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Entschleunigt in die Dunkelheit

Zola Jesus im Gespräch

Man mag niemandem etwas Böses wünschen. Schon gar nicht, psychisch zu erkranken, nahestehende Personen in die Depression abdriften zu sehen oder an eine schwere Krankheit zu verlieren. Aber sind es nicht oft genau diese Erfahrungen, die großartige Kunst hervorbringen? Im Fall von Zola Jesus muss man antworten: Ja. Mit Leonie Scholl sprach sie in ungewöhnlicher Offenheit über den Leidensweg hinter ihrem neuen Werk »Okovi«.
Geschrieben am
Zola Jesus’ Werdegang erscheint wie eine Persiflage der sozialen Eingliederung des »tortured artists« in den funktionierenden Teil der Gesellschaft. Als ob sie den Spagat wagen wollte zwischen den düsteren, fast schon suizidalen Momenten in kompletter Abgeschiedenheit, die mitunter zu fantastischem künstlerischen Output führen können, und einem Leben, das gemeinhin als »sozial« gilt, freundlich, inmitten vieler Menschen in einer großen Stadt. Als hätte sie die gut gemeinten Ratschläge befolgt, die man als Mensch mit psychischen Problemen so oft zu hören bekommt: Geh mehr unter Leute, dann wird alles besser. Das mag für eine Weile funktionieren, vielleicht ist es für manche Menschen aber auch nur eine Betäubung ihrer eigentlichen Bestimmung. Und wenn sie dann in ihre ursprüngliche Umgebung zurückkehren, laufen sie zu schöpferischen Höchstleistungen auf.  

Ungefähr so war das bei Zola Jesus’ neuem Album »Okovi«, das mit Eindringlichkeit und Tiefe ihre dunkle Seite zurückbringt. Von der ersten Sekunde an zieht es den Hörer in einen Sog aus Weltschmerz und düsterer Stimmung, der jedoch nicht das Gefühl hinterlässt, dass alles sinnlos ist, und genau deswegen so unheimlich viel Sinn ergibt. »Ich bin definitiv in den dunkleren Sounds zu Hause. Das ist die Musik, die ich mir anhöre. Das ist meine Welt.« Ihr letztes Album »Taiga« verwunderte viele Hörer: Es klang netter, poppiger als gewohnt, aber auch nicht wirklich greifbar. »Ich wollte mir einfach selbst beweisen, dass ich so etwas machen kann. Dass ich nicht der gequälte, traurige Künstler sein muss, um Musik zu machen. Ich wollte ein Album, das keinen bestimmten Style hat.« Doch der Ausflug in helles Terrain war nur temporär. Sie verließ Los Angeles, einen Ort, der sich für sie nie natürlich, nie passend angefühlt hatte. »Ich mochte die Energie nicht. Ständig Leute um mich herum zu haben. Ich fühlte mich, als könnte ich niemals wieder entspannen. Ich brauche die absolute Einsamkeit, um mich gut zu fühlen.«  Darum zog sie zurück nach Wisconsin, in den Ort, aus dem sie kommt, und lebt dort mit ihrem Mann und Katze in einem Haus im Wald. »Je kleiner ich mein Leben halte, desto glücklicher bin ich. Je weiter du mit der Gesellschaft verbunden bist, desto mehr Druck übt das aus. Ich fühle mich so viel besser, seit ich im Wald lebe und mich auf die kleinen Dinge fokussieren kann. Den Vogel, den ich in der Ferne höre. Es macht mich so glücklich.«
Und auch musikalisch ging es zurück zu ihren Wurzeln: Zola Jesus verließ Mute Records und kehrte zu ihrem Ursprungslabel zurück. »Ich habe es geliebt, mit Mute zu arbeiten, aber meine Familie ist Sacred Bones. Es ist nicht einfach nur geschäftlich, es ist emotional. Ich wusste, dass es die richtige Entscheidung war. Ich habe sie so vermisst.«  Ein familiärer emotionaler Rückzug von zu viel Druck, zu vielen sozialen Zwängen und zu viel Beobachtung. »Ich kann in der Stadt nicht schreiben, weil ich mir dauernd darüber Sorgen mache, dass die Leute mir zuhören. Ich bin sehr gehemmt. Ich brauche die Isolation zum Arbeiten.«  Das Titelbild von »Okovi« erinnert an ihr Erstlingswerk »Stridulum II«, von dem es zurzeit auch ein Re-Issue auf Vinyl gibt. Und das Video zur aktuellen Single »Exhumed« wendet sich ab von dem Hochglanz-produzierten zeitgenössischen Pop-Style von »Dangerous Days« und »Hunger« und geht zurück zu einer Lo-Fi-Produktion. »Ich liebe Schwarz-Weiß-Fotografie und experimentelle Filme. Ich habe einfach gefühlt, dass das der richtige visuelle Ausdruck für diesen Song war.«  Der Albumtitel ist ein slawisches Wort für Fesseln. »Ich fühle mich oft an meinen Geist gefesselt, ich habe eine Angststörung. Es ist, als würde mein Kopf niemals aufhören zu denken. Ich fühle mich auch manchmal an das Schicksal gefesselt. Als sei mein Leben bereits vorgeplant. Ich lebe es zwar, aber es ist schon alles entschieden. Ich fühle mich wie ein Gefangener dieser Gedanken.«  Die Angst begleitet sie, wenn sie unter Menschen ist oder auf die Bühne gehen muss. »Manchmal bin ich so verängstigt, mein Hals zieht sich zu. Aber um singen zu können, muss alles frei sein. Du musst Teile deines Gehirns ausschalten. Es ist der Horror.«

Zola Jesus erzählt offen von ihren psychischen Problemen. Zwei Jahre lang hat sie mit Depressionen gekämpft, konnte nicht arbeiten, nicht aufstehen. Als sie langsam wieder zu Kräften kam, war »Wiseblood« eines der ersten Lieder, das sie schreiben konnte. Es beinhaltet die Schlüssellyrics des Albums. »Es war wie ein offener Brief an mich selbst. Wenn es dich nicht weiser oder stärker macht, warum machst du es überhaupt, wo ist der Sinn? Du musst die Depression überwinden, weil es der einzige Weg ist, stärker zu werden.« 

Doch kaum ging es ihr selbst besser, musste sie dabei zusehen, wie Menschen um sie herum durch die Hölle gingen. »Jemand, der mir sehr nahe stand, versuchte sich zwei Mal innerhalb von zwei Wochen umzubringen. Das war sehr hart und intensiv. Eine andere wichtige Person in meinem Leben wurde mit Krebs im Endstadium diagnostiziert. Andere Freunde wurden depressiv. Ich habe gedacht: Was ist nur los, wir leiden alle? Jeder auf seine Weise, aber das Gefühl ist im Kern das gleiche. Darum geht es in allen Songs auf dem Album.« Ein dunkles Bild, das Zola Jesus malt und das man an manch grauem Tag in einer großen Stadt nur zu gut nachvollziehen kann. »Ich denke, jeder sollte in Therapie gehen, denn jeder ist depressiv. Viele Menschen sind auch sehr einsam. Sie glauben dauernd, sie wissen, wie andere Menschen leben, da sie dem durch die Medien ausgesetzt sind. Dadurch vergleichen sie ihr Leben ständig mit dem der anderen, viel mehr, als das früher der Fall war. Außerdem sind Menschen, die in der großen Stadt wohnen, nicht mit ihrer Herkunft verbunden. Du fühlst dich wie ein Aussätziger und verloren. Darum war ich so traurig in der Stadt.« 

Nun lebt sie also wieder auf dem Land, führt ein entschleunigtes und übersichtliches Leben. Eindrücke davon teilt sie auf Instagram, es sind vor allem Bilder aus der Natur. »Ich liebe Fotografie. Meine Mutter war Fotografin. Ich mag Instagram, weil es sofort funktioniert und ich die Macht über alles habe. Es ist mein eigener visueller Output.« Fotografie und Musik, für sie ein untrennbarer Ausdruck ihrer Gefühle. »Die Fotos, die ich mache, die Art, wie ich mich kleide, das Haus, in dem ich lebe, meine Musik, die Bühnenshow – das kommt alles vom gleichen Ort. Es trägt die Farben der Dinge, wie ich sie sehe.« Und diese Farben sind dunkel. Denn die Dunkelheit ist Zola Jesus’ wahres Zuhause. 

Zola Jesus

Okovi

Release: 08.09.2017

℗ 2017 Zola Jesus, under exclusive license to Sacred Bones Records.