×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wir & Viele

Chase & Status

Wie viel Big Beat und Breakbeats kann man 2011 noch bringen? Die Antwort ist entscheidend für die Frage, ob das erfolgreiche Drum’n’Alles-Monster Chase & Status aus London nun als »seelenloser Nonsens« (NME) oder als der »ultimative Paradigmenwechsel« (Intro #192) gilt. Martin Riemann sprach mit dem Duo über das neue Album »No More Idols«, sah sich einen Auftritt an und resümiert: Beides stimmt.
Geschrieben am

Wem beim Hören des Chase&Status-Albums »No More Idols« nicht sofort eine Adrenalin-getränkte Botschaft namens The Prodigy ins Hirn schießt, ist entweder noch ein Kind oder hat in den 1990ern im Koma gelegen. Das Zeug flasht einen dermaßen zurück, das man ständig auf den Kalender gucken muss, ob tatsächlich schon 2011 ist.

Passenderweise entführt das Video zu »Blind Faith«, dem ölig-wehmütigen Charts-Hit der Band mit Unterstützung von Liam Bailey, mitten in die britische Warehousepartyszene der frühen 90er-Jahre. Komplett mit Vorglühen im Kinderzimmer, Saufen im Pub, Pillendeals, volltrunkener Fahrt aufs Land, grenzenloser Euphorie in einer Lagerhalle und verpeiltem Aufbruch im Morgengrauen. Alles ist so unglaublich akribisch im Pseudo-Doku-Stil inszeniert, dass so gut wie unmöglich feststellbar ist, wann es gedreht wurde. Ist natürlich alles perfekt gefaket, wie Saul »Chase« Milton im Interview stolz erzählt. »Wir hatten nur die Idee, etwas über die Ravekultur der 90er zu machen, aber es ist dem Regisseur zu verdanken, wie perfekt es geworden ist. Ich meine, niemand will uns glauben, dass das keine echten Aufnahmen von früher sind. Das liegt daran, dass man im Video absolut nichts sieht, was nicht aus dieser Zeit stammt.« Außer den Darstellern vielleicht, denen man vor allem zu ihren authentischen Ecstasy-Grimassen gratulieren muss. Wie die zustande kamen, verrät Milton allerdings nicht. Ohnehin gibt er eher ungern Auskunft über seine Einstellung zur ursprünglichen Ravekultur. Ihm fällt nur ein, dass damals alle viel unschuldiger und ausladender getanzt haben. Es war definitiv mehr »love in the air« als heute.

Auf die Frage, welchen Stil der letzten 20 Jahre sie eigentlich nicht in ihr Soundgemisch aus Drum’n’Bass, Grime, Dubstep, Big Beat, Breakbeats, HipHop, Metal, Soul Pop und so weiter eingebaut haben, zuckt er nur mit den Schultern: »Wir lassen uns eben von allem beeinflussen. Bei ›Hypest Hype‹, dem Stück mit einem Gastauftritt von Tempa T, hört man zum Beispiel raus, dass wir die Black Keys gut finden. Mit den White Lies wollten wir zusammenarbeiten, weil wir sie bewundern. Plan B ist ein guter Kumpel von uns, den brauchten wir nur anzurufen.« Womit wir beim Gäste-Ensemble auf dem neuen, passend kokett »No More Idols« betitelten Album wären: Zu diesem gehören neben den bereits Genannten nämlich noch Maverick Sabre, Mali und die beiden Topstars Dizzee Rascal und CeeLo Green. Nicht dabei als Gast ist allerdings Jay-Z, der zwar bekennender Fan des in England mit Platin veredelten Debüts »More Than A Lot« ist und Chase & Status unter anderem den Produktionsjob für Rihannas Album »Rated R» beschert hat samt aktiver Mithilfe. Ebenfalls passen musste Snoop Dogg, der vor zwei Jahren seine Liebe zu den beiden mit seiner aufgepimpten Version von »Eastern Jam« (vom Debütalbum) zum Ausdruck gebracht hatte. An unterschiedlichen Stimmen fehlt es aber auch so nicht.

Angesichts von so viel Zuträgern und Einflüssen sei jetzt doch mal nachgefragt: Gibt es denn keine Meinungsverschiedenheiten im Hause Chase & Status, was die Ausrichtung angeht? »Unmöglich«, meint Milton, »wir sind musikalisch absolut auf einer Wellenlänge. Sonst könnten wir doch gar nicht zusammenarbeiten. Wir sind seit Jugendtagen ein Team.« Streit über Stilfragen gab es höchstens mit den Gästen, so war Plan B mit der Struktur des Crossover-Krachers »Fool Yourself«, bei dem auch noch Rage mit kollaborierte, ganz und gar nicht einverstanden und musste, so die beiden, erst mit einer Extraportion Sturheit von ihrer Seite überzeugt werden. Dass sich das Stück in der Tat satt nach einer Mischung aus The Prodigy und Suicidal Tendencies anhört und somit nach fettestem Crossover, ruft bei Will »Status« Kennard, der den Begriff Crossover noch nie gehört haben will, deswegen auch nur Desinteresse aus: »›Fool Yourself‹ ist halt unser Punksong«, lügt er mit völlig eingefrorener Miene.

Optisch sind sie sowieso ein seltsames Paar: Chase leicht hamsterbackig, jungenhaft, mit ungepflegtem Fusselbart, meistens mit Hütchen unterwegs; Status ein hagerer, stets überkorrekt gekleideter Typ mit eng zusammenstehenden Augen, der aussieht, als könnte er Hugh Grants kleiner Bruder sein. Später beim Konzert im Berliner Club Lido stehen sie so weit auseinander, wie es die Bühne ermöglicht. Während Kennard hinter seinen Keyboards noch dünner aussieht als sonst, hält Milton die meiste Zeit tatsächlich eine E-Gitarre in der Hand. Bei Auftritten wirken beide aber eher wie die eigene Backing-Band und überlassen ihrem MC Rage die Show. Zusätzlich kommt die sonstige Gastriege des Albums mittels einer monströsen Videoleinwand zum Einsatz. Angesichts der hohen Qualität der gezeigten Videos ist diese Stellvertretertaktik verständlich, leider verleiht sie dem ausverkauften Gig aber auch das Flair eines plastikbunten TV-Auftritts. Wer sich nach der – im »Blind Faith«-Video so liebevoll propagierten – Warehouse-Atmosphäre sehnt, muss also entweder die Augen fest verschließen oder schnell abhauen.

Das Publikum tut keins von beidem und gibt sich begeistert der vollen Ladung 90er-Breakbeats und leicht penetranten Animation von MC Rage hin. Der recht simple Selbstanspruch des Duos, einfach nur den Laden rocken zu wollen, geht absolut auf. Was sagte Robert Christgau noch über The Prodigys »More Music For The Jilted Generation«? »One of the rare records that’s damn near everything you want cheap music to be ...« Mit Chase & Status hat diese Raritätensammlung einen würdigen Zuwachs erhalten.