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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Carsten Schumacher

Ziegenblut & Motöröl #245

Von kalifornischen Misanthropen, Mischern auf Müllhalden, Experimenten in Salt Lake City, gälisch grunzenden Höhlenmenschen und dem Landestheater Memmingen.

Geschrieben am
Was uns unlängst beschäftigt hat: Muss Black Metal eigentlich immer völlig erwartbar aus eher lebensfeindlichen Gegenden wie Norwegen, Ukraine oder Österreich kommen? Auch in Kalifornien hat man Tage, wo’s nicht so läuft. In San Jose beispielsweise, wo Black Fucking Cancer wohnen, die man wahrscheinlich nicht mit Smoothie in der Hand beim Joggen auf der Flaniermeile treffen wird. Ihr in gewisser Nachdrücklichkeit ebenfalls »Black Fucking Cancer« (Osmose) betiteltes Debüt überzeugt vor allem durch den Feedback-Schmutz, mit dem sie werfen, und die Rüpelhaftigkeit, mit der sie ihr Gedresche angehen. Eine Melange aus Gorgoroth, 1349 und Sunn O)))? Letztere vielleicht nur in Momenten der inneren Einkehr, wenn sie wieder verträumt von Unterjochung und Massenexekutionen schwärmen. Kalifornischer Gruppenzwang, da siehst du, was du angestellt hast!
Doch kehren wir lieber vor der eigenen Haustür: Japanische Kampfhörspiele sind seit neuestem volljährig und meinten in einer Art Midlife-Crisis plötzlich einen englischen Albumtitel verwenden zu müssen. »The Golden Anthropocene« (Unundeux) spielt dabei auf eine noch nicht durchgesetzte geochronologische Epoche an, die die Menschheit als entscheidenden geologischen Faktor betrachtet (siehe auch Klimawandel, Ozonloch, Müll auf dem Land und in den Meeren). Beinahe in einem Anflug von Konzept hat die Deathgrind-Hoffnung des Ruhrgebiets das Album dann auch auf einer Müllhalde mixen lassen. 20 Tracks lang musste der Mischer dort sitzen und bodenlos wird die Frechheit erst, wenn darunter Songs sind, die wie bei »Tag 1 Nach Den Menschen« über sechs Minuten gehen. Was war da denn los? Hätte man nicht nach »Tag 1 nach den Menschen feiert der blaue Planet erst mal ne schöne Party und zwar drei Milliarden Jahre lang, bis wieder alles in Ordnung ist« Schluss machen können? Nein, die Wand des Atomschutzbunkers musste wieder vollgekritzelt werden, denn im Alter wird man ja mitteilungsfreudiger. Wenigstens ist es nicht überproduziert, dafür abwechslungsreich, humorvoll, punkig und am Ende sogar sehr gut gemischt.
Kommen wir nun von einer alternden Ruhrpott-Band zu etwas völlig anderem: Sodom gehen einem so populären wie sinnvollen Trend nach und orientieren sich an den Zeiten ihrer Klassiker-Alben, die deutschen Thrash-Metal bis nach Saigon berühmt gemacht haben. »Decision Day« (Steamhammer) hat natürlich auch wieder die Camouflage-Hosen an und handelt irgendwie von D-Day und dem dritten Weltkrieg. Das Cover hat der durch viele Motörhead-Artworks bekannte Joe Petagno gestaltet und will darauf »die Geschichte der Menschheit veranschaulichen, von ihrer Schöpfung bis zu dem Schlamassel, in dem wir uns heute befinden«. Das meiste davon ist allerdings ins Innere des Booklets geflogen, vorn drauf ist wie immer der Knarrenheinz und jede Menge Piffpaffpuff.

Sodom

Decision Day

Release: 26.08.2016

℗ 2016 Steamhammer

Ganz anders dagegen Tesa aus Lettland, die gerade mit Neurosis auf Tour waren und dafür ihr fünftes Album »Ghost« (My Proud Mountain) nach nur einem Jahr neu veröffentlichen. Ein sehr atmosphärisches Post-Metal-Album der ungoogelbaren Band (»Tesa Band« bleibt an anderen Themen hängen), das bislang zu Unrecht unbeachtet blieb.

Tesa

Ghost

Release: 05.08.2016

℗ 2016 My Proud Mountain

Ähnlich interessant ist die Idee der beiden israelischen Musiker Kobi Farhi (Orphaned Land) und Erez Yohanan (Amaseffer), die den Weg Abrahams in Form von Balladen und Metal Songs nachzeichnen. Die Idee für das unter Orphaned Land & Amaseffer erschienene Album »Kann’an« (Century Media) wurde ausgerechnet am Landestheater Memmingen geboren und hat vielleicht deswegen auch neben dem Instrumentalkolorit des Nahen Ostens diesen symphonischen Anstrich bekommen. Die wahre Geschichte dieses Übervaters der abrahamitischen Religionen dürfte zwar trockener ausgefallen sein, aber wer über so was wettert, darf im Zweifel auch keine opulenten Sandalenepen ansehen. Und wer würde darauf gerne verzichten wollen (*rhetorischefrageoff*)?

Orphaned Land & Amaseffer

Kna'an

Release: 26.08.2016

℗ 2016 Century Media Records Ltd.

Und wenn wir schon in der Wüste hocken, können wir uns auch mit Utah und Salt Lake City beschäftigen. Von dort stammt nämlich die experimentelle Metal-Band SubRosa, die ermutigt vom Erfolg des Vorgängeralbums »More Constant Than The Gods« ihren Weg auf »For This We Fought The Battle Of Ages« (Profound Lore) weitergehen und dabei klingen, als hätte man Postrock-Bands wie Rachel’s oder Clogs mit einer derbe monolithischen Doom-Band gekreuzt oder Thee Silver Mt. Zion mit einer schwarzen Seele aus Metal. Ein Album, das eine Geschichte voller Dynamik, Düsternis, Violinen und im Stehen britzelnden Akkorden erzählt, die man so noch nicht gehört hat. Gemischt wurde dieses jahresbestenlistentaugliche Album dann auch noch vom Bassisten von Marduk. Und: Einzig die Rhythmus-Sektion der Band ist männlich.

Subrosa

More Constant Than the Gods

Release: 17.09.2013

℗ 2013 Profound Lore

Doch zurück zur hemmungslosen Raserei und Höhlenmenschen mit mächtigen Verstärkern: Coscradh ist gälisch für »Massaker« und der Name einer irischen Black-/Death-Metal-Band, die derart beneidenswert verschwenderisch mit Hall und Brutalität um sich wirft, dass gute Laune vorprogrammiert ist. Das Debüt »Coscradh« (Invictus) lacht Worten wie »filigran«, »bedacht« und »vermarktungsfähig« aus seiner Höhle heraus frech ins Gesicht. Eine ayurvedische Kur für alle, die auch schon Venom für eine gute Idee hielten, nur haben die sich im Zweifel nie dafür interessiert, was zur Hölle eigentlich eine ayurvedische Kur ist. Übersetzen wir lieber mit: Wie das erste Bier nach der Ankunft auf dem Festivalgelände, nur teurer.