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Sportswear-Artenschutz

Adidas

Dem Okapi, einem der seltsamsten Säugetiere, wurde nur runde fünfzig Jahre nach seiner Entdeckung von Adidas ein Denkmal gesetzt. Wer schlanke, silberne Okapis an den Füßen hat, dessen Gang ist auch heute ein bisschen federnder, trotz dieses zentnerschweren Bündels an Versäumnissen, das man so dur
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Dem Okapi, einem der seltsamsten Säugetiere, wurde nur runde fünfzig Jahre nach seiner Entdeckung von Adidas ein Denkmal gesetzt. Wer schlanke, silberne Okapis an den Füßen hat, dessen Gang ist auch heute ein bisschen federnder, trotz dieses zentnerschweren Bündels an Versäumnissen, das man so durchs Leben schleppt. Dinge, die man mal besser getan, gekauft, geküsst oder sonst wie behandelt hätte, statt sie einfach vorüberziehen zu lassen.

Wie damals die zwei roten Anzüge beim türkischen Trödler, rote Joggingmonturen aus geschmeidigem, zwielichtigen Nappaleder, denen »Adidas« und »Run DMC« in die Brust eingestickt war. Zwar war die Band zu der Zeit überhaupt nicht mehr aktuell und Oldschool noch kein gebräuchliches Wort. Trotzdem: Die Verbindung zwischen den ersten in Deutschland wirklich wahrgenommenen schwarzen US-Rappern und dem bayerischen Familienbetrieb Adidas war schon immer eine der nettesten Fügungen zwischen Pop, Sport und Mode. Hatten sich die HipHopper doch nicht etwa von Sponsoren um den Finger wickeln lassen, sondern einfach ihre favorisierte Marke so lange besungen, bis man sie auch in Oberfranken hörte. Das Ergebnis waren zum Beispiel diese rasanten, raren, roten Anzüge. Es gab wenige Gründe, die beiden Originale nicht zu kaufen. Leider reichten sie offenbar aus, und ein weiteres Kapitel in der Rubrik »Unverzeihliche persönliche Versäumnisse« kam hinzu. Ganz anders ging es letzten Sommer einem Adidas-Mitarbeiter, der in einem Secondhand-Laden in Tokio stand und das Sneakermodell Ecstasy in der Hand hielt: Der halbhohe Basketballstiefel hatte ein golden glitzerndes Dreiblatt-Logo auf der Seite, so groß wie ein Kopfsalat, und musste natürlich schnell gekauft werden. Der Schuh von Ende der Achtzigerjahre wurde umgehend in die Originals-Serie, das tolle Sportswear-Artenschutzprojekt von Adidas, aufgenommen: Immer, wenn jemand in freier Wildbahn ein ausgestorben geglaubtes Exemplar entdeckt, wird es sanft eingefangen, geklont und für die Nachwelt erhalten. So kommt jetzt von Adidas unter anderem das Abseitigste der Achtziger in den Original-Stores auf den Tisch. Weil Adidas schon immer in der Sportartikelforschung ganz vorne mitgespielt haben, gehört auch Gerd Müller zu den Marken-Ikonen, vertreten durch ein Paar Stollenschuhe und das Trikot mit der Nummer 13, den sympathischen Spitznamen »Bomber« als Schriftzug inklusive. Auch Reinhold Messner fehlt nicht in der Sammlung der Originals-Paten. Schließlich statteten Adidas seine Everest-Expeditionen in den Siebzigerjahren aus. Die Daunenjacke Basecamp mit extra großen Taschen sorgte damals bei Messner und Begleitern für das letzte bisschen Zuhause-Gefühl. Die vielleicht heldenhafteste Tat der Artenschützer vom Adidas-Originals-Team sind die beiden Schneestiefel Oberstdorf M für männliche und Everest Arosa für weibliche Pisten-Protagonisten. Sie schufen endlich das Unvereinbare: warme Füße mit Stil. Wer jemals beim Schneemannbauen Chucks getragen hat, weiß, wovon die Rede ist. Aber da hätten selbst die gerade wieder aufgelegten silbernen Okapi ein ziemlich schlechtes Benutzerprofil.

Nach Berlin und München öffnet am 22. Juli auch in Köln ein Adidas-Originals-Concept-Store. Das heißt, die seltenen schönen Dinge müssen nicht mehr länger umständlich in komischen koreanischen Kramläden aus den untersten Regalen gezogen oder auf eBay in den falschen Größen ersteigert werden. Mann kann sie einfach kaufen. Im Laden. Und das ist gar nicht mal so schade.

In den Adidas-Originals-Stores liegen die Sachen auf niedrigen Tischen herum oder hängen in Gruppen an einfachen Ständern. Soll man sich etwa wie auf einem sehr aufgeräumten Flohmarkt fühlen?
Anke Breitinger (Adidas): Genau, das Design der Original-Stores ist eigentlich auf spektakuläre Weise unspektakulär. Wir lassen die Produkte für sich sprechen. Manche sind originalgetreue Wiederauflagen aus der Vergangenheit, andere sind zeitgemäße Adaptionen der Originale. Wir blicken ja auf eine authentische Herkunft im Sport zurück.
Nur dass mit den zugegebenermaßen sehr schicken Damen-Sprint-Schuhen Okapi von 1954 Sport heute ziemlich, na ja, mühsam wäre.
Aber damals war es eben das Beste, was es gab. Genau wie die heutigen Everest-Expeditionen gut auf Daunen verzichten können, in den Siebzigern war es aber das wärmendste Material überhaupt.
Haben Adidas wirklich noch alle Originale im Keller, oder ist es wie bei anderen Menschen, die Sachen immer kurz vor dem Zeitpunkt wegwerfen, an dem sie wieder interessant werden?
Bestimmte Serien sind nur für den asiatischen Markt entwickelt worden, die hat hier vorher noch kein Mensch gesehen. Von denen gibt es keine Originale mehr. Die finden unsere Designer dann bei ihren Streifzügen durch Secondhandshops in aller Welt, und hier werden sie rekonstruiert. Hat man schließlich damals nicht gedacht, dass das irgendwann wieder wichtig werden könnte.

Run DMC
Die HipHopper, deren Platten mit trockenen Beats und harten Gitarrenriffs zu den ersten zählten, die auch von Weißen gekauft wurden, traten mit Vorliebe in Adidas Superstars auf, einem flachen Basketballschuh mit Gummikappe (Shelltoe). Mit dem Song ›My Adidas‹ setzten sie diesen auf dem 1986er-Album ›Raising Hell‹ ein Denkmal. Die Originals-Linie Metro de luxe greift den Style heute wieder auf.

Bomber
Eigentlich ist es ja die Spezialität der britischen Presse, deutsche Fußballsiege mit Kriegsvokabular zu kommentieren. Aber die Schüsse von Gerd Müller schlugen zwischen 1966 und 1978 so verlässlich ins Tornetz ein, dass sich auch die deutschen Reporter nicht mehr anders zu helfen wussten, als den »Bomber der Nation« zu preisen.