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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schnipseljagd auf Briefkästen

Wolf Alice im Gespräch

Mit »My Love Is Cool« kämpften sich Wolf Alice 2015 endgültig aus der leicht angestaubten Grunge-Schublade, in die man sie anfangs gepackt hatte. Zwei Jahre nach ihrem Debüt schickt die Band aus dem Norden Londons nun ihren Nachfolger »Visions Of A Life« hinterher. Celia Woitas traf Ellie Rowsel (Gesang, Gitarre), Joel Amey (Schlagzeug), Joff Oddie (Gitarre) und Theo Ellis (Bass) zum Interview. 
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»Ich denke, wir haben versucht, unsere Hörer zu verwirren«, schmunzelt Ellie ein wenig zurückhaltend und streift sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie erklärt gerade, wieso ausgerechnet der musikalisch eigensinnigste Track die erste Single zum neuen Album geworden ist. In der Kampfansage »Yuk Foo« verarbeitet die junge Britin einiges an Ärger. Gegen wen sich der Mittelfinger bei Worten wie »You bore me to death« hebt, dürfe man selbst wählen. »Ich persönlich habe dabei einige Sachen kanalisiert, die mich ankotzen, seien es Leute, die meinen, ihre Erwartungen anderen gegenüber immens hochschrauben zu müssen, oder Menschen, für die es okay ist, andere zu betrügen«, erklärt sie in einem so ruhigen Tonfall, dass man sich kurz fragt, wo sich die resignierende Kreisch-Stimme aus der Single versteckt hält. Trotz des »most blogged about band«-Stempels, den die BBC Wolf Alice bereits 2013 aufgedrückt hatte, verschanzen sich die vier Musiker nicht komplett im World Wide Web. Auch für ihre Fans versuchen sie so greifbar wie möglich zu bleiben. Deshalb gab es zur Albumankündigung von »Visions Of A Life« nicht einfach nur einen lahmen Tweet, sondern auch kleine Hinweise in einigen Fan-Briefkästen. Die Botschaft der Postkarten bestand aus Lyric-Schnipseln und Titeln der einzelnen Tracks. »Wir wollten etwas sehr Besonderes für unsere Hörer machen. Die sozialen Medien sind nicht das gleiche wie ein Treffen im echten Leben. Du kannst die Leute zwar erreichen, aber es ist nicht sehr persönlich«, äußert Ellie mit Überzeugung. »Gerade in der heutigen Zeit wirkt alles Physische so viel vertraulicher. Das schafft eine viel coolere Verbindung zu deinen Fans«, fügt Theo nickend hinzu und nimmt einen Schluck von seinem Wasser.
Druck oder gar Angst lassen sich die vier vom Riesen namens Musikbusiness und dem dazugehörigen Medienrummel aber auch weiterhin nicht machen. »Wir haben sehr hohe Anforderungen an uns selbst«, erklärt Theo. »Solange wir wissen, dass wir diese erfüllen und alles gegeben haben, ist die größte Last bereits genommen. Auf Nominierungen oder Ähnliches haben wir ja eh wenig Einfluss.« Trotzdem sei es natürlich ziemlich cool, wenn ein Song besondere Aufmerksamkeit erfahre. Mit »Giant Peach« und »Ghoster« steuerte die Band beispielsweise Songs zu den Soundtracks von »Detour« und »Ghostbusters« bei. Ellie fällt ein, wie sie im Kino gesessen habe und der Trailer zu »T2 Trainspotting« gelaufen sei: Als »Silk« vom letzten Album als musikalische Bildstütze erklang, konnte sie sich einen freudigen Gluckser nicht länger verkneifen.

Soundtechnisch holten sich Wolf Alice Hilfe für die Aufnahmen von Produzent Justin Meldal-Johnsen. Eine große Veränderung im Sound brachte der Wechsel aber nicht. Das sei ja auch nicht Sinn und Zweck, stellt Ellie klar: »Ich glaube, ein guter Produzent holt das Beste aus dir heraus, ohne deinen Sound zu verändern ... Es sei denn, du bist richtig schlecht und brauchst dringend einen neuen Sound«, fügt sie nach einer kurzen Pause witzelnd hinzu. Das haben Wolf Alice Gott sei Dank nicht nötig. »Yuk Foo« erinnert mit seinem Wutpotenzial an die Riot-Grrrl-Bewegung der 90er-Jahre; der Opener »Heavenward« enthält viele Shoegaze-Sounds. Mit den restlichen Songs der Platte taucht man in altbekannte poppige, aber überwiegend ruhige Gefilde. Der Drang, etwas Neues auszuprobieren, klingt immer wieder durch. »Auf unserem ersten Album haben wir uns in vielen Dingen eher zurückgehalten. Dieses Mal sind wir um einiges ausgelassener vorgegangen«, meldet sich Joff zu Wort, während die Hitze bei den anderen so langsam an der Aufmerksamkeitsfähigkeit kratzt.

Wer also nach der ersten Singleauskopplung dachte, dass Wolf Alice mit »Visions Of A Life« nun doch den Kopfsprung in eine vorgefertigte Genreschublade wagen würden, nachdem sie sich aus der letzten so mühselig herausgekämpft hatten, darf den Rest des Albums als energisch verneinendes Kopfschütteln interpretieren. Dass Ellie, Joel, Joff und Theo lieber durch verschiedene Musikstile tappen, als sich in einem festzusetzen, zeigten sie immerhin auch schon mit ihrem Debüt »My Love Is Cool«.

»Wir haben auch dieses Mal circa zwei Jahre an unseren Songs gebastelt. Thematisch geht es hauptsächlich um persönliches Zeug«, sagt Ellie. Das glaubt man ihr in ihrer schüchternen, aber vertrauenswürdigen Art sofort. Auch das Artwork der Platte bestätigt es: Hier erlaubt Ellie einen privaten Einblick in ihr Fotoalbum. Ein Bild ihrer Tante Helen als junges Mädchen im weißen Kleid und in leichtfüßiger Ballettpose, daneben ein Sockel, auf dem ein Pferdeschädel thront: wunderschön und gleichzeitig superskurril. Ein Foto, zu dem einem tausend gute Geschichten einfallen, während man sich nebenbei von den sphärisch-poppigen Klangwolken des Albums einlullen lässt.

Wolf Alice

Visions of a Life

Release: 29.09.2017

℗ 2017 Dirty Hit