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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

(Noch) keine Liebesgeschichte

3D-Druck und Pop

Während der 3D-Druck in der Wissenschaft längst zum Alltag gehört, werden die Möglichkeiten der Technologie für die Popkultur allenfalls oberflächlich genutzt. Eine Übersicht.
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3D-Druck wird seit Jahren als die wegweisende Zukunftstechnologie gepriesen, deren Potential immer wieder von kundigen Ingenieuren und Programmierern eindrucksvoll demonstriert wird. Mit Blick auf all die erstaunlichen Studien, die unter anderem schon funktionstüchtige Handfeuerwaffen, lebensrettendes medizinisches Zubehör oder auch komplette Auto-Karosserien hervorgebracht haben, wird man das Gefühl nicht los, dass die Zukunft aus dem Drucker kommen wird. Doch während 3D-Druck in der Wissenschaft und den diversen Technologiesektoren bereits zum Alltag gehört, muss man in der Popkultur schon sehr genau hinsehen, um praktische Anwendungen zu finden. Dass die wenigen Fallbeispiele auch noch häufig unausgereift und alles andere als hübsch daher kommen, zeigt: Die Liaison zwischen Pop und 3D-Druck ist allenfalls ein verhaltener Flirt aus der Distanz.

Ed Hardy lässt Grüßen

 

Eine recht naheliegende Anwendung für den 3D-Druck ist ganz offensichtlich die unkomplizierte Produktion von Musikinstrumenten. Galt der Bau der eigenen Gitarre einst noch als eine Art handwerkliche Königsdisziplin, ist die Kunststoffklampfe aus dem Drucker längst Realität – und lässt sich hier sogar für 3.500 US-Dollar in verschiedenen Ausführungen erstehen. Während sich der Klang - zumindest den Werbevideos nach – hören lassen kann, schreckt das eher an Ed Hardy erinnernde Design und das Preissegment, in dem man bei Fender, Gibson und Co bereits sehr gut bedient wäre, doch arg ab. 

 

(Foto: Odd Guitars)

 

Auslaufrillen aus dem Drucker

 

Doch so zwiespältig einen der Blick auf die Drucker-Gitarre auch zurück.lässt: Im Tonträgersegment hinkt man sogar noch ein ganzes Stück hinterher. Und das, obwohl man schon im November des vergangenen Jahres den ersten Schallplatten druckenden Popup-Store finden konnte, angestoßen von der in San Francisco ansässigen Designerin Amanda Ghassaei. Der gelang es erstmals mithilfe einiger Audio-Dateien und einem 3D-Drucker, abspielbare 12’’-Platten zu produzieren. Dass die Qualität mit einer Samplerate von gerade mal 11kHz mehr als zu wünschen übrig lässt, schien zunächst niemanden zu stören, verkaufte der besagte Plattenladen in London doch sogar eine mit genau dieser Technologie hergestellte Single von Kele Okereke und Bobbie Gordon. So viele Schwächen die Produktion von Schallplatten auf diese Art und Weise zurzeit auch mitbringen mag, Ghassaeis Konzeptstudie weist definitiv einen interessanten Weg auf, der vor allem für D.I.Y.-Künstler mit Haptikfetisch sehr reizvoll werden könnte.

 

(Foto: Amanda Ghassei)

 

Plastiktüten an den Füßen

 

Wo man im Bereich der Musikinstrumente und Tonträger zumindest auf dem richtigen Weg zu sein scheint, sieht es im Modesegment weitaus karger aus. Das unterstrich die spanische, auf 3D-Druck spezialisierte Firma Recreus erst jüngst mit ihren unfassbar hässlichen Drucker-Turnschuhen. Allerdings muss man hier zu Verteidigung der Programmierer sagen, dass es sich bei dem Projekt eher um eine Materialstudie handelt, mit der der Einsatz des eigens entwickelten Filafex-Materials demonstriert werden sollte. Die Dateien zum Nachdrucken wurden sogar veröffentlicht und sind an dieser Stelle zu haben.

 

(Foto: Recreus)

 

Toys for Boys

 

Wer glaubt, dass der 3D-Druck gerade im Bereich der Videospiele zu kreativer Höchstform auflaufen müsste, der irrt sich leider gewaltig. Abgesehen von ein paar hässlichen Gamepads (Die im hier abgebilden Fall allerdings inklusive Elektronik aus dem Drucker kommen) und eher irrelevanten Zubehör-Teilen wie Halterungen für Controller, sind die Möglichkeiten der Technologie hier weitgehend unausgeschöpft. Lenkräder, Lightguns, Plastikboards und Tennisschläger-Aufsätze - führt man sich alle diesen Plastikabfall vor Augen, der einem seit jeher als Controller-Zubehör verkauft wird, sollte der Anreiz für individuelle Ideen doch mehr als gegeben sein.

 

(Foto: University Of Warwick)

 

Und wenn man schon beim Thema Spielzeug ist: Auch hier drucken wir Narzissten lieber Abbilder von uns selbst als Action-Figuren, statt innovative Produkte für die Kinderzimmer dieser Welt zu entwerfen. Ein Jahrzehnte alter, infantiler Traum, der unter anderem als kleine Attraktion am Rande des Amsterdam Dance Events im vergangenen Jahr für einen Schnäppchenpreis zu haben war. 

 

 

Bei aller Kritik darf natürlich nicht außer acht gelassen werden, dass 3D-Druck immer noch eine recht kostspielige Angelegenheit ist, gerade bei Entwürfen, die über die üblichen Plastikfiguren oder kleineren Modell- und Gebrauchsgegenstände hinaus gehen. Aber: Auch aus dem verhaltenen Flirt kann sich irgendwann eine Liebschaft entwickeln. Wir feilen indes schon mal am originalgetreuen Redaktionsabbild für den Setzkasten.