen Konzept, bei dem Mode nicht nur Design-, sondern auch Therapieprozess ist. (Foto: Jana Gerberding)

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Wer zu People Berlin kommt, läuft nicht mit Skizzenblock und Nähkästchen ins Atelier, um eifrig die erste Kollektion zu verwirklichen. Wer hier an die Tür klopft, kommt meist von ganz unten. Drogenprobleme, Obdachlosigkeit, Perspektivlosigkeit. Für fast alle Teilnehmer des Projektes ist kreatives Arbeiten Neuland. »Für Jugendliche und junge Erwachsene in schwierigen Lebenssituationen, mit psychischer Erkrankung oder Suchtmittelabhängigkeit ist diese kulturell-künstlerische Bildung von besonderer Bedeutung. Sie dient vor allem der Entwicklung eines Selbstbewusstseins, dem Gefühl der gesellschaftlichen Teilhabe und dem Erlernen von sozialen Kompetenzen«, beschreibt es Eva Sichelstiel. Sie und Ayleen Meissner sind ausgebildete Modedesignerinnen und haben gemeinsam People Berlin ins Leben gerufen. Mit der Branche allerdings waren sie zunehmend unzufrieden und haben daher schon früh nach Alternativen gesucht.

»Oft fragten wir uns, ob es ein soziales Konzept geben kann, das sich im scheinbar elitären System Mode verorten lässt, ob es tatsächlich möglich ist, Mode zu demokratisieren, und was die Mode uns eigentlich zurückgeben kann«, so Eva. Aus dieser Motivation heraus entstand die Idee zu People Berlin. In Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation Karuna nahm das Projekt rasch Form an, und das erste Atelier eröffnete – als Anlaufstelle für Jugendliche in schwierigen Situationen, deren Lebensmittelpunkt sonst aus Sucht und Straße besteht.

Maxikleider mit raffinierten Drapierungen, lässige Jacken mit Statement-Applikationen – mit der Kollektion »Unlike You« geht das soziale Design-Konzept bereits in die dritte Runde. Hier treffen modische Klassiker auf Rebellion. Beispielsweise werden Stoffe zu Kleidungsstücken zusammengefügt wie bei einer Collage. Die Kollektion könnte auch von Absolventen einer Designschule stammen. Kein Hinweis auf kalte Nächte ohne Schlafplatz oder auf drogenbenebelte Tage. Und doch sind all diese Probleme irgendwo unter den Lagen von Stoff und zwischen unzähligen Nadelstichen verborgen. Hochwertige Mode und ein Leben am Boden – zwei Welten, die durch People Berlin nun miteinander verbunden sind und sich im besten Falle positiv beeinflussen. »Wir glauben daran, dass Mode und das Universum, das Mode umgibt, ideal dafür sind, die Visionen und Gedanken der Jugendlichen zu transportieren und eine Wahrnehmung für sie innerhalb der Gesellschaft zu schaffen«, erläutert Eva den zentralen Stellenwert von Modedesign im Projekt.

Wer bei People Berlin mitwirkt, ist automatisch Teil eines richtigen Designteams. Je nach Interesse und Talent können sich die Jugendlichen an den verschiedensten Prozessen und Arbeitsschritten beteiligen. Die Kollektion, die alle gemeinsam erarbeiten, lebt am Ende von Individualität und – anders als bei klassischen Modekollektionen – auch von Unterschiedlichkeiten. Nur so finden die Ideen jedes Einzelnen Platz, ohne dass irgendwer sich in einer vorgegebenen Grundidee verbeißt.

Die Arbeit am gemeinsamen Modelabel ist in vielerlei Hinsicht ein Lernprozess. Zum einen bringen die wenigsten der Jugendlichen technisches Know-how oder Designvorkenntnisse mit. Zum anderen geht es den Gründerinnen natürlich um mehr als nur um die simple Fertigung eines Kleidungsstückes. Eva erklärt: »Die eigene Erfahrungswelt verlassen, aushalten und überwinden, sich auf jemanden verlassen und am Ende erkennen, an etwas Komplexem teilgenommen zu haben.« Von der Idee über die Skizze bis hin zum ersten Nadelstich durchlaufen die Teilnehmer hier einen Prozess, in dem es darum geht, etwas zu beenden, was man begonnen hat. Für die meisten ist das nicht selbstverständlich. Der Blick auf die fertige Modekollektion ist sowohl Belohnung für die Teilnehmer als auch für die Organisation.

Dass mittlerweile schon mehrere Kollektionen entstanden sind, gibt dem Erfolg der Idee von Eva Sichelstiel und Ayleen Meissner in jedem Falle recht. In Kooperation mit Dr. Bronners, einer Organisation, die auf fairen Handel spezialisiert ist, hat Anfang März dieses Jahres sogar ein neuer Store in Berlin-Mitte eröffnet. People Berlin beweist, dass Mode alles andere als oberflächlich sein muss, sondern für manche Menschen eine wichtige Chance und ein Schritt in die richtige Richtung sein kann.

Wer den neuen Store besuchen möchte, findet ihn hier: Hackesche Höfe / Hof 7, 10178 Berlin