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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Alle gegen alle«

Zugezogen Maskulin

Dieses auf grimmigen Bassfundamenten errichtete Sittengemälde der Gegenwart zeigt HipHop von seiner außergewöhnlichen Seite.
Geschrieben am
Eine Schulklasse im Jahre 2025. Gymnasium. Deutsch-LK. Der Lehrer weiß gar nicht, wo er anfangen soll. Die Schüler sind skeptisch, doch die Begeisterung ihrer Lehrkraft überträgt sich Takt für Takt. Das Thema ist »Alle gegen alle«, ein HipHop-Manifest aus der Krisenzeit des vergangenen Jahrzehnts. Eine Platte, an der sich viel anknüpfen lässt.

Was »Mentalitätsgeschichte« bedeutet beispielsweise, persönlich gefärbte und doch ins Allgemeine übertragbare Reflexionen einer Jugend in den frühen 2000ern sowie einer Familiengeschichte beiderseits der Mauer, die einst das Land teilte. Man kann zeigen, wie metaphorische Übertragung funktioniert, wenn das ausgegrenzte Anderssein der adoleszenten Jahre zur Geschichte vom dörflichen Werwolf wird. Oder wie die Künstler sich selbst widerlegen, wenn sie einerseits in gesungener Hookline verkünden, »nur ein Tier« zu sein, und doch zugleich durch ihr fein konstruiertes Werk den anthropologischen Pessimismus Lügen strafen. Sitzt schließlich im atemberaubend starken letzten Drittel des Albums »Der müde Tod« an der Bar und kann seine Berufung gegen alle Entmutigung doch nicht aufgeben, ist beim Lehrer gar der Ansatz feuchter Augen zu beobachten.

Manche Erzählungen resonieren stärker in Seelen, die bereits eine gewisse Lebenserfahrung haben. Musikalisch entfaltet sich die ganz ohne übertriebenen Wortspielsport auskommende Poesie meist auf finster-wuchtigen Bassbrettern; gelegentlich auch auf sphärisch-poppigen Upbeats. Das nachgezeichnete, sicherlich autobiografische Leben trägt das Gewand des Rap, spielt aber im Milieu des Punk, zwischen Hansa-Pils-Dosen und Kiezstimmung, wobei nicht nur der Titel eine Anspielung auf ein klassisches Deutschpunk-Album von Slime darstellt, sondern autonomer Wind durch viele Details der Verse weht. Stimmlich tragen Grim104 und Testo ihre Geschichten in einem übermütig-hochstimmigen Tonfall vor, der manchmal wirkt, als hätten sich Favorite und Fettes Brot zur Session getroffen. Eine Anspielung des Lehrers, die seine Schüler im Jahr 2025 nicht mehr verstehen. 

Zugezogen Maskulin

Alle gegen Alle

Release: 20.10.2017

℗ 2017 Four Music Productions GmbH