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Lies die Biber

Wolke

Da sitzen sie. Die beiden Niedlichen von Wolke. Keyboarder Benedikt heißt schon wie ein ganzer Mönchsorden, Sänger und Bassist Oliver betet oder nagt an etwas, das er sich mit seinen kleinen gefalteten Händen vor den Mund hält. Man muss sie doch fragen: “Wie religiös seid ihr denn eigentlich? Und wi
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Da sitzen sie. Die beiden Niedlichen von Wolke. Keyboarder Benedikt heißt schon wie ein ganzer Mönchsorden, Sänger und Bassist Oliver betet oder nagt an etwas, das er sich mit seinen kleinen gefalteten Händen vor den Mund hält. Man muss sie doch fragen: “Wie religiös seid ihr denn eigentlich? Und wie religiös ist Wolke?” Für eine Frage, für die man früher im Juze von den Punkacts noch verprügelt wurde, erntet man von Oliver Verständnis: “Dass das jemand wissen will, ist uns nicht neu. Nach Konzerten kommen immer wieder Leute auf uns zu und bedanken sich, dass wir ihnen Kraft gegeben hätten. War dann mitunter sehr unangenehm, sie überzeugen zu müssen, dass wir keine christliche Band sind.” Benedikt ergänzt: “Am meisten wird das vermutet bei ‘Mein Kapitän’ von der letzten Platte. Diese Anrufung an jemand, der dich führt, ist für viele anscheinend nur religiös deutbar. Finde ich aber auch nicht schlimm, wenn die eigenen Songs Möglichkeiten bieten, sie für sich zu interpretieren.”

Aber nun genug vom textlichen Kunstgriff des Einstiegs ohne Einleitung. Hier kommen die Hard-Facts und Erläuterungen zu Wolke. Also welche letzte Platte, was für ein Kapitän? Auf dem genannten Song finden sich Zeilen wie “Du nimmst verschlungene Wege / Ich stell es nicht in Frage / Du kennst den Weg / Du bist der Kapitän.” Er stammt vom letzten Wolke-Album, gleichzeitig auch das Debüt der beiden Kölner. Es heißt lautmalerisch ambitioniert und hoch exotisch “Susenky”. Der neue Titel kontrastiert hart mit diesem Wohlklang und wirkt mit dem umlautreichen Kompositum “Möbelstück” gebälkknirschend deutsch. Vollkommen gottlos erscheint aber auch diese Platte nicht. Schließlich singt Oliver von Gebeten und “Gott weiß, Gott weiß, ich hab mich verliebt” (Letzteres allerdings einer originellen Übersetzung des Queen-Klassikers “I Want To Break Free” geschuldet). Das ist es dann aber auch. Wer zusätzlich meint, Wolkes Musik klänge per se nach Kirchentag, sollte mal wieder seine Medikamente zum Senken des Kritik-Spiegels nehmen. Wahr ist nämlich nur, dass die sparsame Instrumentierung mit Klavier, Bass und Stimme etwas Sakrales besitzt, aber gerade darin der unglaubliche Reiz der Band liegt. Und um die beiden vom Vorwurf der Religiosität reinzuwaschen (na, wenn das der Kardinal läse ...), sei noch auf die letzten beiden Songs der neuen Platte verwiesen. Hier offenbart sich nämlich die eigentliche Position. “Der [eigene] kleine Schmerz” wird abgeglichen gegen das Leid und alle 9/11s der Welt, es wird darin rumgepult und schwer ketzerisch der Schluss aufgefahren: Nah steh ich mir nur selbst. Dieses Lob der narzisstischen Passivität ist doch obszöner, als jede Spiritualität es sein könnte. Fazit: Eine Band voll unsagbarem, hermetischem, vielseitigem Schönklang, die es aber nicht darauf beruhen lässt, sondern zudem noch abgründiger ist als viele jugendliche Rockopas, die konsensgebeutelt glauben, noch irgendwas aufzumischen. Pah, alles kein Vergleich mit Wolke. Die sind wirklich aufregend und verrückt. Und bieten im Look durch Benedikts Bärtchen sogar noch einen Sparks-Link – die ja auch gern Engelchen und Teufelchen spielen.