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Bittersüßer Geschmack

Young Fathers im Interview

Ihr Debüt »Dead« wurde mit dem renommierten Mercury Music Prize ausgezeichnet. Der Nachfolger »White Men Are Black Men Too« geriet zum Kritikerliebling. Nun kehren die Young Fathers nach einer Auszeit mit »Cocoa Sugar« zurück, das den experimentellen Sound der Schotten konsequent weiterführt. Sermin Usta traf Alloysious Massaquoi, Kayus Bankole und Graham »G« Hastings zum Gespräch über neue Perspektiven, alte Idole und hausgemachte Skandale.

Geschrieben am
Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt: Eine arbeitslose alleinerziehende Mutter, die zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird und keinen Babysitter findet, nimmt ihre zwei Kinder mit zu ihrem Termin. Die Kids warten während des Gesprächs geduldig in der brütenden Mittagshitze im Auto. Bald darauf bildet sich eine Traube um den Wagen, zwei Passanten rufen besorgt die Polizei, was später dazu führen wird, dass der jungen Frau die Kinder entzogen werden. »Zwei Blickwinkel, aber ein und dieselbe Sache«, erklärt mir Alloysious Massaquoi kopfschüttelnd. Sein Blick verrät sein überschäumendes Temperament. »Den der Mutter und den der Leute, die glaubten, die Kinder seien in Gefahr.« Ein überzogenes Szenario, das nicht in Edinburgh oder Berlin, sondern in einer südafrikanischen Kleinstadt im Urlaub des Young-Fathers-Sängers geschehen ist. »G« Hastings und Kayus Bankole sitzen neben ihrem Bandkollegen in einem Berliner Café und hören geduldig zu, den Blick auf den Boden gerichtet. Umgeben von Kreuzberger Kreativen, Cappuccino-Müttern und Touristenscharen, die Probleme wie diese vermutlich nicht kennen. Höchstens aus einer dieser TV-Shows mit Fremdscham-Faktor einhundert, wo geistig Verarmte gesucht, gefunden oder getauscht werden. Was diese Geschichte mit dem Trio selbst und seinem neuen Album »Cocoa Sugar« zu tun hat, wird mir erst im Laufe des Nachmittags einleuchten. Eins ist aber schon zu Beginn unseres Interviews klar: Diese drei sind selbstbewusst im Umgang mit ihren Überzeugungen, was auch auf ihrem neuen Album »Cocoa Sugar« deutlich heraussticht.

Mittelpunkt der neuen Songs ist der Versuch, die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Die Welt einmal mit den Augen eines anderen zu sehen und zu verstehen. Egal, ob Chauvinist, drittes Geschlecht oder alleinerziehende Mutter. Jener Perspektivismus eben, der die Young Fathers derzeit zu einer der ambivalentesten Bands des (noch) vereinten Königreichs macht. Kreativ betrachtet sensationeller als Massive Attack und Motown zusammen und stets mit dem Anspruch, den Zeitgeist zu bezwingen, halten sie auch mal an politisch fragwürdigen Standpunkten fest, bei denen es uns schwerfällt, ihre Perspektive einzunehmen. Mit der beiderseitigen Ansage, auch Unangenehmes ansprechen zu dürfen, gehen wir ins Gespräch.
Was hat es mit eurem Albumtitel »Cocoa Sugar« auf sich?
Alloysious Massaquoi: Es ist eine Anspielung auf den bittersüßen Geschmack, den das Leben an manchen Tagen hinterlässt. Es geht um eine Welt, die oft nicht fair und schon gar nicht perfekt ist, aber trotzdem extrem lebenswert.

Fast drei Jahre habt ihr nichts von euch hören lassen, mal abgesehen vom »T2«-Soundtrack und einem Feature mit Massive Attack. Wann in dieser Zeit sind eure neuen Songs entstanden?
Alloysious: Wir hatten einige der Ideen bereits auf Tour entwickelt und außerdem noch Sachen in Edinburgh liegen. Das meiste hat sich allerdings später ergeben, als wir zurück waren und gemeinsam gechillt haben.
G Hastings: Im Grunde haben wir uns das ganze letzte Jahr Zeit genommen, um musikalisch wieder etwas Neues zu machen, das wir selbst auch aufregend finden.

Was hat den Schreib- und Aufnahmeprozess angefeuert?
Alloysious: Drei Typen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Problemen, die sich treffen und Geschichten darüber erzählen, was sie gelesen oder erlebt haben. Im Grunde lief alles sehr organisch ab. Eher wie eine Art Selbsterfahrungstrip.
G: Als Künstler sollte man sich für ein größeres Spektrum an Themen und Blickwinkeln interessieren. Damit meine ich auch gesellschaftliche Probleme, die nicht so klar und linear zu beantworten sind, wie manch ein Popsong es vermuten lässt.

Mit der Zeile »What A Time To Be Alive« fragt ihr euch, ob es wirklich so toll ist, gerade jetzt auf der Welt zu sein. Das ist rhetorisch gemeint, ich weiß, aber habt ihr trotzdem mal versucht, diese Frage für euch zu beantworten?

Alloysious: Nun, es ist rhetorisch gemeint, weil es keine zufriedenstellende Antwort geben kann. Man kann die heutige Zeit positiv und negativ bewerten. Wichtig ist nur, dass man einen Weg findet, mit seinem Standpunkt verantwortungsvoll zu leben.
G: Außerdem hat es mit Sicherheit in jedem Zeitalter der Menschheitsgeschichte Leute gegeben, die das auch gedacht haben. Unsere sehr persönliche und ironische Interpretation kommt eher daher, dass wir teils frustriert darüber sind, wie egoistisch die Welt manchmal zu sein scheint. Gemeint sind Menschen, die sich ständig selbst optimieren müssen, immer mehr besitzen wollen und dabei nur an sich denken. »What a time to be alive« ist also eher ein bissiger Kommentar auf diesen radikalen Individualismus, der auch Schattenseiten hat.

Nietzsche sagte mal: »Das absolute Wissen führt zum Pessimismus. Die Kunst allein ist das Heilmittel dagegen.« Ihr scheint davon nicht überzeugt zu sein, denn in eurer Kunst geht es immer wieder um Themen wie Religionen, Hautfarbe, konstruierte Geschlechterrollen. Auch auf »Cocoa Sugar« lasst ihr keinen Konflikt unberührt.
Alloysious: Wo auch immer du hingehst: Liebe, Sex und Politik sind überall und für jeden Gesprächsthemen, nicht nur für uns.
G: Es sind Themen, die uns bewegen. Auch wenn ich weiß, dass ich mir den Weltfrieden noch so sehr wünsche, er wird deswegen nicht schneller kommen. Wir können nur hoffen, dass die, die nach uns kommen, es besser machen werden.

Glaubt ihr, ihr könntet als Künstler irgendwie Einfluss nehmen?
G: Es geht nicht immer darum, etwas zu verändern. Manchmal wollen wir uns einfach nur ausdrücken, zeigen, wie wir denken, was uns aufrüttelt. Wir wollen als Popband verstanden werden, die Musik macht und nicht die Welt verändert.
Kayus Bankole: Für mich persönlich wäre es auch eine zu große Bürde, ständig positiven Einfluss auf andere zu haben. Was nicht heißt, dass ich nicht will, dass Gutes passiert. Nur ist unsere Musik nicht der richtige Ort dafür. Denn seien wir ehrlich: Die meiste Zeit würden wir gegen einen Strom aus Scheiße anschwimmen, in dem es extrem hart ist, vorwärtszukommen.

Euch verbindet eine enge Freundschaft mit Massive Attack, die euch auch musikalisch geprägt haben. Habt ihr auf der gemeinsamen Tour viel von ihnen gelernt?
Alloysious: Es ist schwer, ihren Einfluss an bestimmten Punkten festzumachen. Sie haben uns gezeigt, wie man eine Karriere managt. Damit meine ich nichts Organisatorisches, denn das haben wir besser im Blick. Eher, dass man sich nicht anpassen muss und trotzdem erfolgreich sein kann. Noch heute entwickeln sie sich in ihren Möglichkeiten weiter, probieren Neues aus, ohne sich dem Zeitgeist zu unterwerfen. Das ist inspirierend. Der Mensch braucht Vorbilder wie diese, die einem zeigen, dass es in Ordnung ist, man selbst zu sein.
G: Sie haben uns keine Ratschläge erteilt. Die Jungs sind ganz normale, nette Typen wie du und ich, die eine wahnsinnige Kraft und Leidenschaft in ihre Arbeit stecken. Ihnen zuzusehen, wie sie das machen und wie verbunden sie miteinander sind, reicht schon aus, um etwas Wichtiges fürs Leben mitzunehmen.
Kayus: Davon mal abgesehen haben sie diesen bestimmten Sound, den sie selbst geprägt haben. Genau das wollen wir auch. Nicht klingen wie andere, sondern etwas Neues schaffen.

Seht ihr euch als kreative Hardliner?
Alloysious: Als Hardliner würde ich uns nicht bezeichnen, denn dann würden wir die Dinge nur Schwarz-Weiß sehen und könnten keine Kompromisse eingehen. Wir haben das Glück, etwas experimenteller und mutiger als andere sein zu können, keine Hilfe zu benötigen und trotzdem viele Menschen zu erreichen.
G: Manchmal verstehen wir erst, was wir getan haben, wenn wir in einem Interview sitzen und unsere Musik besprechen müssen, so wie jetzt. Wenn du im Studio sitzt, machst du dir über all diese Dinge keine Gedanken. Entweder es klingt gut und hat eine gewisse Relevanz oder nicht.

Wie bemisst sich die Relevanz eines neuen Albums?
Kayus: Manchmal sitzt du im Studio, bastelst an einem Song, und plötzlich überkommt dich eine Art Euphorie, und du fängst an zu tanzen. Dann weißt du: Dieser Song hat Potenzial. Ein anderes Mal entfaltet ein Track erst live vor Publikum seine Wirkung. Das passiert häufig bei eher düsteren Stücken, zu denen die Leute plötzlich zu tanzen beginnen. Nur so bekommen unsere Lieder auch für uns eine andere Bedeutung und Tiefe.

Ihr sagt, innerhalb der Band sei es einfach, Kompromisse einzugehen. Gibt es denn überhaupt Gründe, die zum Streit führen?
Kayus: Wir streiten oder diskutieren ständig über irgendwelche Dinge.
G: Aber es ist ja nichts Schlimmes daran, Konflikte gehören zum Leben dazu. Es darf nur nicht darum gehen, wer von uns den Streit gewinnt, sondern wie wir ihn inhaltlich zu Ende führen. Das bedeutet, unsere Meinungen sollten koexistieren dürfen.
Alloysious: Manchmal hat das eigene Ego eben mal Pause. Erst recht, wenn es zu einem besseren Ergebnis führt. Spätestens dann muss man bereit für einen Kompromiss sein.

Lasst uns über eure zweite Single »In My View« sprechen. Worum geht es in dem Song?
Kayus: Wir glauben, dass vieles im Leben eine Sache der Perspektive ist.
Alloysious: Deshalb lassen wir in den Geschichten mehrere Charaktere ineinanderfließen. Es geht um verschiedene Ängste, Gedanken und Sorgen. Und um diese zu verstehen, muss der Kontext um sie herum klar sein – er ist der Schlüssel zum Verständnis.
Nun, es ist vielleicht keine Sache der Perspektive, aber ein Thema, zu dem es unterschiedliche Positionen gibt: Eure Unterstützung des BDS hat hierzulande für viel Gesprächsstoff gesorgt. Den Staat Israel wirtschaftlich und kulturell zu isolieren – also keine Konzerte mehr zu spielen, keine Reisen mehr dorthin zu machen – kann aus der Sicht eines Palästinensers in Gaza als Heldentat verstanden werden, aber aus Sicht eines Israelis in Tel Aviv, der nichts für die Politik seines Landes kann, muss es sich anfühlen wie ein Schlag ins Gesicht. Denkt ihr, dass ein Kulturboykott der richtige Weg ist, um eine Lösung in einem jahrzehntelangen Konflikt herbeizuführen?
G: Manche Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Die Boykott-Bewegung in Palästina ist so eine. Wir haben uns dazu entschieden, sie zu unterstützten, weil wir der aktuellen israelischen Regierung kritisch gegenüberstehen und den Menschen in Palästina eine Stimme geben wollen. Die momentane Situation und die Ausgangslage in Palästina und Israel sind historisch gesehen mit wenig vergleichbar. Allerhöchstens vielleicht mit der Zeit der Apartheid in Südafrika, wo Menschen ebenfalls grundlos unterdrückt wurden. Für uns ist es wichtig, dass wir einen gewaltvollen Konflikt friedlich angehen.
Alloysious: Für uns Außenstehende gibt es nicht viel, was wir machen können, um zu helfen und ein Bewusstsein für die Lage der Menschen dort zu schaffen. Wir wollen mit unserer Unterstützung und mit unserer Musik einen Dialog ermöglichen.
G: Und dafür nehmen wir momentan einiges in Kauf, denn diese Entscheidung hat unserer Karriere sicher nicht geholfen. Worüber unser Umfeld geradezu besorgt ist. Aber wir sprechen offen drüber.

Man kann die Kampagne zweifellos als antisemitisch bezeichnen, auch wenn nicht alle Unterstützer Antisemiten sind, so wie ihr. Hierzulande ist man aber dennoch schockiert darüber, wie weit eure Solidarisierung geht. Als ihr dem Berliner Pop-Kultur-Festival eure Teilnahme aufgrund einer Reisebezuschussung kurzfristig abgesagt habt, war ich irritiert.
G: Für uns als Band ist es ein ständiger Konflikt, wo wir die Linie ziehen, wie wir uns zu Dingen positionieren und sie bewerten. Das ist uns in diesem Fall sicher nicht leicht gefallen.
Alloysious: Was wir fordern, ist doch nur menschlich. Man darf die Dinge nicht nur Schwarz-Weiß sehen, schließlich ist der Nahost-Konflikt ein solch komplexes Thema, das kann man nicht mit einem Interview oder einer Boykott-Initiative lösen. Aber wir sind Individuen und nicht nur eine Band. Außerhalb der Gruppe müssen wir schauen, ob wir gewisse Dinge mit unserem Gewissen vereinen können. Wir haben uns gefragt: Wollen wir auf dieses Festival gehen? Ein Festival, das Künstler verschiedener Kulturen, geprägt von unterschiedlichen Konflikten, zusammenbringen möchte, aber keinerlei Dialog organisiert, kein Panel, nichts. Nur dabei zu sein und zu hoffen, dass die Leute sich für dieses Thema zufällig sensibilisieren, reicht uns nicht aus. Ich möchte den Besuchern nicht unterstellen, ein Teil des Ganzen zu sein, schließlich wollten sie einfach ihren Spaß haben, auf einem großartigen Festival.
G: Außerdem ging es damals um mehr als nur das Sponsoring. Wir fanden auch den Umgang mit dem Thema nicht gut. Uns wurde ein Poster mit allen Logos außer dem der israelischen Botschaft vorgelegt. Offensichtlich wusste der Promoter, dass dies ein sensibles Thema ist. Wenn du ein multikulturelles Festival machen möchtest und Bands aus dem Mittleren und Nahen Osten einlädst, solltest du auch in der Lage sein, diesen Konflikt angemessen zu thematisieren. Damit meine ich, dass den Künstlerinnen und Künstlern beider Seiten die Chance gegeben wird, ihre Geschichten zu erzählen. Ich meine, was geht ab auf beiden Seiten? Was bedeutet dieser Zustand für die einzelnen Musiker? Das wäre ein echter Dialog und einem Kulturfestival angemessen. Die Besucher würden Informationen aus erster Hand bekommen, und die Acts, die es tagtäglich betrifft, könnten ihre Lösungsansätze vortragen. Aber ohne diesen offenen Dialog kommen wir einer friedlichen Lösung keinen Schritt näher.

Aber ein Boykott ist doch kein offener Dialog. Und habt ihr denn im Vorfeld um Panels zu diesem Thema gebeten, oder wurde dies erst ein Thema, als ihr das Logo gesehen habt? Denn nun werfen euch Kritiker vor, dass eure einseitige Parteinahme antisemitische Stereotype reaktiviere.
G: Für uns, die wir nun hier in Berlin sind und gefragt werden, ob wir Antisemiten seien, ist das einfach unglaublich unverständlich und hart. Diese Behauptung ist widersprüchlich zu allem, wofür wir als Band stehen. Sind denn die Teile der jüdischen Community und die Israelis, die die Boykott-Bewegung von Anfang an unterstützt haben, etwa auch antisemitisch? Für uns ist es verdammt schmerzhaft, diese Meinungen über uns zu hören. Das ist ein friedlicher Protest, der keine Menschenleben fordert. Ich wünsche mir, dass die Leute zumindest versuchen, unsere Haltung zu diesem Thema zu verstehen, oder uns direkt drauf ansprechen, so wie du es getan hast. Wir sind keine Antisemiten. Kritik an einer Regierung bedeutet nicht Kritik an einem Volk oder an einer Religionsgemeinschaft. Wenn ich den Brexit und damit auch das britische Parlament und die Regierung kritisiere, stelle ich ja auch nicht das Christentum in Frage. Es geht um eine bestimmte Politik, die jeden Tag Menschenleben fordert und die nicht auf eine friedliche Lösung des Problems aus ist.
Kayus: Es ist ein komplexes Thema, bei dem es viele Sichtweisen und Meinungen gibt. Wir können ausschließlich das tun, was wir gemeinsam oder getrennt voneinander als richtig und menschlich erachten.

Young Fathers

Cocoa Sugar

Release: 09.03.2018

℗ 2018 Ninja Tune

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