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Im Interview: Der Gospel des neuen Millenniums

Yo! Majesty

HipHop war gestern findet Thomas Venker. Neue Zeiten schreien nach einem neuen Sound. Und Yo! Majesty sind aus den Ghettos von Tampa, Florida ausgebrochen, um ihn uns zu liefern.
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HipHop war gestern. Neue Zeiten schreien nach einem neuen Sound. Und Yo! Majesty sind aus den Ghettos von Tampa, Florida ausgebrochen, um ihn uns zu liefern. Sie sind gläubig. Sie sind Lesben. Sie sind wortgewaltig. Sie sind Yo! Majesty. Und wenn Jwl und Shunda K erst mal in Flow sind, dann sind keine Fragen mehr nötig - weiß Thomas Venker zu berichten. Foto: James Looker.

Sprachlosigkeit steht einem Journalisten ziemlich schlecht. Aber es ist ja auch gar nicht so, dass ich nichts zu sagen hätte, nein, das Problem ist ein anderes: Ich komme schlichtweg nicht zum Zug. Zuerst fehlt immerzu etwas: was zu trinken, eine Toilette, die Tasche. Und als Jwl (Kurzform für Jewel) und Shunda K, die gemeinsam mit David Alexander den Kern von Yo! Majesty bilden, nach einer mehr als einstündigen Schnitzeljagd über das Sonar-by-day-Gelände dann endlich mit mir in einer Ecke des Pressebereichs sitzen, wollen sie mich einfach nicht zu Wort kommen lassen.

Die beiden Rapperinnen haben schon genug mit sich selbst zu tun: Battle ist noch zu schwach als Wort, um das Geschiebe und Gedrücke zu beschreiben, mit dem eine jede ihr Recht zu sprechen einzuklagen versucht. Wobei Shunda meist gewinnt. Nicht, da sie die Kräftigere ist, sondern eben die Wortgewandtere. Sie zieht ganz offensichtlich die Strippen in der Band und weiß deswegen allzu gut, dass sie Jwl ebenfalls Momente zugestehen muss, denn sonst knallt es. Kommt sie zum Zug, schenkt Jwl ihr dafür, quasi als Dankeschön, ein so was von unanständiges Lachen und klatscht dazu wie einst Wesley Willis in die Hände, dass man beide nur knuddeln will.

Live läuft es nach dem gleichen Schema ab: Shunda kommuniziert direkt und klar mit dem Publikum, Jwl ist die Wildere, stolpert geradezu über die Bühne und bellt dabei ungestüm ihre Raps raus. Wenn sie sich dann noch auszieht, ist dies nicht nur ein letzter prägnanter Showmoment, sondern eben deutlich mehr: ein explizites "fuck you" an all die männlichen Kollegen, die oben ohne auf der Bühne rumposen. Mit grenzenloser Leidenschaft nimmt sie sich, was jeder Frau zusteht: das gleiche Recht. "50 Cent tritt doch auch ohne Shirt auf - und wer will mich daran hindern?" schreit sie, darauf angesprochen, heraus. "Warum sollte ich es also nicht dürfen?" Und Shunda merkt nicht ohne Stolz an, dass sie über "Grenzen gehen, über die wenige bislang gegangen sind, vor allem keine schwarzen Frauen."

Die beiden wissen, was sie draufhaben, und unterstreichen das in einem fort mit sich selbst abfeiernden Statements wie "We kill this shit, man" oder "We are like some broadway shit, man", wenn sie nicht gerade, und da dürfte das Kiffen seinen Einfluss haben - anderen Drogen wie Crack haben sie längst abgeschworen, denn, so Shunda: "Das Leben ist ein Geschenk von Gott. Du hast es in der Hand, was du daraus machst. Ich rauche auch nicht mehr so viel Marihuana, ich trinke nicht mehr so viel wie früher, denn ich bringe heute eine Message an die Leute, da muss ich mich konzentrieren" -, in eine Werbeschleife für die kurz nach dem Interview erscheinende EP verfallen: "We got an EP coming out. It's coming worldwide, digital online and on vinyl for the DJs."

Das richtige Stichwort dazwischengeworfen, sind sie aber schnell wieder back on the tracks. So erfahre ich auf die Frage nach Einflüssen und Traditionen zunächst von Shunda, dass ihre Musik "keiner Tradition entstammt, sondern direkt aus unseren Herzen kommt. Du kannst sie keinem Genre zuordnen. Wir sind jedes Genre. Wir sind kein Rap. Wir sind auch keine Lesben-Organisation. Wir sind einfach nur Yo! Majesty." Trotzdem fallen im Anschluss Namen wie Tina Turner, Ozzie Osbourne, Erykah Badu, OutKast, Dr. Dre und Snoop Doggy Dogg als von ihnen geschätzte MusikerInnen. Nun, zumindest teilweise ebneten diese den Weg auf jenes Terrain, auf dem Yo! Majesty textlich agieren.

Video: Yo! Majesty - "Club Action"




Tipper Gore, die Frau des ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore, die in den 80ern mit ihrer Lobbyorganisation durchgesetzt hat, dass auf HipHop-Alben mit expliziten Texten "Parental Advisory"-Aufkleber angebracht werden müssen, dürfte ihre wahre Freude an ihnen haben. Hört man die bisherigen Singles sowie das Debütalbum "Futuristically Speaking ... Never be Afraid", so fällt schnell die hohe Dichte an extrem deutlicher Sprache auf. In "Monkey" rufen Yo! Majesty beispielsweise die weiblichen Fans zur Selbstbefriedigung auf: "I'm sayin' to the ladies, put you hands between your tights and rub on your monkey." Ja, in ihrer Welt geht es direkt zur Sache - aber nicht ohne Humor, so heißt es an anderer Stelle: "Have you ever had an orgasm when you're pissed?" Weitere Parental-Songs sind "Sex Education Song", "Sex On The Beach" oder "Kryptonite Pussy". Hier fließen die Raps noch dirty wie einst bei der 2 Live Crew - bloß mit dem wichtigen Unterschied, dass es Frauen sind, die hier die Ansage machen.

Auffällig ist dabei die große Spannbreite des Rapduktus', der von ganz schnell bis zäh fließend reicht, immer gestützt vom pumpenden Electro-HipHop-Sound, den David Alexander und sein Kumpel Stanley (mit dem er als Hard Feelings schon länger als Produzententeam agiert) ihnen auf den Leib geschustert haben. Dieses HipHop-Update bouncet kräftig, nicht zuletzt, da neben Miami-Bass-Einflüssen auch Punkrock seine Spuren hinterlassen hat. Oder nennen wir es doch gleich Riot-Grrrls-Rock, einfach, da es inhaltlich so gut passt.

Lasst uns deswegen auch über das reden, was hinter all den deutlichen Worten und angerissenen Handlungen steht: die feministische Bedeutung. Zwar betont Shunda, dass sie keine Feministinnen seien - aber diesen Reflex kennt man mittlerweile ja. Wobei die Frage erlaubt sein muss, was an diesem Etikett denn bitteschön so negativ ist. Ja, klar, wir alle wollen, dass all das, wofür der Feminismus einsteht, eine Selbstverständlichkeit ist; solange wir da aber noch nicht angekommen sind, machen Bekenntnisse doch Sinn. Zumal die Abwehrhaltung von der gelebten Haltung und Botschaft doch sowieso negiert wird. Jwl: "Nach den Shows kommen all diese Frauen zu mir und bedanken sich für die Inspiration, die ich für sie bedeute. Sie sagen, dass ich eine starke Feministin bin. Durch Yo! Majesty habe ich erst bemerkt, was es mir bedeutet, eine Frau zu sein. Es ist wunderschön. Ich habe mich nie als Feministin gefühlt, nicht als starke Frau, aber jetzt bin ich, auch durch das Feedback, zu einem Role-Model geworden für andere Frauen. Durch die Art, wie ich mich anziehe und wie ich performe und rede. Man selbst sein zu können ist das Größte, was man erreichen kann. Nicht Geld. Ich danke Gott dafür, auch wenn ich es ohne meine Pussy leichter gehabt hätte."

Gott, da ist er wieder. Und er ist nie lange weg, wenn man mit den beiden spricht. Auf den Konzerten kann man es oft hören: "We believe in God." Und im Interview taucht er ebenfalls fast nach jeder Aussage auf. Dass das, was sie mit ihm verbindet, tiefer geht, merkt man an der Genauigkeit, mit der Shunda spricht: "Wir sind keine Christinnen, wir sind Gläubige. Wir sprechen allerdings nicht davon, dass man an Gott glauben sollte, unsere Musik geht viel weiter: Sie gibt dir ein Gefühl von ihm. Ja, okay, wir sprechen da manchmal in Interviews drüber, aber am Ende geht es um Gefühle, nicht um Worte. Unsere Musik ist wie ein Gospel. Dank ihm wirst du dich besser fühlen. Er macht etwas aus dir. Die Musik hat uns Rückgrat gegeben, Selbstbewusstsein." Das Schlusswort hat Jwl: "Die Bibel ist und bleibt die Bibel - aber wir alle haben am Ende unseres Lebens eine Geschichte zu erzählen. Das ist es, was wir mit Yo! Majesty machen. Unsere Musik ist der Gospel des neuen Millenniums."