×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Roboter mit Genderfragen

Years & Years im Interview

Die Zukunft ist düster, zumindest könnte man das angesichts der vielen dystopischen Geschichten in Film und Literatur glauben. Auch Years & Years haben eine Vorstellung davon, wie das Leben späterer Generationen aussehen könnte. Auf ihrem zweiten Album »Palo Santo« beschreiben sie eine recht gruselige Welt – die aber nicht durchweg negativ ist, wie ein aufgedrehter Olly Alexander Julia Brummert beim Interview in Berlin erzählte.

Geschrieben am

»Etwas Drama, etwas Sehnsucht und ein wirklich großer Refrain« – so listet Olly Alexander seine Zutaten für den perfekten Popsong auf und ruft: »Wenn der Refrain einsetzt, muss dein Herz explodieren!« Die ganz perfekte Formel habe er jedoch noch nicht endgültig gefunden, behauptet er. Die Verkaufszahlen des Debütalbums seiner Band Years & Years erzählen allerdings etwas anderes. Ihr Debüt »Communion« wurde weltweit über eine Million Mal verkauft, die Band stand 2015 an der Spitze der Newcomerliste der BBC, und als wir sie zu unserer Introducing-Reihe einluden, standen die Fans bei beiden Konzerten in Köln und Berlin bis um die nächste Straßenecke Schlange. Später spielten Years & Years dann auch vor 12.000 Menschen in der Wembley-Arena in London. Ganz so bescheiden braucht Olly also nicht zu sein.

Dass Years & Years so beliebt sind, liegt aber sicherlich nicht nur an ihren lupenreinen, eingängigen Popsongs, sondern auch an Ollys strahlender Persönlichkeit. Vor allem bei jungen Menschen ist seine extrovertierte und verspielte Art beliebt. Außerdem – und das ist vielleicht viel wichtiger als die Tatsache, dass er ein sympathischer Typ ist – bringt er Themen auf den Tisch, die sonst gern totgeschwiegen werden. Er spricht offen über seine Homosexualität, schreibt Liebeslieder, in denen es um die Beziehung zwischen zwei Männern geht; und auch, dass Olly mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, ist kein Geheimnis: »Als ich noch jünger war, habe ich immer davon geträumt, ein berühmter Musiker zu sein, und dachte, dass ich mich besser fühlen könnte, wenn ich endlich erfolgreich wäre. Ich musste dann aber feststellen, dass das so einfach nicht funktioniert«, erklärt er. »Diese Unsicherheit, die schlechten Erfahrungen, all das trägt man sein ganzes Leben lang mit sich herum. Ich muss weiterhin Medikamente nehmen und gehe zur Therapie, habe aber deutlich weniger Angstzustände als früher. Es ist ein andauernder Prozess.« Mit der großen Reichweite geht große Verantwortung einher. Olly ist sich darüber im Klaren: »Dass mir so viele Menschen zuhören, ist ein Privileg. Nur wenige haben die Chance, von so vielen gehört zu werden. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ehrlich zu sein.«

 

eben den sehr ernsten gesellschaftlichen Themen haben Years & Years aber auch ein Herz für alles Mystische und Magische. Das drückt sich besonders auf dem neuen Album aus. »Palo Santo« ist eine Zukunftsvision. Die Erde ist von Androiden bevölkert, die die wenigen noch lebenden Menschen zu Unterhaltungszwecken einsammeln. Ollys Idee passt gut zu den vielen anderen dystopischen Geschichten, die gerade hoch im Kurs stehen. »Wahrscheinlich habe ich die Welt, in der wir jetzt gerade leben, irgendwie satt, also habe ich meine eigene geschaffen, die aber das, was in unserer realen Welt passiert, ein wenig reflektiert«, versucht er zu erklären. »Für ›Palo Santo‹ habe ich überlegt, wie eine Androiden-Gesellschaft mit den Themen, mit denen ich mich oft befasse, umgehen würde. Was ist eine Androiden-Sexualität, was bedeutet Gender für sie? Haben sie Gedanken oder Gefühle? Wollen sie sich verlieben? Ich bin besessen von Technologie und finde spannend, wie sie uns über unsere eigene Menschlichkeit nachdenken lässt. Was macht uns zu Menschen?« »Palo Santo« zeigt eine Welt irgendwo zwischen »Blade Runner« und dem Capitol der »Hunger Games« – und auch wenn Olly noch so fröhlich über »Palo Santo« plaudert und sich alles noch so bunt ausmalt, wirklich nett sieht seine Vision der Zukunft nicht aus. Eher gruselig.

Um solche Zustände in der Realität zu verhindern, braucht es großes Engagement. Years & Years bemühen sich sehr: Olly trägt zum Interview und Shooting ein T-Shirt einer befreundeten LGBTQI*-Organisation aus New York und ist mit seinen Songs auf einem guten Weg. Sein Ziel ist, Gleichberechtigung für alle zu schaffen. Das Aufbrechen von Männlichkeitsklischees in seinen Songs und Videos ist der eine Weg. Da aber nicht jeder ein Popstar ist, müssen wir andere Wege finden, sagt er: »Wir leben in einer Zeit, in der die sozialen Medien helfen können, das Feuer für politische Bewegungen zu entfachen. Schau dir die #MeToo-Bewegung an, die über die sozialen Netzwerke um die ganze Welt gegangen ist!« Seine Leidenschaft für diese Themen ist entfacht; hat man den Schalter einmal umgelegt, gibt es kein Halten mehr: »Jeder Mensch hat die Aufgabe, ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Gleichheit erst dann Wirklichkeit ist, wenn jeder Mensch gleich ist. Es reicht nicht, dass homosexuelle Menschen heiraten dürfen oder andere neue Privilegien bekommen. Alle Menschen müssen die gleichen Rechte haben. Um das zu schaffen, gibt es Tausende Möglichkeiten. Man kann sich an seine Regierung wenden und sie in die Verantwortung ziehen. Ich finde es außerdem wichtig, dass in Schulen LGBTQI*-Themen im Sexualkundeunterricht behandelt werden.« Wichtig sei vor allem aber auch, endlich nicht mehr den Mund zu halten, wenn uns Ungleichheit auffällt: »In der Vergangenheit waren viele Menschen zufrieden damit, einfach still zu bleiben. Aber ich glaube nicht, dass das heute noch akzeptabel ist.«

Olly ist alles andere als still. Er wirbelt mit den Armen, spricht leidenschaftlich und laut über Themen, die ihm wichtig sind. Ganz so, als würde gleich sein Herz explodieren – wie bei einem richtig guten Refrain.

Folgt uns auf

  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr