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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

The Air Force

Xiu Xiu

Typisch Xiu Xiu: Man hört das erste Stück und fragt sich, wie um Himmels willen man etwas beschreiben soll, das dermaßen unbestimmbar ist. Es fängt mit einem melancholischen Piano-Tune an, nach zehn Sekunden prescht da ein übersteuerter Beat rein (huch), Gongs, eine Sägezahnorgel, plötzlich Stille,
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Typisch Xiu Xiu: Man hört das erste Stück und fragt sich, wie um Himmels willen man etwas beschreiben soll, das dermaßen unbestimmbar ist. Es fängt mit einem melancholischen Piano-Tune an, nach zehn Sekunden prescht da ein übersteuerter Beat rein (huch), Gongs, eine Sägezahnorgel, plötzlich Stille, wieder das Piano (aha), dann ein schiefer Frauenchor, Schreifetzen (!?), und endet dann genauso unvermittelt wie alles andere mit niedlichen Chimes-Klängen. Und so ähnlich geht es weiter: absolut unberechenbar. Das ist das Tolle an Xiu Xiu. Diese immer neuen Zickzack-Bewegungen zwischen Niedlichkeit und Horror, ohne endgültig fassbar zu sein. Die Texte sind so, der Sound auch, selbst die verwendeten Instrumente sind genauso Kinderzimmer- wie Gruselkabinett-kompatibel. Und wenn Jamie Stewart singt: „your acne is like a pearl“, dann ist es beides zugleich. So weit auf der Ebene „Liebe zum musikalisch Unerhörten“. Weiter auf der Ebene „Mehrfach-Codierung versus politische Statements“: Manch eine Interpretation ist da schon im Vorfeld zu finden: Man wollte das Album so nahe wie möglich am historischen Datum des 11. September veröffentlichen, um nicht nur auf New York, sondern auch auf den demokratisch gewählten, 1973 gestürzten Chilenen Salvador Allende zu verweisen. Schon der Titel kann agitierend verstanden werden. Das Bild Jesu auf dem Cover steht für Allende, seine beiden tränenden Augen repräsentieren die Twin Tower. Die Lyrics von „Wig Master“ waren ursprünglich für einen Vincent-Gallo-Film gedacht, als Stewart allerdings spitzbekam, dass Gallo den Republikanern nahe steht, lehnte er es ab, mit ihm zu arbeiten. Wie man zu solcherart Info bzw. Gossip steht, ist jedermanns ganz individuelle Tasse Tee. Viel interessanter ist, dass Xiu Xiu es immer wieder schaffen, so viele Brüche, Spannungen und Verweise auf einem Album unterzubringen, dass schon vor der eigentlichen Veröffentlichung alle Blogs voll geblogt sind mit Xiu-Xiu-Talk; dass diese queerenden, gebrochenen, zusammencollagierten, verstörenden Unglaublichkeiten mit jedem neuen Album zu einem unverwechselbaren Sound zusammengebacken werden; dass es trotzdem nicht nur pathetisch, krachig, arty oder schlicht gewollt klingt; kurz: dass hier genug Fährten ausgelegt werden, um sich mit dem Teil im Discman bis zur nächsten Veröffentlichung auf die Wanderschaft zu begeben.