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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wir blicken zurück: Deutscher HipHop der 90er

Deine Reime sind Schweine

20 Jahre Intro und der Blick zurück: Linus Volkmann und Fabian Wolff tauchen ab ins Gestern.
Geschrieben am
Die 90er beginnen, und Musikdeutschland hat eigentlich alle Hände voll zu tun. Techno stößt die Tänzer in dunkle Clubs hinab, und die Gitarrenfraktion bekommt via Grunge den eigenen Sound neu beseelt und mit Schleife um die Faust in die Fresse. Dennoch schafft es plötzlich eine dritte Gewalt in die Jugendzimmer und subkulturellen Zentren: HipHop. Er wird dabei nicht mehr nur importiert, sondern übersetzt: in die Charts (Nummer-eins-Hits!), Slogans (»Yo!«), Schlägereien (Pelham vs. Raab!) und unzählige neue Acts (Fanta 4 und deine Mudder!).

Die Vorgeschichte
Das Skelett, auf das HipHop sein vieles Fleisch und all die Klunker packt, besteht nach Afrika Bambaataa aus vier Bestandteilen: Graffiti, Breaking, DJing und MCing. Im Deutschland vor der Wiedervereinigung, das bis auf die amerikanischen Besatzungstruppen in Hessen und Teilen von Baden-Württemberg sowie Bayern keinen direkten Bezug zu afroamerikanischer Kultur besitzt, diggt man davon rechtschaffen gar nix.

Obwohl ... die Breakdance-Welle um den Film »Breakdance Sensation 84« und weißbehandschuhte Tanzlehrer wie Mr. Robot dürften erste größere Aufmerksamkeit für das Thema auf sich gezogen haben, alles andere ist und bleibt bis dato Underground, rechnet man Falcos – letztlich visionäre – Sprechgesangshits wie »Der Kommissar« oder »Rock Me (Amadeus)« noch über exotische Pop-Ausflüge ab.




Das ferne Randphänomen-Dasein wandelt sich zum Ende der 80er allerdings zunehmend: Die für Popmusik jeglicher Fasson richtungsweisenden amerikanischen Billboard-Charts exportieren vermehrt auch HipHop-Acts – und so wird über Genre-Meilensteine wie Run DMC, De La Soul, 2 Live Crew und natürlich Public Enemys »It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back« HipHop eine amtliche Subkultur. Dabei lassen das »Fuck you!«, das Chuck D, Flavor Flav und Co. dem weißen Amerika ins Gesicht brüllen, oder das offen sexistische Geprolle der 2 Live Crew die deutschen Teilnehmer an der neuen Subkultur eher staunen.
Man spürt gleichermaßen stark die Vehemenz, aber auch die Differenz. Ghetto, Bronx geraten zu einem Phantasma, vielleicht ähnlich romantisch beladen wie die Schlager-Eskapismus-Texte über die ferne Südsee. Die Zeit der Übersetzung in die eigene Sprache, ins eigene Milieu ist überfällig.

Die Nation
In der Geschichtsschreibung gilt »Ahmet Gündüz« (1990) der Fresh Familee aus Ratingen als erster deutschsprachiger Rap-Track. Bezeichnenderweise geht es in diesem Stück Storytelling um das Leben türkischer Gastarbeiter und ihrer Kinder. Denn deutscher HipHop der ersten Stunde besitzt zu weiten Teilen politischen Anspruch und einen heiligen Ernst. Was natürlich schnell zu den Protagonisten jener Frühphase bringt: zu Advanced Chemistry, einer Heidelberger Crew, zu der unter anderem Torch, Chefkoch Toni-L und Linguist gehören. Als 1992 deren Single »Fremd im eigenen Land« mit Ausschnitten aus der Berichterstattung zu rechtsradikalen Übergriffen und einem Sample der Titelmelodie von »Spiegel TV« erscheint, tobt sich gerade das hässliche wiedervereinte Deutschland aus. Nicht nur in Rostock-Lichtenhagen brennen – beklatscht von der Anwohnerschaft – Asylbewerberheime.

Der zutiefst schwarz geprägte HipHop bietet einer neuen Generation eine gute Möglichkeit, sich von diesem National-Terror abzugrenzen. Wohingegen anderen, erprobteren Subkulturen die Luft auszugehen scheint. So titelt das Hardcore/Punk-Magazin ZAP zu jener Zeit beispielsweise: »Deutschland brennt, Hardcore pennt!«Auch zurechnungsfähige linke Bands wie die Goldenen Zitronen suchen sich als Ausdruck ihrer Wut über die Zustände nicht mehr Punk als Vehikel, sondern nehmen mit den HipHoppern Easy Business und Eric IQ Gray die giftige Nummer »80 Millionen Hooligans« (1992) auf. Rapper Hannes Loh tritt mit seiner Anarchist Academy in der Zeit gemeinsam mit Slime und den Emils auf. »Den Unterschied zwischen HipHop und Punk«, so Loh, »sehe ich so: Punk will aus der Gesellschaft raus, HipHop rein – und die sich am besten zu einer eigenen bauen.«

Die Ruhe
Trotz der politischen Brisanz jener frühen Tage der Neunziger darf man das Phänomen deutscher HipHop allerdings (noch) nicht überschätzen. Die Anzahl der Infizierten kann weiterhin als familiär bezeichnet werden. Auf sogenannten Jams zeigt man seine Skills, Freestyler probieren sich auf offenen Bühnen und abseits davon aus, DJing und Scratching ist nur für die wenigsten erschwinglich oder technisch überhaupt möglich. An Kommerz – nicht zu denken. Viele Akteure erinnern dieses Biotop als die schönste Zeit: »Egal, ob einer 1,60 m und strohblond oder 120 Kilo schwer und a tough motherfucker war – es kam nur auf die Skills an. Das gab es wirklich mal«, erzählt Textor von Kinderzimmer Productions heute. Und Martin Stieber von den Stieber Twins meint: »Das Gemeinschaftsgefühl, dieses Miteinander. Heute klingt das vielleicht wie Nostalgie – aber da war wirklich was dran!«


Der Spaß
Gemeinschaftsgefühl, leichte und schwere Rapper, Nostalgie, es lebe die sinnstiftende Betulichkeit. Dennoch wird sich kaum jemand überrascht zeigen ob folgender Aussage: Kurz darauf ist es mit der Ruhe vorbei. Deutscher HipHop wird etwas, das in der Idiotensprache der Musikindustrie nicht weniger als "das nächste große Ding" heißt. Schuld daran – natürlich – Die Fantastischen Vier und »Die Da«. Sprechgesang erzeugt in dieser Form nun nämlich keinerlei Berührungsängste mehr, die zuvor (Huch, Afroamerikaner! Huch, "Fremd im eigenen Land"!) noch Bestand hatten. Nein, HipHop, der im Falle der F4 natürlich bestenfalls als Spaßrap, wenn nicht sowieso schon immer als Pop zu bezeichnen ist, HipHop ist »fresh«, bringt »Fun« und »Die Da« immerhin auf Platz 2 der deutschen Charts.




Die damit einhergehende Akzeptanz und Begeisterung schafft plötzlich extrem viel neuen Raum. Alle Labels haben Platz für Rapper, für HipHop-Acts, und auch die Akteure spüren die Schönheit der Chance: »1992 standen wir vor der Notausgangstür und haben ein Konzert der Fantastischen Vier gehört. Und wir dachten, wenn selbst das funktioniert, wenn das diese erstaunliche Resonanz hat, dann können wir das erst recht!« so Textor. Auch Martin Stieber begegnet der Goldgräberstimmung, die auf einmal herrscht: »Wir waren auf einem Jam mit Blumentopf und Cora E, und hinterher quakt uns einer von der EMI an, ob wir einen Vertrag wollen. Der wollte in dieses geheimnisvolle Underground-Gefüge.«

Die Stadtmeisterschaften
Die Szene wächst mit und in ihren Städten – nostalgisch mag man vor allem auf diesen Faktor zurückblicken. Eine Zeit herrscht, die zwar schon der Berliner Republik untersteht, (pop)kulturell aber noch längst nicht in den heutigen Zentralismus überführt worden ist. Im HipHop zeigt sich dies deutlich in den städtischen Identitäten der Protagonisten, der Labels und Posses. Neben Heidelberg, Heimat von Advanced Chemistry und der reinen Lehre, entwickelt sich Hamburg schnell zur zweiten, ästhetisch weisungsbefugten Hochburg.

Absolute Beginner
setzen dabei auf explizit linke Inhalte. Der Tobi & Das Bo legen auf Witz und THC mehr Wert als auf die Message, und die aggressiv seltsamen Fischmob und die ebenfalls schwer popbewegten Fettes Brot verkaufen Mitte der Neunziger viele Platten über das Spaß-Prinzip und ihre hanseatische Coolness. Eimsbush, Digger!




In Frankfurt schiebt man bahnhofsviertelmäßige Härte mit Acts wie Konkret Finn, Ebony Prince, Azad oder dem Rödelheim Hartreim Projekt. RHP versuchen 1994 zur VÖ von "Direkt aus Rödelheim" dann auch konsequent Krieg mit allen, vor allem aber den Fantas, anzufangen. Die kommen wiederum aus Stuttgart, genauso wie die Kolchose-Künstler Massive Töne, Afrob und Freundeskreis um Max Herre – mit ihrem trademarkigen Reggae-Einschlag. In München machen Blumentopf das, was abfällig als »Studentenrap« eine Bezeichnung findet – weil auch damals oft stumpf schon eher Trumpf ist. In Bochum produziert die Ruhrpott AG 1998 mit »Unter Tage« das ästhetisch vielleicht geschlossenste Album der Epoche, schwer und schwermütig. »Wir wollten nach den Wurzeln graben. Damit kann man in dem Sinn keinen Erfolg haben. Wenn man das will, macht man besser auf Frohnatur«, sagt Aphroe, einer der drei MCs von RAG. In Chemnitz etabliert sich 1998 dann das Klassentreffen der Szene: das Splash! Festival! Hier kommen alle zusammen (und auch Rapper wie Teflal und Jaleel her). Schnell schießen die Besucherzahlen ins Fünfstellige. Sexy, HipHop hat seinen Höhepunkt.

Die Schwierigkeiten
Wie jedem Hype bleibt aber auch deutschem HipHop nicht die Überhitzung erspart. Untrügliche Zeichen: Die Sparkasse bietet ein »fettes« Jugendkonto an, Bonduelle möchte »ultra funky Dosengemüse« verkaufen. Und die großen Labels können gar nicht genug Künstler signen, in der Hoffnung, die nächsten Fantas oder Brote zu finden. Die zweite Reihe wird abgegrast. Künstler wie Mr. Schnabel machen große Deals, für viel Geld wird das Video für »Susanne zur Freiheit« gedreht, für das Fischmob mit Michi Beck, den Stiebers und Dendemann extra nach Thailand ausgeflogen werden. Der Song landet auf Platz 72. Die Rechnung geht nicht mehr auf.


Das Ende
In den 90ern, als noch nicht alle nach Berlin wollen, wird dort – abseits der öffentlichen Wahrnehmung – der deutsche Battlerap erfunden. Hart und jenseits jeglicher political correctness führen Masters Of Rap und Westberlin Maskulin um Kool Savas die Kampfkultur ein – und damit auch Homophobie, Sexismus und Rassismus, die den US-Rap schon seit Jahren heimsuchen. »Schwule Rapper« sind die Opfer. Und die zur Schau gestellte Toughness und Schockwirkung – auch auf die plötzlich harmlos wirkenden 90er-Rapper der restlichen Republik – funktionieren auf einmal. Zeiten ändern dich. »Wir waren mal Stars»von Torch eignet sich 2000 fast schon zu perfekt als Abgesang auf eine Ära.




Um das Millennium herum ist der Markt gesättigt. Royal Bunker und Aggro treten auf den Plan. Savas wird zum Lehrer, Sidos Maske, Bushidos Fresse und ironische Schocks wie K.I.Z. beherrschen bald das Business. Wenige von den alten Protagonisten machen heute noch Rap. Ihr Vermächtnis aber bleibt. »Das ist die Ursuppe. Das hat heute noch Gültigkeit«, sagt Martin Stieber rückblickend. »Wir haben die deutsche Sprache dauerhaft verändert«, stellt Textor fest. Der Traum von der besseren, der eigenen Welt ist für viele tot. Damals ist er kurz aufgeflackert. Vielleicht war es aber auch alles bloß gute Musik. So oder so: Es ging um alles. Es ging um HipHop.


Mehr fortlaufend in unserem großen Damals-Spezial zu »20 Jahre Intro«:
Deutscher HipHop der Neunziger.