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Wohl dosierte Atempause

So war das Haldern Pop

Als Fettes Brot am Samstag als Headliner auf der Hauptbühne zu später Stunde den alten Fehlfarben-Klassiker „Ein Jahr (Es geht voran)“ herauskramten hatte das Haldern Pop seinen Vertrag als Festival mit Geschichte längst um ein weiteres Jahr verlängert.
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"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran". Als Fettes Brot am Samstag als Headliner auf der Hauptbühne zu später Stunde den alten Fehlfarben-Klassiker "Ein Jahr (Es geht voran)" herauskramten hatte das Haldern Pop seinen Vertrag als Festival mit Geschichte und mit Raum für die Geschichten der Bands und ihrer Zuhörer längst um ein weiteres Jahr verlängert.

Dabei stimmt das mit dem Verzicht auf die Atempause natürlich nur bedingt. Schließlich werden in Haldern an den drei Tagen im August Entschleunigung und Entkrampfung jedes Jahr aufs Neue propagiert und gelebt. Gerade ein Jahr nach dem aufreibenden 25-jährigen Festivaljubiläum hatte man sorgsam ein Line-up zusammengestellt, bei dem viel Wert auf gehobene Musikalität und ruhigere Zwischentöne gelegt wurde.

Die Wortschöpfung "Kommuplikation" als Ausdruck für den kollektiven Verlust an Empathie durch eine mediale, aber sicherlich auch musikalische Penetration im Alltag hatten die Macher ja nicht umsonst kreiert. Man sollte also genau hinhören, bei den Bands und den mitgereisten Freunden. Wer dies schon am Donnerstag im abermals prachtvollen Spiegelzelt tat, erlebte die etwas uninspiriert rumpelnden Baddies und das an sich spannende, mitunter aber arg exaltierte Hipster-Getrommel des schwedischen Duos Wildbirds & Peacedrums. Überschwänglich aufgenommen wurden dagegen die Schotten Broken Records, die breit arrangierten Indie-Pop mit Folk-Identität darboten, sowie der druckvolle Indierock der Kanadier Wintersleep.

Viele zerbrechliche Pop-Entwürfe hatte man in diesem Jahr gebucht, deren Wesen sich mitunter auch auf die Künstler selbst übertragen hatte. Doch während Anja Plaschg alias Soap & Skin mit gebrochenem Handgelenk am Donnerstag nicht auftreten konnte, gab es von Owen Pallett via Twitter Entwarnung: "Still a little grog-faced but Haldern is a go", teilte der Kopf hinter Final Fantasy mit und türmte am Freitag in der Nachmittagshitze Geigenspuren und Melodiebögen übereinander, dass es eine Freude war. Die Brit-Popper Athlete wiederum nutzten die krankheitsbedingte Absage von Paolo Nutini und spielten in Vertretung auf dessen Headliner-Slot neben Hits wie "Wires" und "El Salvador" erstmals Stücke des kommenden Albums "Black Swan". Davor hatte die Schwedin Anna Ternheim bereits eindrucksvoll angedeutet, dass sie der Kategorie "Mädchen mit Gitarre" längst entwachsen ist und ihre Stücke mit großartiger Backing Band mittlerweile zu dichtem, atmosphärischem Pop umarrangiert.


"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran". Als Fettes Brot am Samstag als Headliner auf der Hauptbühne zu später Stunde den alten Fehlfarben-Klassiker "Ein Jahr (Es geht voran)" herauskramten hatte das Haldern Pop seinen Vertrag als Festival mit Geschichte und mit Raum für die Geschichten der Bands und ihrer Zuhörer längst um ein weiteres Jahr verlängert.

Freigeist Patrick Watson, am Samstag in Dorfmitte mit Kinderwagen gesichtet, lebte sich im Anschluss auf großer Bühne in den Songs von "Wooden Arms" und "Close To Paradise" vollends aus, ließ ein Streichquartett einige Songs zusätzlich veredeln und durchquerte die Publikumsreihen mit eigentümlichem Megaphon-Rucksack. Hein Fokker, holländischer Bühnenmoderator hatte schon recht, als er Watson als "das liebste Kind von Haldern" angekündigt hatte. Streitig können ihm diesen Titel eigentlich nur die schwedischen Dauergäste Loney Dear machen, deren Songs auf der Hauptbühne allerdings zwischen tatsächlich magischen und etwas beliebigen Momenten pendelten, zumal Emil Svanängen auf den Mitsumm-Hit "Ignorant Boy, Beautiful Girl" leider verzichtete. Gar nichts Neues zu bieten hatte auch Nick Talbot, der als Gravenhurst wie im Vorjahr ohne Band und neuen Output auftrat, mit "Black Holes In The Sand" aber zumindest in den vorderen Reihen eine knisternde Atmosphäre im Spiegelzelt erzeugen konnte.

Wenn es in diesem Jahr einen Moment gab, der das Haldern Pop in seiner Einzigartigkeit beschreibt, man müsste die letzten Sekunden des Konzerts der Briten von iliketrains wählen. Die spielten sich in Seemannsuniformen am brütend heißen Mittag zum Abschluss durch ihr noires Noise-Pop-Epos "Spencer Perceval", arbeiteten sich an dessen Klimax mit dem Einsatz ihres Lebens an ihrem Instrumentarium ab und wurden dafür von unverhältnismäßig großem Publikum so ausdauernd beklatscht, dass einem ein kalter Schauer über den Rücken lief. So etwas erlebt man auf keinem anderen Festival in Deutschland. Dear Reader aus Johannisburg, Südafrika sorgten danach zwar für einen musikalischen Bruch, verzauberten aber mit ihren Songs vom Album "Replace Why With Funny" und ihrem höchst sympathischen Auftreten umso mehr, zumal Schlagzeuger Michael Wright später beim Interview am Festivalguide-Stand mit deutschen Schimpfwörtern "Deine Mutter stinkt nach Döner" punkten konnte. The Maccabees hörten sich daraufhin aus Schnorcheltiefe im angrenzenden, auch von den Bands rege genutzten See ziemlich lustig an, ehe Grizzly Bear den Reigen an US-Bands mit experimentellem Folkrock und sonnigem Harmoniegesang absolut packend eröffneten.



"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran". Als Fettes Brot am Samstag als Headliner auf der Hauptbühne zu später Stunde den alten Fehlfarben-Klassiker "Ein Jahr (Es geht voran)" herauskramten hatte das Haldern Pop seinen Vertrag als Festival mit Geschichte und mit Raum für die Geschichten der Bands und ihrer Zuhörer längst um ein weiteres Jahr verlängert.

Und auch die Befürchtung, das Kritikerliebling Bon Iver die Intimität seiner Folksongs von "For Emma, Forever Ago" nicht auf der Hauptbühne entfalten könnte, erwies sich als völlig unbegründet. In ganz schön zotteliger Optik, aber mit wunderbarem Falsett und spröde-kantiger Instrumentierung überzeugte Justin Vernon auf voller Länge. Mit den Thermals aus Portland wurde danach auch jene Fraktion bedient, die dem Haldern in diesem Jahr fehlenden Rockappeal unterstellten. Genau 19 Vollgas-Songs inklusive vieler alter Hits und sauber nachgespieltem "100%"-Cover von Sonic Youth feuerte das Trio um Sänger Hutch Harris und die dauerhüpfende Bassisten Kathy Foster in einer Spielzeit von unter einer Stunde in die Menge. Kein Wunder, dass der Mitsingpart von "Now We Can See" als letztem Song danach noch eine Minute über den Reitplatz schallte. Etwas Punk in Haldern – auch das geht. Mit Blitzen Trapper und Mumford & Sons gab es im Spiegelzelt am Frühabend zwei Folk-Highlights zu sehen, letztere waren laut Meinungsbild aus dem Haldern-Forum gar die Neuentdeckung des Festivals.



Nach Final Fantasy zweiter Teufelsgeiger ist bekanntlich Andrew Bird, der wegen verpasster Fähre den Slot mit Bon Iver tauschte und mit virtuoser Band und Loop-Spielereien ebenfalls einen Sog erzeugte, dem man sich schwer entziehen konnte und der mit "Fake Palindromes" einen krachigen Abschluss fand. Rock 'n' Roll-Priester Ebbot Lundberg und seine Soundtrack Of Our Lives bestellten mit kernigem Schweden-Rock mit ordentlich Pose und Krachern wie "Big Time" und dem unausweichlichen "Sister Surround" anschließend das Feld für Fettes Brot, die nach ihrem Geheim-Gig im Vorjahr gerne für ganz Haldern wiederkommen wollten. Ihr Konzert, vollgepackt mit wirklich allen Hits und Coverversionen von besagten Fehlfarben und The Clash, war der musikalisch kleinste Nenner unter den Festivalgängern. Und – das beruhigt – die Kids aus Haldern mögen trotz bestmöglicher musikalischer Sozialisation auch noch Bands wie Fettes Brot, die Ärzte oder Green Day. Little Boots kommt zumindest für das männliche Popbalg demnach auch nicht in Frage. Nichtsdestotrotz war die Darbietung der Songs ihres Albums "Hands" im vollen Spiegelzelt mit kräftigen Beats und sinnlichen Posen durchaus gelungen. So bleibt – wertet man auch den atemlosen Noise-Rock-Auftritt von Health zum Abschluss des Festivals als dezenten Hinweis – die musikalische Ausrichtung in Haldern keineswegs vorhersehbar.