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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Friese & Hölle

Ziegenblut im Dosenbier #262

Kauft Disney belgischen Black Metal? Wie sauber darf die Garage von Metallica sein? Und was hat die Geisterstadt neben Tschernobyl mit Kölner Thrash zu tun?

Geschrieben am

Hölle betritt den Underdog Recordstore, erstarrt, wendet den Kopf zur Theke und fragt entgeistert: Habe ich was verpasst? Ist heute Musical-Tag? F: Konzeptalbum nennt man so was. Und das ist ein Handwerk, das nur von den Größten der Zunft wirklich beherrscht wird. So wie Derek Smalls einer ist. In der Tradition eines Frank Zappa rockt sich der Tieftöner der legendären und real existierenden Metal-Legende Spinal Tap frei. H: Du meinst den Mann am Langholz, den besten Freund des Fellgerbers? [schüttelt sich bei so vielen Rockismen] Dann muss das »Smalls Change (Meditations Upon Ageing)« (Twanky) sein, sein Traktat über das Altern. Toll, vom Narrativ her geradezu Alicecooper’esque! F: Exakt. Wäre die Platte ein Auto, würde ich sagen: »So was wird heutzutage gar nicht mehr hergestellt.« Und auch Qualität und Länge der Gästeliste lesen sich wie ein Fanal aus längst vergessenen Tagen. H: Die Gäste verbergen sich auf angenehme Weise hinter dem Konzept, und das Orchester ist tatsächlich viel besser eingesetzt als bei 99% der anderen Rockalben, die sich dadurch aufzuwerten versuchen.

Derek Smalls

Smalls Change (Meditations Upon Ageing)

Release: 13.04.2018

℗ 2018 BMG Rights Management (US) LLC

Aber hast du die »Dust To Gold« (Steamhammer) von Bullet? Ich brauch mal Stoff. F: Fuß aufs Gaspedal und ab die Post. Ich muss bei Bullet immer an das magische Dreieck im Kölner Club Luxor denken. Egal, wie voll der Laden ist – da ist immer diese Ecke, aus der man gut sehen kann, schnell am Bier ist und trotzdem problemlos zum Klo kommt. Bullet sind dieses Dreieck im Metal-Luxor dieser Welt mit den Eckpfeilern AC/DC, Judas Priest und den 1980er-Maiden. Und die perfekte Positionierung zwischen diesen Pfeilern macht die Band zu etwas Eigenem. Wenn man dann noch den Sänger auf der Bühne sieht, ist das wie der Missing Link zwischen James Brown und Ronnie James Dio. Die könnten sich sofort in »The Best Of Metal« umbenennen. H: Stelle mir seine Sprechstimme ähnlich der von Zed aus »Police Academy« vor.

Bullet

Dust to Gold

Release: 20.04.2018

℗ 2018 Steamhammer

Aber vielleicht können wir jetzt was anderes hören. Wenn ich noch länger so breitbeinig im Raum stehe, denken die Kunden noch, ich hätte ne Geschlechtskrankheit. F: Hier, »Eonian« (Nuclear Blast) von Dimmu Borgir, das zehnte Album der Sympho-Black-Metal-Choir- und Tralala-Band. Ich muss gestehen, dass ich nicht der größte Fan der Band bin. Aber das hier geht erstaunlich gut rein. Etwas experimenteller, ja, regelrecht proggig in manchen Momenten. H: Aber auch derart geschmeidig perlend produziert, dass es zum Sonntagsfrühstück mit Frau Mama taugt. Dazu noch dieser fast griechische Chor, der dem Ganzen eine majestätische Tragweite alter Hochkultur verleiht. Ich versuche noch, die Stimmen zu zählen, um zu klären, ob hier eine Komödie oder eine Tragödie vorliegt.

Dimmu Borgir

Eonian

Release: 04.05.2018

℗ 2018 Nuclear Blast

F: Definitiv so weit von einer Komödie entfernt wie Jack Black von ebenjenem Metal ist unsere nächste Platte auf dem Teller: »De Doden Hebben Het Goed III« (Century Media) von Wiegedood. H: Wir müssen gerade einen Drainage-Graben gekreuzt haben – der Sound ist ja plötzlich furztrocken. Damit beschließen die Belgier ihre Trilogie über die glücklichen Toten, nicht wahr? F: Nur wenn Disney sie nicht einkauft und für Ostern eine Fortsetzung plant.

Wiegedood

De Doden Hebben Het Goed III

Release: 20.04.2018

℗ 2018 Century Media Records Ltd., under exclusive license from Wiegedood

Apropos Disney und Furz: Metallica veröffentlichen ihre legendäre Garagen-EP »The $5.98 EP – Garage Days Re-Revisited« (Mercury) noch mal neu. Remastert. H: War die EP nicht mal dazu da, um zu sagen: Du kriegst die Jungens aus der Garage, aber nicht die Garage aus den Jungens? F: Die Garage ist auch noch in den Burschen, nur ist sie mittlerweile eben mit Roadstern und Minivans gefüllt. H: Aber deswegen direkt die Garage derart aufräumen, sodass man vom Boden essen kann?

Metallica

The $5.98 EP - Garage Days Re-Revisited (Remastered)

Release: 24.08.1987

℗ 2018 Blackened Recordings, under exclusive license to Universal International Music BV

Tsts, leg mal lieber »Knee-Deep In The Dead« (Violent Creek) von Traitor auf, das ist lupenreiner Oldschool-Thrash. F: Die haben sich in der alten Garage von Metallica eingemietet. Das Riffing atmet für mich schwer »Kill Em All«, nur der Sänger bellt mehr im Stakkato darüber. H: Also, dafür müsste ich der Band noch einen Sack Hall spendieren und einen guten Haufen Venom-Räude darüber kübeln. Nix gegen diesen Traitor-Sound, aber die »Kill Em All« rumpelt da doch um einiges mehr. Dennoch: In Sachen Tightness, High-Speed-Riffing und Bay-Area-Attitüde hat die Band einiges auf dem Kasten. Und das, obwohl die aus’m Ländle kommen!

Traitor

Knee-Deep in the Dead

Release: 27.04.2018

℗ 2018 Traitor

F: Was in den letzten Jahren an jungen heimischen Thrash-Pflänzchen aus dem Boden gewachsen ist, beeindruckt ungemein und führt die internationale Szene eher an, anstatt nur auf demselben Level zu stehen. Die aktuellen Thronanwärter kommen direkt hier aus Köln: Pripjat. H: Ah, die »Chain Reaction« (Noiseart), die du schon seit Wochen abfeierst? Bemerkenswerte Band. Der Sänger hat eine ähnlich dringlich aufpeitschende Attitüde wie Bobby Blitz. F: Kannst auch gleich Mille mit in den Topf der Offensichtlichkeiten werfen. Das hier ist perfekter 1980er-Thrash, aber eben nicht die überzogene, comichafte Variante mit viel Bier und Augenzwinkern. Das Quartett um die beiden Kiewer Eugen Lyubavskyy und Kirill Gromada ist hörbar sauer, und das zu Recht. Der Bandname ist der nach der Tschernobyl-Katastrophe zur Geisterstadt verkommenen ukrainischen Stadt entlehnt, und das zeigt schon zu Beginn, dass hier keine ironischen Brüche für ein Neo-Thrash-Revival bedient werden. H: Der Cliffhanger aus der letzten Kolumne war absolut berechtigt: was für ein nukleares Riffgewitter, dazu extreme Aggression. Hach, da werden Erinnerungen wach! F: Erinnerung und Wut.

Pripjat

Chain Reaction

Release: 27.04.2018

℗ 2018 NoiseArt Records & Merchandising GmbH