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Aus sicherer Entfernung

Zoot Woman

Drei Jahre und einen Flug über den Atlantik haben Zoot Woman gebraucht, um ihren vierten Longplayer fertigzustellen. Dafür ist das Trio mit »Star Climbing« nun umso zufriedener. Mark Heywinkel sprach mit den Brüdern Johnny und Adam Blake über Selbstgefälligkeit, peinliche Fotoshootings und die Bedeutung von Distanz.
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Wir treffen uns im Büro ihres Labels. Das Fenster ist offen, kühler wird es dadurch aber auch nicht. Lediglich lauter: Immer wieder erbebt der Raum unter dem Lärm startender Flugzeuge. Womöglich voll mit Urlaubern, die Richtung Cocktails, Schirmchen und Handtuchkriege vor Sonnenaufgang reisen. Trotzdem sind Adam und Johnny Blake mit den Gedanken weit von Flugzeugen und Urlaub entfernt. Die Briten brauchen und wollen keine Auszeit. Nicht mehr. Fünf Jahre sind seit ihrem letzten Album »Things Are What They Used To Be« vergangen. Drei davon haben sie sich Zeit gelassen, um ihre neue Platte zusammenzufrickeln. Jetzt wollen sie »Star Climbing« endlich herzeigen, die elf Tracks live spielen, damit prahlen.

Der Elan kommt nicht von ungefähr: Sowohl die beiden Zoot-Woman-Brüder als auch ihr dritter Mitstreiter und Produzent Stuart Price sind davon überzeugt, ihr bisher stimmigstes Album geschaffen zu haben. »Was das Songwriting und die Auswahl der Sounds angeht, ist ›Star Climbing‹ unser am weitesten entwickeltes Album«, erklärt der 34-jährige Sänger und Gitarrist Johnny. »Es gibt keinen einzigen Song auf dem Album, an dem ich zweifle. Jeder ist sehr stark.« Sein vier Jahre älterer Bruder und Schlagzeuger des Synthpop-Trios ergänzt: »Stuart hat es als das unverwechselbarste unserer Alben bezeichnet. Für mich ist es auf jeden Fall der Favorit unter den Vieren, die wir rausgebracht haben.«

Zur Erinnerung: 2001 gab es zunächst das Pop-Debüt »Living In A Magazine« mit der Hitsingle »It’s Automatic«. 2003 kam die Fortsetzung »Zoot Woman« und 2009 schließlich ihr bisher größter Erfolg »Things Are What They Used To Be«. Allesamt gut durchdachte Platten, aber von keiner hat man sie je so sehr schwärmen hören. Wenn man die Blakes lässt, verlieren sie sich geradezu in kleinen Lobeshymnen auf »Star Climbing«. Dann erklären die zwei, wie sie ihre sphärischen Electrosongs von allen unnötigen Soundwelten befreit haben, um sie in ihrer minimalistischen Schönheit glänzen zu lassen. Sie betonen die optimistische Grundstimmung der Platte und fordern, man solle sie mit Kopfhörern an seinem Lieblingsort hören. Aber weist man sie auf diese leicht selbstgefällige Art hin, finden sie auch ganz schnell auf den Boden zurück.

»Man verstrickt sich sehr schnell sehr tief in dem, was man macht«, sagt Johnny beinahe entschuldigend, während Adam bekräftigend nickt. »Jeder Künstler kommt mal in die Situation, selbstgefällig zu werden«, fügt er hinzu. Deshalb sei es unheimlich wichtig, treue Freunde an seiner Seite zu haben. »Man braucht Leute, die einem knallhart und ehrlich sagen, dass man Scheiße macht, wenn man denn Scheiße macht.«
 
Ebenso wichtig sei es, dass man immer wieder eine gewisse Distanz zu dem gewinne, was man tue. Auch bei der Arbeit an »Star Climbing« habe es an einem gewissen Punkt Abstand gebraucht. Nachdem Zoot Woman in ihrer Heimat, dem südenglischen Reading, Inspirationen gesammelt und in drei verschiedenen Studios ihre Songs aufgenommen hatten, buchten sie einen Flug nach Los Angeles. »Jemand hat mir mal gesagt, es sei von Vorteil, während der Albumproduktion einmal den Atlantik zu überqueren, um zwischen sich und die Platte ausreichend Abstand zu bekommen«, erzählt Adam. »Mir reicht es zwar schon, in Europa hin und her zu reisen. Aber um einen objektiven Blick zu bekommen, haben wir diesen großen Schritt einfach mal gemacht.« In L.A., genauer im Studio von Stuart Price angekommen, hätten sie »Star Climbing« schließlich mit anderen Augen sehen und in drei Monaten final abmischen können – objektiver und selbstkritischer.

Aber ist ein objektiver Blick auf das eigene Selbst überhaupt möglich – und als Künstler überhaupt nötig? Als Musiker geht es doch gerade darum, sein subjektives Befinden und Verständnis der Welt in Songzeilen und Sounds zu pressen. Unabhängig davon, was andere darüber denken mögen. »Natürlich mache ich Musik zuerst einmal für mich«, stellt Adam fest. »Aber genauso wichtig wie meine Meinung zu Zoot Woman ist mir die unserer Fans zu Zoot Woman.« Deshalb versetzt sich Adam auch immer wieder in die Perspektive der Hörer hinein: »Ich stelle mir die Leute vor, die seit unserem ersten Album dabei sind, und frage mich, was sie von den neuen Songs halten würden.« Das helfe, dem Stil der Band treu zu bleiben – und sei gleichzeitig ein Drahtseilakt, sagt Johnny: »Als Hörer mag man häufig nur ein oder zwei Alben von Bands. Man brennt nicht darauf, unbedingt etwas stilistisch Neues von ihnen zu hören. Als Musiker hingegen willst du immer etwas Neues ausprobieren und frisch klingen. Zwischen diesen zwei Erwartungen muss man sich einpendeln.«

Wozu die Fan-Brille aber auch noch nützlich sei: als Peinlichkeitsbarometer. »Wenn man sich plastisch vor Augen führt, wie Fans einen wahrnehmen, dann hilft das auch, so zu bleiben, wie Zoot Woman sein soll«, stellt Johnny fest. »Andererseits ist es genauso wichtig«, ergänzt Adam, »sich ab und an auf vermeintliche Peinlichkeiten einzulassen.« Als sie auf die Idee kamen, für das Covershooting ihres Debüts in weiße Anzüge zu steigen, hätten ihre Freunde die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. »2001 gingen weiße Anzüge gar nicht«, sagt Adam und lacht. »Aber genau dieser ungewöhnliche Look hat uns womöglich die nötige Aufmerksamkeit gebracht. Ja, diese weißen Anzüge waren die beste Idee, die wir haben konnten.«

Bisher haben Zoot Woman bei der Wahl ihrer Outfits, vor allem aber mit ihrer Musik ein gutes Gespür bewiesen. Tatsächlich hat dieses auch bei »Star Climbing« nicht nachgelassen. Zumindest Fans dürften gleich zu »Don’t Tear Yourself Apart«, dessen stampfendem Beat und Johnnys echoender Stimme in »Sie sind endlich wieder da!«-Begeisterungsstürme ausbrechen. Gute Freunde haben die Blakes. Und genug Distanz zu dem, was sie tun. Zumindest, solange sie nicht ins Schwärmen geraten.

Zoot Woman »Star Climbing« (Embassy Of Music / Warner / VÖ 29.08.14) Am 05.09. beim First We Take Berlin!, am 06.09. beim Berlin Festival