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Eine fixe Idee

Zeal & Ardor - Verrat am Metal

Zeal & Ardor ist eine fixe Idee, die die Welt im Sturm erobert hat. Während Black Metal und Black Music sich bisher ausgeschlossen haben, hat Manuel Gagneux gezeigt, dass diese Verbindung nicht nur möglich ist, sondern sogar begeistern kann – und allen Hatern zum Trotz aus tiefstem Herzen Metal bleibt. Carsten Schumacher traf Manuel zum Interview im Intro-Headquarter.

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Die Welt ist voller Trolle. Zuerst fragte der Basler Musiker Manuel Gagneux das nicht gerade wegen seiner Galanterie bekannte Internet-Forum 4Chan, welche Musikgenres man in einer »Bastardisation« (O-Ton) verbinden solle. Zu dieser Zeit nannte er sich noch Birdmask und spielte eine Art Chamber Pop. Die Antwort – und damit sein selbst verordneter Arbeitsauftrag: »Black Metal und Nigger-Musik.« Jetzt, wo die ungewöhnliche Verbindung bereits zum zweiten Mal auf Albumlänge geglückt ist, schallt es aus dem Internet: »Du scheiß Neger hast unsere Musik geklaut!« Ach, dieses Internet, es besitzt an einigen Stellen weder Kinderstube noch Tiefgang. Gerechtigkeit schon gar nicht.

Denn zunächst war es ja der Rock’n’Roll, der alles dem Blues geklaut hat. Über Hardrock und Metal bei Black Metal angekommen, war davon allerdings kaum noch was übrig. Gagneux hat in seinem Mix eigentlich nur aufgefüllt, was verloren gegangen war. Das ist kein Verrat am Metal, höchstens Korrektur.

Tatsächlich war alles nämlich ganz anders als von den Trollen angenommen: »Ich hör Metal, seit ich 14 bin«, erklärt der eher schüchterne Sänger und Gitarrist, »aber was ich mir aneignen musste, war das Bluesige.« Und seine Metal-Sozialisation war zudem noch mehr als klassisch, denn am Anfang stand mit Iron Maiden eine ikonische Band (»Ich hab ›The Trooper‹ gehört und gedacht: Das ist das Beste, was je passiert ist«). Dann kam er irgendwie mit der Krefelder Band Japanische Kampfhörspiele (»eine meiner Lieblingsbands«) zum Grindcore, darauf folgte mit Naglfar, Necrophagist, Illnath, Darkthrone der Black Metal.

Und natürlich ist es nicht so, dass seine »Bastardisation« nicht auf breite Gegenliebe stieße. Manch Metal-Fan war schier begeistert und hatte schon, bevor es das Projekt gab, Fantasien davon auf der Bühne. Sklaven in Ketten und Kutten oder ähnlichen Mummenschanz, der im Metal begeistert, doch genau da geben sich Zeal & Ardor als Live-Band betont nüchtern: »Bei uns ist es so, dass wir drei Leute haben, die das Publikum anschreien. Und wegen des Call & Response hat es etwas Intrinsisches, dass das Publikum mitmachen will. Und wenn man sich über Showelemente distanziert, verspielt man diesen Bonus«, erklärt Gagneux. Er wolle seiner Musik nicht das Ernsthafte rauben.

An anderer Stelle wälzt er sich dann in Metal-Kernkompetenz: »Ich finde das Okkulte faszinierend, und da ich mit dem Black Metal etwas Narrenfreiheit hab, dachte ich, recherchier ich doch ein bisschen ...« Gefunden hat er bei seinem Anlauf zum zweiten Album »Stranger Fruit« eine Art »Annex der Bibel, der etwas verhuscht wurde, den kleinen Schlüssel Salomons« namens »Goetia« und eine afrikanische Mythologie/Naturreligion namens Yoruba. In der »Goetia« werden Dämonen beschrieben. Was sie können, wie man sie beschwört und wie viele Sklaven sie haben. Beim Thema Yoruba war er eher von den Ritualen angetan. »Was ich daran faszinierend fand: Es gibt verschiedene Götter, und wenn du geboren wirst, wird dir ein Gott zugewiesen. Und dann gibt es diese Séancen, wo Musik spielt, und du wirst von diesem Gott besessen. Du benimmst dich wie dieser Gott, und wenn du beispielsweise jemanden umbringst, warst nicht du das, sondern der Gott. Das heißt, solange du besessen bist, bleibst du selber unschuldig. Und den Gedanken, dass Musik dich von deinen Sünden freispricht, fand ich interessant.«

So flossen also auch diese Themen in das Konzept »Was wäre, wenn sich die Sklaven der neuen Welt statt Gott dem Satan zugewandt hätten?« ein und zwar sowohl textlich wie musikalisch. »Die ›Goetia‹ ist mit den verschiedenen Dämonen fast in jedem Song enthalten, und von den Yoruba-Sachen hab ich einfach ein paar Melodien geklaut. Um sie zu finden, müsste man sie kennen, aber ich verrate jetzt nicht, wo die auftauchen.«

Das Spiel mit Annexion und Diffusion hat auch im Metal Tradition – und zwar nicht nur musikalisch. Oberflächlich spielen sich alle Geschichten im Themenkreis und Spielfeld eskapistischer Figuren und Konzepte ab, von Fantasy über History bis hin zu Satan in allen Erscheinungsformen. Doch hinter dem blumigen Storytelling und den wuchtigen Konzepten ankert des Pudels Kern bei guten Textern immer auch im Hier und Jetzt. »Also beim Song ›Servants‹ ist man sich beispielsweise nicht sicher, ob er sich auf einen wörtlichen Aufruf zum Sklavenaufstand oder auf die heutige Marktwirtschaft bezieht.«

Wer so smart im Metal aufschlägt, erregt schnell Interesse: Als der Veranstalter des Roadburn Festivals bei Gagneux anfragte, mussten Zeal & Ardor erst mal vom Studio-Projekt zur Live-Band werden. Als die sechs Musiker von der BBC zu einer Session eingeladen wurden, war langsam klar, dass das hier über ein paar Gigs hinausgehen könnte. Mittlerweile hat die Band richtig viel zu tun.

Reaktionen aus dem Bereich der Black Music gibt es nur wenige. Auf der ersten kleinen US-Tour traf Gagneux aber einen Reverend, der ihm sagte, dass diese Musik zwar nicht seine sei, aber er spüre dennoch die Spiritualität, und diese Spiritualität sei positiv. Den Blues Brothers würde das reichen, und auch Gagneux erzählt nicht ohne Stolz davon. Im Black Metal sind dagegen einige notorisch argwöhnisch, und das macht ihm etwas Sorgen, denn speziell auf Festivals laufe man sich ja über den Weg. »Ich hab so Schiss, wir spielen demnächst am selben Tag wie Ghaal«, meint er und grinst. Ein wenig echte Sorge spielt schon mit rein.

Auf dem zweiten Album »Stranger Fruit« hat Manuel Gagneux das Konzept noch um Soul-Anteile erweitert. Was danach kommt, weiß er nicht. Es gibt keinen Masterplan. »Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass es das jetzt war. Ich hab zwei Platten gemacht, und wenn jetzt keine guten Ideen mehr kommen, dann war’s das. Denn sobald es irgendwie erzwungen wirkt, zur Aufgabe oder Fleißarbeit wird, dann macht es keinen Sinn mehr.«

Wie heißt es so schön im Song »Verrat am Metal« von Japanische Kampfhörspiele: »Wenn Musik für sie zu einem ganz normalen Job verkäme / Den man erledigt ohne Lust«, genau dann würde Gagneux alles abbrechen und eben keinen Verrat begehen. Und genau deshalb sind die Schmähungen der Trolle Unfug, auch wenn sie teilweise erheitern: »Das Poetischste, was mich erreicht hat (und mein Problem ist, dass ich das sogar ziemlich cool finde), war, dass jemand geschrieben hat: ›Du bist das Slayer-Shirt im H&M.‹« Es mag sich poetisch anhören, aber es bleibt grober Unfug, denn die Musik von Zeal & Ardor kommt nicht von der Stange.