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Die Komposition der zweiten Stimme auf dem Kulturwirtschaftstag NRW

Zukunftsmusik polyphon

Katerstimmung in Köln. Die einst funkelnde Medienstadt liegt Ende 2003 ermattet da und fragt sich, wieso die Kopfschmerzen immer größer werden, obwohl die Branchenparties immer sparsamer ausfallen. In der Musikwirtschaft reißen die Hiobsbotschaften einfach nicht ab. Gerade kommt Dr. Carl Mahlmann mi
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Katerstimmung in Köln. Die einst funkelnde Medienstadt liegt Ende 2003 ermattet da und fragt sich, wieso die Kopfschmerzen immer größer werden, obwohl die Branchenparties immer sparsamer ausfallen. In der Musikwirtschaft reißen die Hiobsbotschaften einfach nicht ab. Gerade kommt Dr. Carl Mahlmann mit den neuesten Zahlen der EMI Music Germany zum Mikrophon, demnach habe man bei den aktuellen Novemberzahlen im Vergleich zum Vorjahr erneut einen Umsatzrückgang um ein sattes Drittel feststellen müssen. Und dieses Phänomen belastet keinesfalls nur die großen Unternehmen.

Der 4. Kulturwirtschaftstag des Landes Nordrhein-Westfahlen legt den Fokus auf die Musikwirtschaft, einen Bereich, in dem nicht nur die Markteinbrüche zu Massenentlassungen führten, sondern auch große Summen von Fördergeldern letztendlich im Standort-Wettkampf verloren gingen - aktuelles Beispiel dafür ist der Verlust der Musikmesse Popkomm, welche über Jahre durch das Land aufgebaut wurde. Daneben ist festzustellen, dass bundesweit immer mehr Medienunternehmen den Offerten des Landes Berlin folgen und diese Sogwirkung beschränkt sich keinesfalls auf den Umzug von Universal (Hamburg) oder Sony Music (Frankfurt), sondern führt selbstverständlich auch bei der EMI in Köln zu entsprechenden Diskussionen. Schließlich bedeutet ein Standortwechsel nicht nur eine Modernisierung, sondern kann für eine praktische ‚Verschlankung’ des Personalapparats genutzt werden. Was also tun, damit das Land sich nicht vom Produktionsstandort (in NRW werden beinahe 50% aller bundesweit durch Herstellung und Vervielfältigung von Tonträgern erzielten Umsätze gemacht) zum bloßen Absatzmarkt entwickelt?

Im Fall des Popkomm-Wechsels hat sich gezeigt, dass es keine Hochglanz-Folder oder Ministerreden braucht, um Energien für einen Neuanfang zu finden. Der Trotz der Kölner reichte vollkommen aus, um dem Standort-Egoismus ans Bein zu pinkeln. In ihrer charakteristischen Selbstverliebtheit brachen die Rheinländer dabei noch für den Föderalismus eine Lanze. Und wer je Kenntnis zentralistischer Strukturen von z.B. französischem Ausmaß genommen hat, wird diesen Hang zum Pluralismus gutheißen müssen (das sehen auch immer mehr Berliner so).

Die Kölner haben dafür nicht lange auf ‚Hilfe von oben’ gewartet. Fast unscheinbar liegen zwei schmucklos zusammengeheftete Konzeptpapiere am Eingang der Tagung. Hemdsärmelig und schnörkellos werden dort die Ideen eines bodenständigen Neuanfangs beschrieben, ohne Vierfarbdruck und Marketingdeutsch. Das eine widmet sich der Veranstaltungsreihe c / o pop, das andere dem Arbeitskongress Musik und Media, kurz: MuM. Beide richten sich an soliden Erfahrungswerten und den Stärken der Kölner Musikszene aus, überlassen dabei der Berliner Popkomm den klassischen Rummelplatz und widersprechen auch jeder Kampfansage. Doch schon beim ersten Blick wird klar: Im Gegensatz zur Berliner Präsentation schlägt hier der Inhalt die Form. Dass dieser Kurs Freunde findet, erklärt sich direkt durch die Auflistung der ersten Unterstützer, darunter Verlage, Mobilfunkfirmen und einer der größten deutschen Spielehersteller.

Der Kulturwirtschaftstag ging über diese Entwicklung fast hinweg. Dieter Gorny sprach über die ‚Vision des Bohlen-freien Alltags’, verschiedene mittelständische Unternehmen verrieten ihr Erfolgsgeheimnis und die Vertreter der Tonträgerindustrie klagten über das mangelnde Unrechtsbewusstsein jugendlicher Piraten. Als die Landesvertreter zum Abschluss beinahe verzweifelt ihr Unterstützungsangebot an alle Unternehmen der Musikwirtschaft (vorzugsweise natürlich die größeren) bekräftigten, hätte man meinen können, sie hätten die Kölner Eigeninitiative in ihrer Schmucklosigkeit übersehen.