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Vive la liberté

Wohnen mit Spookey Ruben

Spookey Ruben wirkt manchmal etwas exzentrisch. Das fängt schon beim Namen an: "Mein wahrer Name ist ein Geheimnis. Jeder nennt mich Spookey, manchmal sogar meine Eltern, selbst meine Nichten nennen mich nur Uncle Spookey." Es hat schon einiger Recherche bedurft, um herauszufinden, dass sein eigentl
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Spookey Ruben wirkt manchmal etwas exzentrisch. Das fängt schon beim Namen an: "Mein wahrer Name ist ein Geheimnis. Jeder nennt mich Spookey, manchmal sogar meine Eltern, selbst meine Nichten nennen mich nur Uncle Spookey." Es hat schon einiger Recherche bedurft, um herauszufinden, dass sein eigentlicher Name Alan Ruben ist. Den Spitznamen "Spookey" verdankt er seiner wilden Metal-Zeit. Nachdem die Familie aufgrund des Jobs von Vater Ruben bei der ESA (European Space Agency) über zehn Jahre in der Nähe von Bremen gelebt hatte, zog sie Mitte der 80er-Jahre in einen Washingtoner Vorort. "In den ersten beiden Wochen dort hatte ich superlanges Haar und war das wütende Kid, das versuchte, bei den coolen Metal-Typen Anschluss zu finden. Anfangs nannte man mich ‘evil’, später wurde ein ‘spookey’ daraus."

Er wurde als Gitarrentalent hoch gehandelt. Freunde prophezeiten ihm, er würde irgendwann bei Ozzy Osbourne spielen, wenn er so weitermachte. Bald jedoch verloren Metal und Gitarrenspiel für ihn an Anziehungskraft. "Als ich 16 war, hatte ich so eine Art musikalische Offenbarung, als ich zum ersten Mal Siouxsie And The Banshees, Cocteau Twins, Sugarcubes und The Mission hörte." Sein Faible für Keyboard-lastige Musik offenbarte sich schon früher in Präferenzen für Metal-Bands wie Voivod oder Saga, nun aber kam die Popmusik hinzu. Bands wie Tears For Fears hält er zum Beispiel für eine der unterbewertetsten der 80er-Jahre. "Sie haben Popmusik gemacht, aber hinter der glatten Oberfläche gab es einen Bruch, den viele nicht erkannt haben. Ihre Texte waren ziemlich ernst und persönlich. Genau wie ihnen geht es mir um eine gewisse Spannung zwischen Musik und Text, um einen gewissen Widerspruch. Ich sehe mich als Musiker in der Tradition der 80er-Jahre. Das ist vielleicht nicht neu, aber so wie ich macht es kaum jemand." Das ist wahr. Welcher andere zeitgenössische Musiker klingt schon nach Joe Jackson?

Bevor es soweit war, musste aber auch er Erfahrungen machen. Zum Beispiel diese: 1991 zog er nach Kanada, um an der Uni von York Film zu studieren. Parallel zu seinem Studium gründete er dort die Band Transilence. 1993 brach er sein Studium ab, um sich auf seine Solo-Ambitionen als Künstler zu konzentrieren. Tja, so steif wie öde. Das änderte sich allerdings recht schnell, denn der erste Song war auch gleich ein richtiger Hit: "These Days Are Old" – der den meisten bekannt sein dürfte als Titelmelodie der sonntäglichen WDR-Sendung "Zimmer Frei". Er produzierte dazu auch gleich ein Video, das so viel Anklang fand, dass es in einem kanadischen TV-Musikmagazin auf Rotation ging. Nur konsequent, dass es nicht lange dauerte, bis interessierte Labels bei ihm anriefen: "Nettwerk Records riefen an und fragten nach einem Demo. Demo?! Ich hatte mir diesen einen Song gerade fertig ausgedacht! Ich habe acht Monate gebraucht, um weitere drei Songs aufzunehmen. Als ich das Demo einschickte, hatte das Label kein Interesse daran. Die anderen drei Songs gefielen ihnen nicht." Bis er bei TVT landete, dem Label, auf dem damals auch Nine Inch Nails veröffentlichten, verging ein Jahr; über ein weiteres Jahr verstrich, bis dort Ende 1995 sein erstes Album "Modes Of Transportation Vol. 1" veröffentlicht wurde.

Das Kapitel TVT Records scheint ihm jedoch unangenehm zu sein: Sobald das Gespräch das Thema nur streift, lenkt er ab. Warum zum Beispiel wurde sein zweites Album, "Modes Of Transportation Vol. 2 – What’s A Boy To Do?", nur in Japan veröffentlicht? "Hm. Labelpolitik. Weiß nicht." Es wird jedoch vermutet, dass Streitigkeiten mit TVT, in denen weder er noch das Label sich mit Ruhm bekleckerten, in eine für beide Seiten äußerst unbefriedigende Zusammenarbeit mündeten. Er wollte damals schon ein konzeptuelles Doppelalbum herausbringen. Nach dem Weggang des A&Rs, der ihn zu TVT geholt hatte, war seine Lobby in dem Haus nach eigenen Angaben nicht mehr so groß. Das Label war von der Idee zweier Alben wenig begeistert und drängte darauf, nur eines zu veröffentlichen. Relativ unmotiviert stellte Spookey Ruben ebenjenes 1998 fertig und gibt heute zu, dass er fast froh sei, dass das Album nur in Japan veröffentlicht wurde. Nach dem Weggang von TVT suchte er ein neues Label, was sich aber als relativ schwierig herausstellte. "Ich schickte Tapes raus: ‘Erinnert ihr euch an Spookey Ruben?’ – ‘Klar’, meinten die Labels, ‘wir würden auch gerne was mit dir machen.’ Blabla ... Selbst mein alter A&R, der nun bei MCA war, machte mir Hoffnungen: ‘Wir werden das auf Mo’ Wax rausbringen und ein paar Remixe von DJ Shadow draufpacken ...’ Wenn man gerade frisch aus einem Deal raus ist, glaubt man, was die einem erzählen. Das ging ungefähr zwei Jahre lang, ohne Erfolg. Das deprimierte mich dermaßen, dass es Zeiten gab, wo ich tagelang nicht aus dem Bett kam."

Lösung des Ganzen: Gründe ein eigenes Label. Das hat er mit Hi-Hat Recordings nun auch getan. Einige Aufnahmen des zweiten Albums sind auch auf den aktuellen Alben "Bed" und "Breakfast" vertreten, weshalb man dieses Doppelrelease als eine Art Werkschau von 1998 bis 2001 betrachten kann. Zähneknirschend muss er akzeptieren, dass sein altes Label TVT an den neuen Veröffentlichungen mitverdient. Nach schlechten Erfahrungen mit dem Business den Weg der Selbständigkeit zu wählen ist nicht einfach, aber doch sehr befriedigend. Vive la liberté.