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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

We're Damn Lucky Bastards

Zuco 103

Wer nichts wird, wird Wirt. Oder Musikjournalist. Oder Musiker. Just als der Akku des Aufnahmegeräts leer ist, erzählt Lilian Vieira, die Sängerin von Zuco 103, den haarsträubenden Grund für das Ende ihrer akademischen Karriere und den Start ihrer Musikerlaufbahn. Zu Beginn ihres Studiums mussten si
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Wer nichts wird, wird Wirt. Oder Musikjournalist. Oder Musiker. Just als der Akku des Aufnahmegeräts leer ist, erzählt Lilian Vieira, die Sängerin von Zuco 103, den haarsträubenden Grund für das Ende ihrer akademischen Karriere und den Start ihrer Musikerlaufbahn. Zu Beginn ihres Studiums mussten sie und die anderen Medizinstudenten dem Professor in die Leichenhalle folgen. "Zwei Dinge sind wesentlich für einen guten Mediziner" , dozierte dieser, "eine gute Beobachtungsgabe und Selbstüberwindung." Um dies zu belegen, deckte er eine Leiche ab und erhob seine Stimme. "Schaut genau her: diesen Finger (den Zeigefinger) werde ich jetzt in diese Körperöffnung stecken und ablecken." Dann forderte er seine Studenten dazu auf, dasselbe zu tun. Ein Test. Die meisten der sich wundernden Studenten kamen seiner Aufforderung nach, auch Lilian. "Tja", schloss der Lehrende ab, "geekelt habt ihr euch nicht, das ist gut. Aber ihr habt alle schlecht beobachtet." Schweigen. "Hättet ihr genau hingeschaut, dann hättet ihr gesehen, dass ich zwar den Zeigefinger rein gesteckt habe, aber den Mittelfinger in den Mund genommen habe. Ihr habt alle den Zeigefinger genommen." Schluck. Das habe ihr gezeigt, dass ihre Talente woanders liegen müssen. So kann man diese Anekdote auch interpretieren.

Das Leben danach

Zuco 103 formiert sich aus Stefan Schmid, Stefan Kruger und Lilian Veira. Die beiden jungen Männer kümmern sich - man kennt das ja - um Beats und Co, während Lilian singt und die Texte schreibt. Die drei leben in Amsterdam, ihre erste gemeinsame Arbeit war 1994 eine Produktion für eine andere Band. Dabei stellten die drei fest, dass sie mehr wollen und können - und begannen unter dem Arbeitsnamen Rec.A aufzunehmen. Aufmerksam wurden Öffentlichkeit und ihr aktuelles Label Ziriguiboom/ Crammed Discs 1998 über ihren Beitrag auf einer der ersten Brazilectro-Compis ever, Brazil 2000. "Habt ihr noch mehr Songs dieser Sorte auf Lager?", kam die Anfrage. "Ja, haben wir, aber wir möchten das Album erst mal aufnehmen und auf unserem eigenen Label rausbringen", war die Antwort. Und siehe da: Sich rar machen scheint sich auszuzahlen, da die Platte nach Erscheinen auf Dox, dem eigenen Label, ein zweites Mal auf Crammed Discs aufgelegt wurde.

Die Platte danach

Seit "Outro Lado", dem ersten Album, sind nun drei Jahre vergangen, die mit einem Remixalbum überbrückt wurden. Jetzt erscheint der neue Longplayer "Tales Of High Fever", auf dem Lilian auch englisch singt. "Es klingt lustig, wenn ich englisch spreche oder singe. Außerdem verstehen mich dann mehr Leute. Normalerweise übersetze ich bei einem Auftritt den Inhalt eines Songs immer ins Englische oder Niederländische, damit die Leute wissen, was ich singe. Englisch versteht zum Glück fast jeder." Das nennt man Service am Kunden.

Überhaupt sind diese drei sehr professionell. Zugänglich, fleißig und bescheiden - das klingt eher nach bravem Angestellten als nach Popband. Das trifft es irgendwie auch: Angestellte in der eigenen Firma. Zuco 103 leben von ihrer Musik und sehen sie als Job, und diesen Job begreifen sie als Privileg. "Überleg mal, wie cool das ist: wir machen das, was uns Spaß macht und können davon auch noch leben. Wir sind verdammte lucky Bastards."

Ganz ohne Glamour geht es jedoch nicht. Den bringt die aparte Lilian in die Band. Schließlich funktioniert musikalischer Wiedererkennungswert nie ausschließlich monomedial, sondern natürlich auch über die visuelle Inszenierung. Potential für Aha-Momente ist in ihrer eigenständigen Melange aus lateinamerikanischen Rhythmen und Beats durchaus wahrnehmbar -allerdings könnte ihr Sound schon noch differenzierter sein. Treffer. Zuco 103 gestehen ein, dass sie an ihrem musikalischen Profil weiterarbeiten müssen, damit Hörer vielleicht in fünf Jahren nach den ersten Takten sofort sagen können: "Ja klar, das sind Zuco 103." Selbstkritisch sind sie also auch noch. Die nehmen ihren Job verdammt ernst.